"Yves Saint Laurent – L'amour fou": Langes Adieu für einen Vielgeliebten

7. Juni 2011, 17:13
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Der Dokumentarfilm "Yves Saint Laurent – L'amour fou" lässt ein (öffentliches) Leben Revue passieren

Wien - Am Anfang steht der Abschied: Im Jahr 2002 gibt Yves Saint Laurent im Blitzlichtgewitter seinen Rückzug aus dem Modegeschäft bekannt. Er sei stolz darauf, die Garderobe der modernen Frau geschaffen zu haben. Aber er habe trotzdem beschlossen, "diesem Metier Adieu zu sagen, dass ich so geliebt habe."

Sechs Jahre später steht Saint Laurents Lebenspartner Pierre Bergé an einem anderen Rednerpult und richtet ein letztes Mal das Wort an "Yves". Es sind TV-Mitschnitte von der Verabschiedung des großen Couturiers. Pierre Thoretton beginnt seinen Dokumentarfilm über Yves Saint Laurent, der die Damenmode der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ganz wesentlich prägte, mit diesen öffentlichen Bildern.

Dann jedoch startet die Kamera einen Rundgang durch eine Wohnung. Der Blick fällt im wohligen Halbdunkel von holzvertäfelten Räumen auf Gemälde, Plastiken, Teppiche, Möbel und andere Artefakte: Es ist die Pariser Wohnung von Yves Saint Laurent, die auch eine umfangreiche Kunstsammlung beherbergte. Die Sammlung, welche Saint Laurent und Bergé seit 1960 zusammengetragen haben und die der Hinterbliebene nun versteigern lässt und wieder freisetzt - so als würde er "Vögel freilassen", damit sie sich anderswo niederlassen können.

Die Auflösung der Sammlung gibt dem Film einen Rahmen, einen Vorwand, um auch ein Stück weit vom Öffentlichen ins Private zu gelangen. Pierre Bergé ist dabei der zentrale Gesprächspartner und Gewährsmann. Seine mitunter eher kursorisch gehaltenen Darstellungen (etwa rund um die Kündigung bei Dior oder die Gründung der eigenen Marke YSL 1962) werden allenfalls um historische Aufzeichnungen - Fotos, TV- und Radio-Interviews oder Filme - erweitert.

Glück mit Seltenheitswert

Darunter sind allerdings Raritäten wie jene schwarz-weißen 16-mm-Aufnahmen (Jeanloup Sieff hat gedreht), auf denen ein gelöst wirkender Saint Laurent den Proust'schen Fragebogen beantwortet. Das größte Glück? Ein großes Bett, gut gefüllt! Oder auch ein "Home-Movie" aus New York, in dem Saint Laurent bei Andy Warhol eine Serie seiner Porträts entgegennimmt und sich ein dürrer Schlurf, der zuerst hinten am Klavier vor sich hinklimpert, als Mick Jagger entpuppt, der dann auch ein paar halb interessierte Blicke auf die Bilder wirft.

Ein Foto zeigt Bergé und Saint Laurent inmitten der Trauergesellschaft beim Begräbnis von Christian Dior 1957. Vorgestellt wurden sie einander jedoch erst ein Jahr später: Der 21-jährige Saint Laurent, nunmehr Nachfolger von Dior, wird gerade für seine erste Kollektion umjubelt. Die beiden werden ein Paar, allen Krisen, Saint Laurents Depressionen und Abstürzen zum Trotz bleiben sie einander eng verbunden.

Der Film erzählt diese Geschichte mitunter allzu weihevoll und wirkt dann gediegen und ein bisschen gepflegt langweilig wie ein Coffeetable-Prachtband. Wer noch mehr über YSL - und seine Arbeit - erfahren will, dem sei deshalb zusätzlich das großartige dokumentarische Doppel von David Teboul aus dem Jahr 2002 (Yves Saint Laurent, 5 avenue Marceau & Le temps retrouvé) ans Herz gelegt. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 8. Juni 2011)

  • Erinnerungen an den legendären Couturier: "Yves Saint Laurent - L'amour 
fou" von Pierre Thoretton.
    foto: stadtkino filmverleih

    Erinnerungen an den legendären Couturier: "Yves Saint Laurent - L'amour fou" von Pierre Thoretton.

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