Rohstoffreiches Kasachstan im Wiener Fokus

7. Juni 2011, 18:49
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Der zentralasiatische Öl- und Gaslieferant orientiert sich nach EU und Russland - viele Österreicher sind schon da

Das WEF-Regionalforum, das am Dienstagabend mit einem Empfang von Bundespräsident Heinz Fischer eröffnet wurde und Mittwoch und Donnerstag in der Hofburg stattfindet, beschäftigt sich insbesondere mit den wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten in Zentralasien. Als größtes Land der Region wird vor allem Kasachstan - mit einer Fläche von 2,7 Millionen km² flächenmäßig das neuntgrößte Land der Welt, in dem rund 16 Millionen Einwohner leben - vermehrte Aufmerksamkeit geschenkt werden, nicht zuletzt weil der kasachische Wirtschafts- und Handelsminister Kairat Kelimbetov persönlich teilnimmt.

Kasachstan gilt nicht nur als der größte, sondern auch als der reichste zentralasiatische Staat. Und obwohl sich schon im Jahr 2007 der damalige österreichische Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (ÖVP) an der Spitze einer Austro-Wirtschaftsdelegation - die auch einen vielbeachteten Auftritt in der Landestracht hinlegte (siehe Bild) - um eine Intensivierung bemühte, sind die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Österreich und Kasachstan weiterhin ausbaufähig.

Keine Rezession

Die Vorzeichen dafür stehen immerhin nicht schlecht: "Kasachstan rutschte als eines der wenigen Länder in der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise nicht in die Rezession ab", erklärt Olga Pindyuk, für Kasachstan zuständige Analystin beim Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). 2009 war das schlechteste Jahr, "da wurde mit einem 1,2-prozentigen Wachstum die Talsohle erreicht."

Nun geht es wieder steil bergauf. 2010 legte das kasachische BIP um 5,4 Prozent zu, heuer dürfte es um rund sieben Prozent wachsen - was vor allem dem Rohstoffbereich geschuldet ist: Kasachstan ist einer der wichtigsten Öllieferanten, Öl und Gas sind mit einem Anteil von rund 70 Prozent an allen Ausfuhren die mit Abstand wichtigsten Exportgüter. An dem profitablen Geschäft naschen auch der österreichische Ölfeldausrüster C.A.T. oil sowie die rumänische OMV-Tochter Petrom fleißig mit. Ansonsten werden aber etwa auch Eisen und Stahl, anorganische chemische Erzeugnisse sowie Erze und Schlacke exportiert.

Banken mit argen Problemen

Ganz verschont blieb das vom selbsternannten "Führer der Nation" Nursultan Nasarbajew mit harter Hand geführte Land von der Finanzkrise dennoch nicht. "Kasachstan war eines der ersten Länder, die mit einer Immobilienkrise zu kämpfen hatten. Davon waren vor allem die Banken des Landes betroffen, sie haben mit sehr vielen notleidenden Krediten - rund ein Viertel aller vergebenen Darlehen - zu kämpfen. Das ist derzeit der herausforderndste Bereich der kasachstanischen Wirtschaft", so Pindyuk.

2009 waren die größten Banken Kasachstans, die BTA Bank, die Alliance Bank und Astana Finance, in eine bedrohliche Schieflage geraten und nur durch ein milliardenschweres Banken-Hilfspaket samt teilweiser Verstaatlichung zu retten. Zu den Gläubigern der BTA Bank zählen auch die Bank Austria und die Österreichische Kontrollbank (OeKB).

Die Bank Austria hat erst vor wenigen Wochen ihrer defizitären Kasachstan-Tochter neuerlich mit frischem Kapital aushelfen müssen. 198 Millionen Euro wurden eingeschossen, damit sollte die Bank auskommen - "hoffentlich", sagte BA-Ostvorstand Gianni Franco Papa. Die Bank wird nun völlig umstrukturiert und soll heuer wieder schwarze Zahlen schreiben.

Starker Handelsüberschuss mit Österreich

Mit Österreich insgesamt hat Kasachstan - dank der Ölexporte - eine äußerst positive Außenhandelsbilanz. 2009 wurden Waren - hauptsächlich Maschinen - um 323 Millionen Dollar aus Österreich eingeführt, ausgeführt in die Alpenrepublik wurden Waren um 1,187 Milliarden Dollar.

Rund 50 österreichische Firmen haben sich in dem auch an Korruption nicht armen Kasachstan bereits niedergelassen, darunter etwa die AUA, Vamed, Kapsch sowie Doppelmayr. Der Vorarlberger Seilbahnhersteller hat erst im vergangenen Herbst eine Gondelbahn im Chimbulak-Skigebiet fertiggestellt.

Haupthandelspartner der Kasachen sind Italien bei den Exporten und Russland bei den Importen. Mit Russland und Weißrussland geht Kasachstan in Kürze auch eine Zollunion ein, die die drei Länder an strenge Auflagen bindet: Das Budgetdefizit darf drei Prozent des BIP nicht übersteigen, die Staatsverschuldung nicht größer als 50 Prozent des BIP werden, und die Inflationsrate muss unter fünf Prozent bleiben. "Im Vorfeld wurde über diese Zollunion heftig debattiert", so Pindyuk. Russische Autoproduzenten bekamen eine privilegierte Position, sie können ihre Autos nun ohne Importzölle nach Kasachstan exportieren, während Importzölle auf Autos aus Drittstaaten angehoben wurden.

"Moderner Autokrat" Nasarbajew

Dass sich Kasachstan damit wieder stärker in Richtung Russland orientiert, glaubt die WIIW-Expertin deshalb nicht: "Kasachstan versucht, die Balance zu halten. Es will nicht nur mit Russland verbunden werden, das könnte langfristig eine Gefahr bedeuten. Es hat Handelsbeziehungen zu China und anderen asiatischen und afrikanischen Volkswirtschaften, und es versucht auch zur EU gute Beziehungen zu halten." Die Wirtschaftspolitik Astanas sei damit sehr zielstrebig unterwegs - was man von anderen Bereichen der Politik nicht unbedingt sagen könne. Demokratische Strukturen im Allgemeinen, freie Meinungsäußerung im Speziellen - alles noch "massiv verbesserungswürdig", so die Beobachterin.

Erst im vergangenen April gab es in Kasachstan Präsidentschaftswahlen, da gab es zu Nasarbajew - der oft als "moderater Autokrat" bezeichnet wird und zu dessen Beraterstab unter anderem Alfred Gusenbauer, Gerhard Schröder und Romano Prodi gehören - de facto keine Gegenkandidaten. "Immerhin konnte aber vor den Wahlen ein Referendum, das Nasarbajew quasi zum Präsidenten auf Lebenszeit installieren sollte, verhindert werden", so Pindyuk. Der Präsident hatte es nämlich, obwohl es schon 5,5 Millionen Unterschriften dafür gesammelt waren, in seiner Generosität selbst nicht für gut befunden.  (map, derStandard.at, 8.6.2011)

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    Per Referendum sollten ihm die nächsten beiden Präsidentenwahlen erspart bleiben. Nursultan Nasarbajew, unumstrittener Herrscher Kasachstans, lässt sich aber lieber nach gewonnenen Wahlen feiern.

  • Olga Pindyuk vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche sieht Kasachstan zu EU und Russland Äquidistanz halten.
    foto: wiiw

    Olga Pindyuk vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche sieht Kasachstan zu EU und Russland Äquidistanz halten.

  • 2007 in der kasachischen Steppe: Der damalige AUA-Chef Alfred Ötsch (Bild) und der einstige Wirtschaftsminister Martin Bartenstein.
    foto: standard/hofmann

    2007 in der kasachischen Steppe: Der damalige AUA-Chef Alfred Ötsch (Bild) und der einstige Wirtschaftsminister Martin Bartenstein.

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