Als versponnene Festwochen-Etüde über das Abschiednehmen hat Luc Bondy die absurde Farce "Die Stühle" von Eugène Ionesco inszeniert
Ein Juwel der Schauspielkunst im Wiener Museumsquartier
Wien - Darf man Regisseur Luc Bondy Glauben schenken, dann ist das Sterben ein ebenso unumgängliches wie tröstliches Unterfangen, voller Anmut, Grazie und versteckter Heiterkeit. Die Deckenlampe springt an in der Halle E des Wiener Museumsquartiers, und eine verlotterte Alte (Dominique Reymond) patscht breitbeinig durch eine flache Pfütze.
Ihr setzt ein unmanierlicher Liebeswerber (Micha Lescot) nach: Der Greis rutscht auf auswärts gekehrten Füßen wie auf Scheitern; eine alte, haarige Spinne im schlotternden Sakko, die sich ihrer Beute sicher weiß.
Beim nächsten Hochfahren des Beleuchtungsreglers liegt Semiramis eng an ihren Gemahl geschmiegt. Eugène Ionescos 50 Jahre alte Farce Les chaises (Die Stühle), ein Gründungsdokument des "absurden Theaters", handelt vom lebenslangen Betrugsdämmer, der das Licht der Vernunft empfindlich dämpft. Zugleich ist es eine Ballade des stolzen Abschiednehmens: ein triumphales Spielangebot für zwei junge als Alte verkleidete Schauspieler des Vidy-Theaters in Lausanne, wo Bondys verspielte Inszenierung vor acht Monaten ihre Premiere feierte.
Boote und Baguette
Ehe sich die beiden Senioren aber zum letzten, nunmehr ewigen Schlaf ausstrecken, liebkosen sie einander. Karl-Ernst Herrmann hat eine kahle Landschaft errichtet, auf deren Grund sich ein paar Pfützen ausdehnen. Ein altes Radio plärrt Chansons. Semiramis, die Greisin mit dem strahlenden Verführungslächeln, schiebt einen Heizkörper durch die Gegend. Ihr Gemahl, der "Hausmarschall", der doch jederzeit das Zeug dazu gehabt haben soll, "Chefkönig" oder "Chefmarschall" zu werden, taucht auf Knien mit einer Baguette-Stange ein paar Papierfaltboote an.
Die ältesten Menschen sind naturgemäß auch die kindlichsten: Ionesco beschert seinem Greisenpaar zum langen Lebensausklang das berückendste Fest! Von der Decke baumeln zwei Galgenstricke herunter. In einer der beiden Schlingen schaukelt die "Urururgroßmutter" der Menschheit wie eine anmutige Nymphe.
Die latente Todesandrohung verschafft Ionescos Paar noch ein paar berückende Stunden. Die beiden laden sich unsichtbare Gäste ein, für die sie in einem fort Sessel heranschleppen - so lange, bis sich der Bunker in ein Möbeldepot verwandelt hat.
Unter der Hand erweist sich Ionescos vergilbter Text als Dokument der nüchternsten Bestandsaufnahme: Gefangen in aussichtsloser Lage, eingesponnen in ein löcheriges Netz aus Handreichungen und Gewohnheiten, erleben Philemon und Baucis einen alles verschlingenden, herrlichen letzten Winter. Es gehört zu den vielen Wundern von Bondys Inszenierung, dass sich seine beiden Schauspieler die Figuren stets auf Abstand halten: Lescots Ticks, sein gellendes Genuschel, sein geriatrisches Gliederreißen, werden bei Bedarf wie kolossale Betrugsmanöver angezettelt.
Über allem webt das Gefühl einer erotischen Abendröte: Der Herr des Hauses ("Hausmarschall") ist ein gescheiterter Schopenhauer, der seine Banane verzehrt wie der spulendrehende Krapp von Samuel Beckett. Er flennt in seiner großen Papierwindel nach Mama. Er berichtet von einem ominösen Paris-Besuch wie von einer mythologischen Begebenheit. Semiramis' trockener Kommentar zu so viel männlicher Einfalt: "Paris hat es nie gegeben!"
Aber auch die letzte Botschaft, die "er" zum Ausklang des Festes an die ganze Menschheit richten will, hat es nie gegeben. Ein Pomaden-Caruso (Roch Leibovici) macht sich auf einer zweiten Bühne mit ungeheurem Portal an einem alten Radiomikrofon zu schaffen. Das Abschiednehmen ist eine unumgängliche Albernheit! Wie soll man auch die ganze Menschheit erlösen können, wenn man sich selbst kaum zu helfen weiß?
Das Paar liegt tot im Wasser. Der Johnny Cash mit der Tolle hat ein paar unverständliche Silben gekrächzt: Selten erschien das Absurde so folgerichtig. Verdienter Jubel für alle Beteiligten, der Regisseur ließ sich nicht blicken. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 8. Juni 2011)