"Man muss das Menschliche im Auge behalten"

7. Juni 2011, 16:10
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"Es ist verständlich, vor einer Rückkehr Angst zu haben", sagt der kosovarische Botschafter in einer Diskussion über sein Land

Wien - "Ich habe bisher von keinem Land eine offizielle Absage erhalten, doch ich wurde beispielsweise im Gegensatz zu anderen Botschaftern nicht zum russischen Nationalfeiertag eingeladen", sagt der kosovarische Botschafter Sabri Kiqmari zu einem Thema, das dem jungen Publikum unter den Nägeln brennt: der Umgang anderer Länder mit der frisch erlangten Unabhängigkeit des Kosovo. Kiqmari gab sich gegenüber den 120 Schülern offen und entspannt, die zur Debatte "Botschaften aus Europa" - organisiert vom Standard und dem Europäischen Wirtschaftsforum - in die Hauptbücherei gekommen waren. Die Moderation übernahm Standard-Redakteurin Julia Herrnböck.

"Was war bisher Ihre schwierigste Aufgabe als Botschafter?", möchte Johann (16) wissen. Als Kiqmari von seinem inoffiziellen Treffen mit dem serbischen Botschafter in Österreich berichtet, horchen die Jugendlichen auf. "Er sagte mir, die Begrüßung sei keine staatliche, sondern eine persönliche, also haben wir uns auf Deutsch und Serbisch über ganz andere Dinge unterhalten. Momentan hat Serbien noch Probleme damit, zu akzeptieren, dass unser Staat überhaupt da ist, daher ist ein offizielles Treffen derzeit schwierig, und ich möchte nicht provozieren. Doch träfe ich den serbischen Botschafter im Supermarkt, so sagten wir uns auf Deutsch Guten Tag."

Die Beziehung zwischen dem Kosovo und Österreich sahen die Jugendlichen vor allem durch kosovarische Flüchtlinge gegeben. Der Botschafter zeigte sich bemüht, Aufklärungsarbeit zu leisten: "In den 60er-Jahren lud Österreich wegen des Arbeitskräftemangels unter anderem Gastarbeiter aus dem Kosovo ein, die viel für Österreich getan haben. Das soll nicht vergessen werden."

"Die Gesetze respektieren"

Gleichzeitig drückte Kiqmari Österreich seine Dankbarkeit für die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Kosovo während der 90er-Jahre aus und beweist Sensibilität gegenüber der aktuellen Situation für in Österreich lebende Kosovaren. "Man muss das Menschliche im Auge behalten. Natürlich ist es verständlich, dass jemand, der jahrelang hier gelebt hat, Angst hat, zurückzukehren. Aber es gilt nun mal die Gesetze zu respektieren."

Qendressa (18), eine seit zwölf Jahren in Österreich lebende und bereits eingebürgerte Kosovarin, kann die angesprochenen Gefühle aus erster Hand bestätigen: "Müsste ich zurück, hätte ich schon Angst. Denn was wäre, wenn ich keine Arbeit fände?"

Durch die Gegenüberstellungen beider Länder schafft es der Botschafter, die Lage des Kosovo, welche von den Folgen des Kriegs beeinflusst wird, für sein junges Publikum zu veranschaulichen. Um ein Beispiel zu nennen, erzählt Kiqmari vom Schulsystem seines Landes: "Die Probleme die wir heute haben, hatte Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg auch, aber wir arbeiten hart daran, die Qualität zu verbessern, und haben uns dafür auch Bildungsexperten aus Österreich geholt."

Auch die derzeit oft erwähnte "Politikverdrossenheit der Jugend" kommt zur Sprache. "Ich habe schon Interesse an der Politik, aber ich möchte die Politiker nicht für ihre Untätigkeit belohnen", meint Armin (18). Die Frage, ob es im Kosovo ähnliche Probleme gebe, verneint der Botschafter. "Die Jugendlichen im Kosovo haben eigentlich großes Interesse an der Politik. Sie wollen die Lage des Landes verbessern." Stolz erzählt der Botschafter, dass die Hälfte der Menschen im Kosovo unter 25 Jahre alt seien und somit die jüngste Bevölkerung in Europa bilden. Natürlich sei man auch über Facebook ansprechbar.

Die Jugendlichen zeigen sich zufrieden mit dem Gespräch. So meint etwa Carlos (16): "Mein Eindruck ist, dass der Kosovo ein offenes Land ist und dass die Kosovaren es mit Freude annehmen, wenn wir ihnen etwas geben." (Aurora Orso, SchülerStandard, Print-Ausgabe, 8.6.2011)

  • Die Jugend im Kosovo hat großes Interesse an Politik, sagt der kosovarische Botschafter Sabri Kiqmari bei einer Schülerdebatte.
    foto: standard/urban

    Die Jugend im Kosovo hat großes Interesse an Politik, sagt der kosovarische Botschafter Sabri Kiqmari bei einer Schülerdebatte.

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