"Nükleer? Hayir, tesekkürler!"

    7. Juni 2011, 18:30
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    Langsam keimt der Wille, MigrantInnen gezielt in den Umwelt- und Nachhaltigkeitsdiskurs miteinzubeziehen

    Für manche Themengebiete lohnt es sich, die Entwicklungen im deutschen Nachbarland näher zu beobachten. Das gilt zum Beispiel für einige Integrationsentwicklungen.

    In Österreich weiß man im Grunde nichts über das Umweltbewusstsein von MigrantInnen. Dass auch in Deutschland kaum Untersuchungen über Einstellung der MigrantInnen bei Umweltfragen existieren, macht den Zugang dazu nicht einfacher. Eine Nasenlänge voraus ist die deutsche Bundesrepublik Österreich trotzdem.

    Wichtige Integrationsfelder verabsäumt

    Im Jahr 2009 hat der Agrarwissenschaftler Turgut Altuğ in Berlin-Kreuzberg das Türkisch-Deutsche Umweltzentrum ins Leben gerufen. "Migranten wurden früher von Umweltschutzorganisationen gar nicht angesprochen", sagt Altuğ. Dabei seien Klimaschutz und Ernährung bedeutende Integrationsfelder, derer sich die deutschlandweit erste Umweltorganisation für MigrantInnen nun angenommen hat. Seit Jahren engagiert sich Altuğ, der Mitglied der Grünen ist, in Schulen und Kindergärten, um Kinder und Jugendliche für Mülltrennung, Energiebewusstsein und ökologische Ernährung zu begeistern. 

    Lücken füllen

    "Zwischen 15 und 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Die großen Umwelt- und Naturverbände haben es verabsäumt, diese Menschen gezielt anzusprechen und für sie Projekte zu machen. Da entstand eine Lücke, die nun mit punktuellen Bemühungen gefüllt wird", erklärt Altuğ die Gründe für den speziellen Umweltverein für MigrantInnen. Die Probleme liegen in Defiziten im Informations- und Bildungsbereich. Umwelt- und Naturbildungsprojekte können sehr hilfreich dabei sein, diese Lücken zu schließen.

    Gemeinsam agieren

    Abhängig davon, mit wem und für wen man arbeitet, und was und wie vermittelt werden soll, macht auch muttersprachliche Informationen notwendig. Besonderes Augenmerk legt das Türkisch-Deutsche Umweltzentrum auf Projekte, die alle in der Gesellschaft einbindet. Die Denkweise "wir Migranten und ihr Einheimische" sei falsch. Das können Interkulturelle Gärten oder punktuelle Treffen wie ein "Klimafrühstück" sein, der diverse Vereine an einen Tisch bringt.

    Bildungsformat "cleanEuro"

    Auch in Österreich rollen Umweltorganisationen eine gemeinsame Diskussion über Umweltprobleme und nachhaltige Lebensweise auf. So auch der Verein SOL (Menschen für Solidarität, Ökologie und Lebensstil), der sich seit 1979 für Nachhaltigkeit und Konsumbewusstsein einsetzt. Das von SOL erstellte Bildungsformat "cleanEuro", ein von der UNESCO ausgezeichneter Workshop für nachhaltigen Konsum, soll nun auf die Bedürfnisse der Menschen der türkischen Community zugeschnitten werden.

    Anerkennung stärkt Selbstbewusstsein

    Vera Besse, stellvertretende SOL-Obfrau und Projektleiterin von cleanEuro, dazu: "Im Rahmen interkulturellen Zusammenarbeit wird den TeilnehmerInnen mit türkischem Migrationshintergrund seitens der TeilnehmerInnen der Mehrheitsgesellschaft Anerkennung und Wertschätzung ihres wichtigen Beitrags und den gegenseitigen Austausch über nachhaltige Lebensstile zuteil. Schließlich leben sie bereits in vielen Bereichen nachhaltiger als die Mehrheitsgesellschaft."

    Einflüsse auf umweltschädliches Verhalten

    "Zahlreiche Studien belegen, dass Menschen mit vergleichsweise niedrigem Einkommen (überproportional hoher Anteil in der Bevölkerungsgruppe mit türkischem Migrationshintergrund) weniger umweltschädliches Verhalten aufweisen (können): keine Wochenendflüge nach Paris, keine SUVs, etc. Dieses Verhalten in einen positiven, nachhaltigen und damit erstrebenswerten Kontext zu stellen, kann das Selbstbewusstsein innerhalb dieses Bevölkerungssegments stärken, und gleichzeitig das diesbezügliche Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft schärfen."

    Gemeinsames Anliegen statt Differenzen

    Fast noch relevanter erscheint dabei der Fokus auf ein gemeinsames (Umwelt-)Anliegen, statt wie in der aktuell geführten Debatte um Integration auf kulturelle Differenzen in den Mittelpunkt zu stellen. Das Ziel sei, erklärt SOL-Mitbegründer Dan Jakubowicz, "gezielt Treffpunkte von türkischen MigrantInnen wie Moscheen und Kulturvereine aufzusuchen, um dort mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Mittels eines qualitativen Fragebogens zum nachhaltigen Konsum wird ihr Kenntnisstand erhoben, um bei den darauf folgenden Workshops anschlussfähig zu sein."

    Erste Erhebungen

    Solche Daten wurden im Rahmen einer Studie des deutschen Türkisch-Deutsche Umweltzentrums bereits erhoben. Die zwischen Mai und Oktober 2010 durchgeführte Studie "Unser aller Erde" hatte das Ziel "Umwelt- und Nachhaltigkeitskommunikation mit MigrantInnen zu verbessern - unter besonderer Berücksichtigung der türkischen Community und neuer Medien". Dabei waren sich die ExpertInnen einig, dass in der Kommunikation mit türkischstämmigen MigrantInnen vor allem Umweltthemen mit konkretem Alltagsbezug aufgegriffen werden sollten. Vorteile wie finanzielle Einsparungsmöglichkeiten, die umweltgerechtes Verhalten mit sich bringen, sollten betont werden. Auch persönliche Betroffenheiten wie "Giftstoffe in Spielsachen" sensibilisieren für das Thema.

    "Irgendwo muss man ja anfangen"

    Ob das Projekt "cleanEuro" auch auf Türkisch funktioniert und warum der Fokus (vorerst) auf bei der türkischstämmigen Bevölkerung liegt, erklärt Vera Besse mit einem knappen: "Irgendwo muss man ja anfangen." Doch es gibt auch eine sachliche Begründung: "Die türkischen Communities stellen nach den deutschen ZuwanderInnen die zweitstärkste Gruppe. Durch ihre religiösen Überzeugungen sind sie oft als MigrantInnen 'erkennbar' und stehen somit verstärkt Vorurteilen gegenüber. Integration über Umweltverhalten gezielt zu fördern steht daher im Zentrum des geplanten Projektes."

    Bisher wurden E-Mails an unterschiedliche türkische Vereine verschickt, konkrete Besuche sollen erst in der nächsten Zeit statt. Der Verein SOL hat eine Förderung bei der MA17 beantragt, von der im Prinzip alles abhängt, da erst mit der Förderzusage das Projekt beginnt, so Vera Besse. (Eva Zelechowski, daStandard.at, 07. Juni 2011)

    Links:

    Umweltzentrum für MigrantInnen Berlin

    Studie des Türkisch-Deutschen Umweltzentrums "Unser aller Erde"

    Verein SOL

    Im Rahmen des am 2./3. Juli stattfindenden SOL-Symposiums steht das Umweltverhalten als Integrationsfaktor als einer der Schwerpunkte im Vordergrund. Turgut Altuğ ist ebenfalls vor Ort und spricht zum Thema "Umweltschutz - (k)ein Thema für MigrantInnen?"

    Zu den Personen

    Dr. Turgut Altuğ kam mit 27 Jahren nach seinem Studium der Agrarwissenschaften aus der Türkei nach Deutschland und versucht seit Jahren BürgerInnen mit Migrationshintergrund für Umweltthemen zu sensibilisieren. Für sein Engagement und die Gründung Umweltorganisation für MigrantInnen wurde er mit einer der acht Integrationsmedaillen ausgezeichnet, die Maria Böhmer als Integrationsbeauftragte der Bundesregierung vergibt.

    Mag. Vera Besse ist stellvertretende Obfrau von SOL, Hauptverantwortliche des Projekts cleanEuro und seit 2004 aktiv mit dem Thema Nachhaltigkeitsspiele beschäftigt.

    DI Dan Jakubowicz ist HTL Lehrer für Elektronik und Informatik im Burgenland. Seit 1995 hält er Vorträge zu Nachhaltigkeitsthemen, ist Autor des Buches „Genuss und Nachhaltigkeit". 1979 hat er den Verein SOL mitbegründet.

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