Gradmesser

Taillenumfang versus Body-Mass-Index

7. Juni 2011, 14:58

Der BMI hat gewichtige Nachteile - Er unterscheidet nicht zwischen Fett- und Muskelmasse

Zahlreiche Erkrankungen lassen sich auf Übergewicht zurückführen. Einige von ihnen enden sogar tödlich. Gemeinhin gilt dabei der sogenannte Body-Mass-Index (BMI) als der wichtigste Indikator und Gradmesser für Übergewicht oder gar Fettleibigkeit. Für Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene mittleren Alters trifft dies ohne größere Einschränkungen zu.

Dann aber stößt der BMI an seine Grenzen. Denn er unterscheidet nicht zwischen Fettmasse und Muskelmasse. Im Falle von älteren Menschen hat der BMI demnach gewichtige Nachteile, denn durch das Altern nimmt die Muskelmasse im Körper beständig ab - ohne Folgen für das Gesamtgewicht einer Person. Für die Medizin und insbesondere für die Behandlung von älteren Menschen sind somit Alternativen gefragt, die den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krankheitsrisiken oder - im extremen Fall - zwischen Übergewicht und verschiedenen Todesursachen herstellen können.

Aufschlüsse über individuelles Krankheitsrisiko

In diesem Zusammenhang konnten nun Forscher der Universität Regensburg gemeinsam mit Kollegen aus den USA und den Niederlanden nachweisen, dass der Bauch- bzw. Taillenumfang - unabhängig vom BMI - Aufschlüsse über das jeweils individuelle Krankheitsrisiko liefern kann. Das Forscherteam um Michael Leitzmann vom Institut für Epidemiologie und Präventivmedizin der Universität Regensburg untersuchte dafür die Gesundheitsdaten von mehr als 225.000 US-Bürgern zwischen 50 und 71 Jahren. Die Daten wurden über einen Zeitraum von neun Jahren (1996-2005) gesammelt und vor kurzem ausgewertet. Die Grundlage der Studie bildeten Fragebögen, die von den beteiligten Personen ausgefüllt wurden und unter anderem Angaben zum allgemeinen Gesundheitszustand, den Rauch- und Trinkgewohnheiten und zu den jeweiligen Körpermaßen beinhalteten.

Für den gesamten Untersuchungszeitraum von neun Jahren ermittelten die Forscher - durch den Abgleich mit den Daten der US-Sterberegister - insgesamt 20.977 Todesfälle. Häufig konnten die Wissenschaftler dabei direkte Bezüge zur Entwicklung des Taillenumfangs nachweisen. Unter anderem Todesfälle von Lungenkrebs-Patienten oder von Personen, die an chronischen Atemwegserkrankungen litten, stehen demnach in Verbindung mit einem jeweils vergrößerten Taillenumfang. Eine ähnliche Beziehung zwischen Todesursache und Körpermaße konnte für den BMI nicht nachgewiesen werden.

Die Untersuchungen der Forscher haben weitreichende Konsequenzen für die medizinische Forschung und für die klinische Behandlung. Denn die Ergebnisse der umfassenden Studie zeigen, dass der Taillenumfang - mit Blick auf Lungenkrebs und Atemwegserkrankungen und damit auf zwei der wichtigsten Todesursachen - einen wesentlich besseren Indikator für das individuelle Krankheitsrisiko darstellt als der BMI. (red)

Kommentar posten
25 Postings
carbonara
00
12.6.2011, 13:54
BMI von V.Klitschko...

"Ein Beispiel: Der Boxer Vitali Wladimirowitsch Klitschko (Größe: 2,02 Meter, Gewicht 112 kg) hat einen BMI von 27,45, das bedeutet eigentlich: Leichtes bis mittleres Übergewicht (BMI 26-30)".

Quelle: http://www.novafeel.de/koerperfe... olumen.htm

Dackerl
00
Wichtig vs. unwichtig

Auf wichtige Dinge kann man nicht so leicht verzichten, auf unwichtige eher. Im letzten Satz des Artikels erheitert mich die Wortwahl "wichtigste Todesursache". Kann man mir erklären, wodurch eine Todesursache wichtig, also unverzichtbar, wird ??

Heavyweather
01

Wozu braucht man das? Kann nicht jeder selbst beurteilen ob er fett ist?
Schickts mir die Bilder, ich mach das locker auf den ersten Blick.

suche prov.freie(!) 3ZiWhg in/um Wien
00
16.6.2011, 02:59
Auch schlanke Menschen können einen hohen Körperfettanteil haben.

So können u.U. selbst dünne Models verhältnismäßig viel Fett haben (z.T. legt sich das dann um die Organe herum an), da sie durch das Hungern ohne ausreichende sportliche Aktivität kaum Muskelmasse haben. Solcherart "fette" Menschen sind übrigens ebenso gesundheitsgefährdet wie ihre Mitmenschen, die ihr Körperfett deutlich erkennbar mit sich herumtragen.

Verleihnix
 
00
Lungenkrebs und Body Mass Index?

Wieso soll man BMI gegen Hüftumfang ausspielen?

In der Studie wurde der Zusammenhang von Lungenkrebs und Hüftumfang hergestellt. Das ist tatsächlich neu. Am Hauptrisiko Rauchen ändert das aber nichts. Das hätte man im Artikel vielleicht auch anmerken können.

Zum BMI: Dass die Muskelmasse im BMI nicht erfasst ist, ist nicht neu. In der Studie wird aber nicht behauptet, dass der Hüftumfang BESSER sei, sondern dass er viel Zusatzinformation über das Herzinfarktrisiko liefert.

Übrigens: Ob jemand speckig oder muskulös ist, lässt sich meist auf den ersten Blick feststellen.

Kleanthes
27
"...Der BMI hat gewichtige Nachteile - Er unterscheidet nicht zwischen Fett- und Muskelmasse..."

Wirklich? Dass dem so ist, ist längst bekannt, und so was von logisch.
Aber es dauert ca. 1 Generation bis eine populäre Dummheit durch eine richtige Einsicht ersetzt wird. Siehe: Krafttraining gegen Rückenprobleme. Dafür wurde Werner Kieser noch in den achtziger Jahren von Ärzten und Physiotherapeuten massiv attackiert.
Der Taillenumfang ist ebenfalls Bullshit. Das einzige was wirklich Aufschluss bringen würde ist eine Fettanteilmessung. Weil MUskeln sind immer gut. Aber das ist halt etwas komplexer, und schwieriger zu veranstalten als ein Messband um die Plauze zu binden...

birka
00

Beim Diabetes macht zB Bauch/Taillenumfang schon Sinn und ist ein Risikoprädiktor. Noch besser wäre da zwar die Leberverfettung zu untersuchen aber ein Maßband ist einfacher/billiger/schneller als ein Sono-Gerät.
BMI ist fürs kardivaskuläre Risiko insofern wenig brauchbar als dass der Fitness-Status nicht eingerechnet wird. Selbst dicke fitte Leute haben geringere Risiken als dünne un-fitte. Aber: Die allermeisten sind sowieso in der Gruppe der "nicht-fitten" und da sind die dicken schlechter dran als die dünnen..

Zinnmo
 
00
Der Taillenumfang ist etwas aussagekräftiger als der BMI.

Beim BMI ist ein Kugelbau an einem Gerippe in Ordnung und ein durchtrainierter Muskelprotz gilt als fettsüchtig. Zumindest das passiert beim Taillenumfang nicht mehr.

greengaja
00
es gibt mehr

es gibt viele parameter, die bestimmt werden können, um die körperzusammensetzung zu messen. der BMI ist nur einer davon, ist halt einfach auszurechnen, deshalb ist er so beliebt beim volk!
in der ernährungswissenschaft und diätelogie werden andere herangezogen! leider wird in den medien nie davon berichten. zb der "waist-to-hip-ratio" oder die "BIA (bioimpendazanalyse)". zweiteres ist natürlich etwas teurer und aufwendiger, allerdings sehr aussagekräftig!

deathdealer
12
Bodybuilder

BMI und Bodybuilder sind auch ein gutes Bsp. dafür.
Hat einer z.B. bei 1.8m 100kg, is das sicher ein schlechter BMI, aber vlt. nur ein Köperfettanteil von 7% ;)

A. Raunzer
00
Ja, aber

auch hier sind Schlüsse auf ein ev. schädigendes Verhalten möglich: Studien haben gezeigt, dass ohne chemische Hilfen auch mit intensivstem Training ein FFMI (fettfreier Mass-Index) von > 26 nicht möglich ist. 100 kg bei 7% Fettanteil und 1,80 wären fast 29 und damit höchst verdächtig. Es soll aber auch Bodybuilder mit einem FFMI > 40 geben....

Wappen hea
10
15.6.2011, 12:39

Studien hin oder her:
ich war mit 23 an einem Institut der Hauptuni, die sich mit der Etablierung des BMI beschäftigt. Hab mir meinen ausgerechnet: 185cm, 103kgs und da ausschließlich vegetarisch ernährt auch kein Fett (meine Hausärztin wollte mich deshalb 1997 zur Körperfettuntersuchung schicken, weil wirklich zu wenig). Mein BMI deutete auf Fett hin. Nu, hab ich die vom Institut gefragt, ob sie meinen ich sei fett. Nach allgemeinen Gelächter wurde ich aufgeklärt, daß der BMI ein besseres Maß sei, als die Körperwaage aber weit weg von einem perfekten Maßstab. Heut hab ich 110kgs, ein bissl Fett und leb immer noch gut :) und größtenteils sogar vegan.

Analyser
00

viele bodybuilder sind unterernährt.
viel zu wenig fett im vergleich zur muskelmasse, nur damit die muskulatur optisch besser hervor sticht.

Zinnmo
 
32

Ich hab (fast) diese Werte (1,77m, 98kg, ~10-11%) und mir hat eine Ärztin bei der Gesundenuntersuchung wegen dem BMI (31,3) Adipositas bescheinigt. Dabei saß ich mit nacktem Oberkörper vor ihr!

Das war natürlich mein letzter Besuch bei der Dame.

Colette
01

interessant, dass man mit 50 nicht mehr zum mittleren lebensalter zählt.
weiters würde mich interessieren, was dann die konsequenz ist. gezielt (nur) an bestimmten körperstellen abnehmen ist nicht möglich. müssten also dann diese menschen ein geringeres normalgewicht erreichen als andere, um um die taille herum schmaler zu werden?

A. Raunzer
00
Das wird wohl so sein

Denn wenn jemand genetisch nicht zum Muskelprotz neigt, muss er wohl mit einem geringeren Gewicht leben, um gesund zu bleiben. Problematisch ist offensichtlich das Fett im Bauchraum. Wer insgesamt einen geringeren Fettanteil hat, wird auch da weniger haben. Manche haben allerdings auch von Natur aus eine günsigere Fettverteilung, die sich in einem geringeren Bauchumfang äußert.

Colette
00

stimmt - und manche haben von natur aus einen bauch ;-) man sieht ja oft schlanke männer mit bauch (manchmal auch frauen).

erkelteter tiger
00
weg mit dem speck,

es wird ja kaum jemand geben der z.b sein doppelkinn behalten will, und nur die gesundheitlich besonders problematischen fettdepots um die inneren organe loswerden will

ecologyst
10

die jetzigen 50jährigen wurden um 1960/1961 geboren. da lag die durchschnittliche lebenserwartung noch bei 69, bei männern überhaupt nur bei 66.

wo wollens für die das mittlere alter enden lassen? bei 60? bei 65? :)

Colette
00

würde sagen, mit 60. Die Altersdefinition der WHO unterscheidet zwischen älteren Menschen (60- bis 75-Jährige), alten Menschen (75- bis 90-Jährige), den über 90-Jährigen als die Hochbetagten und den Langlebigen, den über 100-Jährigen.

das mit der lebenserwartung stimmt für die heute 50jährigen nicht mehr. die fernere lebenserwartung eines 50jährigen mannes beträgt noch 27 jahre (siehe statistik austria http://www.statistik.at/Lebenserw... ction.do).

ecologyst
00

für einen "noch lebenden 50-jährigen" beträgt die fernere lebenserwartung 27 jahre.

aber gut, auch bei abzug von 1-2 jahren immer noch besser als die damaligen 66. ja, 60 würde wahrscheinlich eher hinkommen.

Schnapphahn
00
bei 98!

noldman
02
@Standard

Bitte Link zu der Studie.
2. in den Artikel die gefundenen Idealwerte für den Teillenumfang eintragen bzw. ab wann wurde es für Lungenkranke etc. gefährlich?

Chris Quast
00

ja dass wäre wirklich ein ganz netter service.

aber dass kostet extra ;-)

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.