Kernschmelze in Fukushima

Mauer des Schweigens

Tobias Müller, 6. Juni 2011, 18:28

Japans Regierung scheitert in Sachen Krisenkommunikation

Schnell reagieren, Neues sagen und nicht lügen - das sind die drei Grundregeln der Krisenkommunikation. Japans Regierung hat keine davon beherzigt.

Seit Montag ist die Kernschmelze in den Reaktoren Fukushima 1 bis 3 amtlich bestätigt - bekannt war sie seit Mitte März. Ähnlich prompt stuften die Behörden das Unglück in Fukushima auf Stufe sieben der Ines-Skala für atomare Unfälle hoch - Wochen, nachdem die meiste Radioaktivität ausgetreten war. Andere Ankündigungen kamen dafür schnell: Die Lage sei "in nicht weiter Ferne" unter Kontrolle, versprach Regierungschef Naoto Kan kurz nach dem Beben. Ein stabiles Fukushima ist bis heute nicht in Sicht.

75 Prozent der Japaner finden daher, der Premier habe seine Sache schlecht gemacht. Ein Misstrauensvotum vergangenen Donnerstag überstand er nur, weil er den Widersachern in der eigenen Partei versprach, bald abzutreten. Dabei hat sich der Premier redlich bemüht, transparent zu arbeiten. Gescheitert ist er zum guten Teil an der Verflechtung zwischen Aufsichtsbehörde, Energieministerium und AKW-Betreiber Tepco. Jahrzehntelang war diese Trias niemandem Rechenschaft schuldig - da braucht es mehr als eine Flutwelle, um die Mauer des Schweigens zu brechen.

Geht es nach Umfragen, wird die oppositionelle LPD nun bald mitregieren. Das freut dann nicht nur die Mehrheit im Volk, sondern auch einen der wichtigsten Parteispender der LPD: das Management von Tepco. (Tobias Müller, DER STANDARD-Printausgabe, 7.6.2011)

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docNukem
02
So langsam kommt es an den Tag

Das da nur Pfusch und Korruption am Werk waren. Wenn sich alle diese Berufslügner auf einmal Umbringen würden, gäbe es vermutlich keine Regierung und kein Management mehr.

BerndDasBrot
 
02

Am 2. Tag nach dem Erdbeben ein (ZIB oder ARD?) Interview mit einem ehemaligen Tschernobyl Manager: Der größte Fehler der damals gemacht wurde, und den Japan jedenfalls vermeiden sollte, ist irgendwas zu verheimlichen. Völlige Transparenz und Information über die Lage ist das aller wichtigste. Sic!

no_milk_today
00

http://www.bbc.co.uk/news/worl... c-13678627
japan doubles fukushima radiation leak estimate

the comedian
 
03
aber wenn

der chef vom dienst hirnfrey schwadroniert:
http://derstandard.at/129782091... logGroup=2

dafür darf sich talentfrey bis an den jüngsten tag schämen.

mika33
02
Nein!

Das Problem liegt in der Katastrophen- und Senasationsgier der Medien. Jede Nachricht die nach außen dringt wird absolut unsachlich zu einem Weltuntergang aufgeblasen, um den Menschen nur möglichst viel Angst zu machen. Unvollständige Informationen werden den Verantwortlichen als Unfähigkeit ausgelegt dann nach allen Regeln der Panikmache interpretiert.
Da ist es völlig logisch im Ernstfall viele Informationen erst mal nicht an die Medien zu geben, weil diese nicht in der Lage sind, diese auf sachlicher Ebene weiterzugeben. Aber das liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache, passiert doch bei jeder Katastrophe so. Gabs schon mal eine Katastrophe, wo nachher nicht das "schlechte Krisenmanagement" angeprangert wurde?

M. P.4
 
00
Japaner haben eine ganz andere Kommunikations -und Diskussionskultur. Gebe ich ihnen völlig Recht.

Niemand würde dort vor die Kameras treten, ohne in einer Sache 100% sicher zu sein. Während bei uns jede Stunde echte oder selbsternannte Experten sich z.T. völlig widersprechende Analysen lieferten, wurden in japanischen Medien nur Zahlen und technische Daten zu Fukushima vorgelesen. Dies wurde als Desinformation interpretiert. Gleiches passiert nun mit EHEC: jeden Tag ist eine andere Gemüseart schuld und die Bevölkerung wird nur verunsichert. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Japan in den ersten Wochen mit einer weit größeren humanitären Katastrophe zu kämpfen hatte: 28000 tot, 250000 obdachlos durch den Tsunami. Da wäre eine Panikmache á la Europa sicher der falsche Weg gewesen.

dhl
04
Wenn der japanische Polit- und Wirtschaftsklüngel

nicht davongejagt wird, ist diese Insel vor mittelalterlichen Zuständen nicht mehr zu retten.

Das wird dauern, bis nach ein paar Jahren eine Generation draufkommt, wie sehr sie kontaminiert ist.

Vorher müssen leider noch einige Kinder (ohne Ohren oder mit zu großen Nasen) auf die Welt kommen.

FAIL
01

sagen sie hier in europa wo das doch sooo komplett anders is ...

grifter
012
Lehrbuchmäßig.

Und ich dachte, Jungk hätte überzeichnet, als er den "Atomstaat" schrieb; weit gefehlt, dieser für die AKW-Betreiber und deren Gefolgschaft ausgezeichnet verlaufene Desinformationskrieg gegen die Bevölkerung wird wohl als Mustergrundlage für jede weitere Atomkatastrophe dienen, weil es so wunderbar glatt gelaufen ist.

Die Abwiegler und Beschwichtiger hatten genug Zeit, um die Katastrophe durch bröckchenweise Veröffentlichung zu relativeren.
Mission accomplished, alle erfolgreich verarscht, könnt ihr stolz drauf sein.

Gerhard Ingolf
10

Allen Fachleuten war klar, dass es zu Kernschmelzen kommen muss wenn die Notkühlung nicht funktioniert, und diese Information kam sofort! Aber es war den Fachleuten auch klar, dass dies nur begrenzte Auswirkung haben wird. In der Öffentlichkeit war aber seit Jahrzehnten der Eindruck vermittelt worden, dass "Kernschmelze" das ganze Land unbewohnbar machen wird und dass Hunderttausende wenn nicht Millionen sterben werden.
Wußten Sie, dass es im Jahr nach Tschernobyl als einzige statistisch nachweisbare Folge 135 Selbstmorde mehr allein in Österreich gab, als im langjährigen Schnitt?
Wieviele hätte es diesmal gegeben?
"Kernschmelze" erst zugeben wenn man die tatsächlich resultierende Auswirkung sieht ist da allemal besser!

grifter
01

Sie ragen als besonders hartnäckiger Vertreter dieser Gattung heraus, Hut ab!

Noch zu bagatellisieren (und auf kaum zusammenhängende Schauplätze wie Selbstmordraten abzudriften), nachdem anhand der darliegenden Fakten nichts mehr zu beschönigen ist, ist dann wohl nicht mehr zu toppen.
mfg grifter

kasperl-und- Petzi
10
Muss das schoen sein wenn die welt so einfach gestrickt ist.....

mehr ist dazu nicht zu sagen

no_milk_today
01

http://www.taz.de/1/zukunft... chts-mehr/
"Es besteht die Gefahr, dass 44 der 58 Reaktoren in Frankreich abgestellt werden müssen." [...] Schwere Versorgungsengpässe dürften sich erst recht ergeben, weil Frankreich – entgegen einer auch kürzlich von Industrieminister Eric Besson wiederholten – seit 2004 netto mehr elektrischen Strom aus Deutschland bezieht, als es dorthin exportiert. Mit der definitiven Schließung von sieben deutschen AKWs verschärfen sich die Probleme. Das gilt übrigens nicht nur für die Hitze im Hochsommer, sondern erst recht auch bei extremen Temperaturschwankungen im Winter

Heinz Anderle
 
016
Ein bißchen Spaß muß sein: Im Museum für Technik und Industrie in Paris...

... lädt ein putziges Modell eines Atomkraftwerks ("Centrale Nucleaire") die Besucher ein, durch Drücken verschiedener Knöpfe die einzelnen Teile (Reaktor, Kühlpumpe, Turbine, Abklingbecken usw.) zu beleuchten. Leider reichte mein Französisch nicht aus, zu fragen, welche Knöpfe man für eine Kernschmelze zugleich drücken müßte, und auch die vorbeikommende Gymnasial-Oberstufenklasse verstand sehr schlecht Englisch.

"jouer Fukushima" (Fukushima spielen) bewirkte dann doch Heiterkeit bei den Schülern und Anregung, dies zu probieren, was die Frau Lehrer wiederum nicht so lustig fand.

Man muß die Götzen unserer Zeit ebenso vom Thron stürzen wie jene des Ancien Regime vor 1789.

Dr. Heinz Anderle, subversiver Freigeist

Euroumrechner
027

Mit Fukushima wurde offensichtlich wie Desinformation durch Medien funktioniert.

Und eins wurde auch offensichtlich, der Kapitalismus ist sogar beim Verschweigen, Verleugnen und Manipulieren dem Kommunismus weit überlegen.

no_milk_today
05

http://search.japantimes.co.jp/cgi-bin/n... 606x2.html
ausgetretenes plutonium im boden in ca zwei km entfernung nachgewiesen

aber, eh wayne mittlerweile, mauer des schweigens her oder hin

Gerhard Ingolf
00

Sie haben die damalige Meldung offenbar nicht verstanden - weil Sie sich nicht das Messergebnis angesehen haben:
Die Information war folgende: In 3 von 5 Proben wurde Plutonium gefunden (knapp an der Nachweisgrenze!), wobei es zumindest bei zwei Proben aufgrund der Isotopenzusammensetzung wahrscheinlich von früheren Kernwaffenversuchen stammt. Schlussfolgerung: Wenn es nur knapp an der Nachweisgrenze liegt gibt es kein Problem - dann ist es zumindest um eine Größenordnung unter dem zulässigen Grenzwert. Was soll man da weiter berichten?

Grisu der kleine Drache
00

Leider keine Mengenangabe dabei.

Wenn erst durch Isotopenanalyse nachgewiesen werden konnte, dass es sich nicht um Fallout von Atombombentests, sondern um Reaktorplutonium handelt, muss die Menge recht gering sein. Offensichtlich war die Plutonium-Strahlung auf einem Niveau wie es infolge der athmosphärischen Atombombentests seit 50 Jahren praktisch weltweit "normal" ist.

th004900
 
020
Manipulation und Irreführung

Als ich am 14.3.2011 hier gepostet habe: http://derstandard.at/plink/129... id20301038 wurde ich von Einigen als Depp angesehen.

Jetzt ist es offiziell, dass die Japaner monatelang gelogen haben - und obwohl es um eine 3-fache Kernschmelze und monatelanges "an der Nase Herumführen" geht, ist dies dem Standard eine "großartige Nebenmeldung" in der Rubrik "Meinung" wert - also dort, wo es kaum jemand liest.

Es soll sich jeder seine Meinung zu den Themen "Manipulation" und "Irreführung" bilden; für mich ist es mehr als besorgniserregend, wenn die Androschs Ansichten, Gewerkschaftsforderungen, Bundesbahn-, Wehrpflicht- oder Plasnikmeldungen uvam. Vorrang vor Existentiellem haben.

Der junge Jim Kirk
132

Wieso genau ist eine Kernschmelze in Japan die vor 2 Monaten passierte für uns in Österreich existentiell?

frank rosner
12
weil deswegen

EHEC zu uns gekommen ist.

A ndreas Bogeschdorfer
010

Weil die Schlüsse die aus diesem Ereignis gezogen werden für einen von AKW umgebenen Staat existenzielle Bedeutung haben können.

Und weil nur bei richtiger Informationslage die richtigen Schlüsse gezogen werden können.

Gerhard Ingolf
00

Dann ziehen Sie bitte auch die richtigen Schlüsse: Evakuierung im Umkreis von 30km reicht. Wenn das AKW 60km von der Grenze weg ist, wo ist das Problem?

Halil Pascha
011

Weil der gesamte Pazifik radioaktiv verseucht wird und der junge Kim Dirk, wenn er sich zum Aldi beamt, nur mehr strahlenden Alaska-Seelachs bekommt.

Gerhard Ingolf
10

Bitte die aktuellen Messwerte in www.mext.go.jp anschauen.
Im Meerwasser gibt es nur in nächster Umgebung des Kernkraftwerkes nachweisbare Spuren von Cäsium - selbst Greenpeace kann nicht mit den erhofften Schlagzeilen aufwarten!

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