"Wir sind Feig- und Neidbürger"

6. Juni 2011, 17:19
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Hannes Androsch und die "Wölfe der Verhinderung": Der sozialdemokratische Großindustrielle macht ein paar Dutzend Blockierer für den Stillstand im Staat verantwortlich - und vermisst einen Aufstand erboster Bürger

Wien - "Das Gefährliche an alten Herren ist, dass sie sich nicht mehr fürchten müssen": Hannes Androsch interpretiert ein Zitat von Peter Ustinov als Freibrief. Also nützt der 73-jährige Industrielle und Ex-Finanzminister ein von der Agentur Ecker & Partner veranstaltetes "Business Breakfast" für eine Abrechnung mit Politik, Staat und Gesellschaft. Angelpunkt des Rundumschlages: Der viel beklagte Stillstand.

"Das politische Kräfteparallelogramm hat zu einer Lähmung geführt", meint Androsch: "Ein paar Dutzend Leute, die Privilegien verteidigen, halten die Zukunft unseres Landes in Geiselhaft." Als Beispiel nennt der Sozialdemokrat die Lehrergewerkschaft, die einen Wandel des "archaischen Schulsystems" hintertreibe, das auf Anforderungen der Zeit - etwa berufstätige Frauen - keine Rücksicht nehme. Zwar träten mitunter neue Protagonisten auf, "die Kreide gefressen haben", sagt er: Doch dahinter lauere immer noch "der Wolf der Verhinderung".

Träge und bequem

Dass sein eigenes Bildungsvolksbegehren vielfach auf "Desinteresse" stoße, schiebt Androsch aber nicht nur auf institutionalisierte Blockierer. Am Reformstau seien nicht nur Sozialpartner, Länder und Regierung schuld, meint er: "Das sind wir auch selber. Wir sind indifferente Lethargiebürger, träge und bequeme Resignationsbürger und obendrein Feig- und Neidbürger."

Letztere Mentalität glaubt der Industriekapitän in der von seiner eigenen Herzenspartei propagierten Forderung nach höheren Vermögenssteuern zu erkennen, die er vor allem deshalb für inakzeptabel hält, weil das Volk ohnehin schon unter einer Höchststeuerlast stöhne und der Staat in großem Stil Geld verschwende. Als Beleg nennt Androsch die vielen Frühpensionen und natürlich den Föderalismus, der sich bis in die Parteien durchziehe. "Die Landeshauptleutekonferenz hält sich eine Bundesregierung", meint er: "Wenn der Parteichef nicht pariert, gibt's kein Geld - auch wenn es der Neffe ist."

Vollkaskomentalität

Dass die vergeudeten Summen an anderer Stelle fehlten, sieht Androsch nicht nur im Bildungssystem. Die Regierung wollte sich doch innerhalb eines Jahrzehnts zur Nummer eins punkto Forschung aufschwingen, rekapituliert er süffisant: "Der vorliegende Finanzplan bis 2015 stellt sicher, dass diese Strategie gescheitert ist." Der nun aufgerissene Investitionsrückstand ließe sich später nicht kurzfristig aufholen, sagt Androsch: "Man kann Forschungsinfrastruktur nicht einfach beim Schlecker einkaufen."

Noch gehe es dem Land gut, "weil es von der Ernte lebt, die vor 25 Jahren ausgesät wurde." Nun sei es aber höchste Zeit, dass die Leute ihre "Vollkaskomentalität" ablegen und die Regierung mit Engagement zum Handeln treiben, sagt Androsch. Sonst werde Österreich es nicht dem Vorbild Schweden gleichtun, sondern den maroden Griechen: "Die Sirtaki-Klänge werden schon lauter." (Gerald John, STANDARD-Printausgabe, 7.6.2011)

  • Eine geballte Faust gegen die Lethargie im Land erwartet Hannes 
Androsch auch von den Bürgern - bei seinem eigenen Bildungsvolksbegehren
 stieß dieser Appell nur auf gedämpfte Resonanz.
    foto: standard/newald

    Eine geballte Faust gegen die Lethargie im Land erwartet Hannes Androsch auch von den Bürgern - bei seinem eigenen Bildungsvolksbegehren stieß dieser Appell nur auf gedämpfte Resonanz.

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