Prekäres Gleichgewicht zwischen Viren und Opfern

6. Juni 2011, 21:00
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Die komplizierte Seuchendynamik der Fledermaustollwut wird erforscht

Big Brown Bat, Große Braune Fledermaus, so nennen die Nordamerikaner eine der häufigsten fliegenden Säugetierspezies ihres Kontinents, die unter Zoologen auch als Eptesicus fuscus bekannt ist. Die Tiere sind weitverbreitet. Sie überwintern meist in Felsenhöhlen, aber im Sommer bilden die Weibchen gerne Brutkolonien in Gebäuden und ziehen dort ihre Jungen groß.

Ähnlich wie ihre europäischen Verwandten können auch nordamerikanische Fledermäuse an Tollwut erkranken. Die Krankheitserreger können auch den Menschen befallen. Grund genug also, das Auftreten von Fledermaustollwut genauer zu überwachen. So führen zum Beispiel die Gesundheitsbehörden in Fort Collins (Colorado) ein entsprechendes Monitoring-Programm durch. Die dort anwesenden Brutkolonien werden hinsichtlich ihrer Durchseuchung mit Tollwutviren untersucht.

Ein Forscherteam unter Leitung des Biologen Charles Rupprecht von den Centers for Disease Control in Atlanta hat die Untersuchungsergebnisse als Basis für eine faszinierende Modellstudie genommen. Die Wissenschaft versteht bislang nicht genau, wie sich die Tollwuterreger in Fledermauspopulationen verhalten. Nur ein Teil der infizierten Tiere wird auch tatsächlich krank und steckt Artgenossen an. Die anderen entwickeln spezielle Antikörper und können sich so anscheinend der Erreger entledigen.

Bricht die Krankheit einmal aus, dann stirbt das betroffene Tier in der Regel innerhalb weniger Tage. Die Inkubationszeit ist allerdings wesentlich länger. Eine Virusübertragung kann nur nach Ausbruch der typischen Tollwutsymptome erfolgen. Die nunmehr aggressiven erkrankten Fledermäuse beißen andere und infizieren diese über ihren Speichel.

Die Anzahl der gefundenen tollwütigen Fledermäuse schwankt stark. Es gibt eine deutliche Häufung im Spätsommer. Dann ist auch die allgemeine Sterblichkeit hoch. Im Winter hingegen scheinen nicht nur die Fledermäuse, sondern auch die Tollwutviren inaktiv zu sein. Vermutlich verhindert die Kältestarre in den infizierten Tieren die Virusvermehrung, schreiben Rupprecht und Kollegen in einer Online-Vorabveröffentlichung des Wissenschaftsmagazins PNAS. Winterschlafende Fledermäuse können ihre Körpertemperatur auf wenige Grad über dem Gefrierpunkt senken. Sämtliche Stoffwechselprozesse werden dabei auf ein Minimum reduziert.

Die Wissenschafter entwickelten ein mathematisches Modell zur Darstellung der Krankheitsdynamik in von Tollwut befallenen Fledermauspopulationen und stellten fest, dass sich das Virus offenbar exakt an deren Lebensrhythmus angepasst hat. Die ersten Übertragungen finden unter Eptesicus-fuscus-Weibchen im Frühling statt, wenn diese sich in den Kinderstuben zusammenfinden. Nach einer Inkubationszeit von meist mehreren Monaten findet die zweite Infektionswelle nach der Geburt der Jungtiere statt. Diese sind immunologisch noch weitgehend naiv und somit eine relativ leichte Beute für die Viren.

Die Tollwut breitet sich bei einem Teil der jungen Generation aus (circa ein Prozent) und fordert diverse Todesopfer. Aber einige schaffen es vor Ausbruch in die Winterquartiere und bilden so das Virenreservoir fürs nächste Jahr. Der Kreis schließt sich.

Das Modell zeigte zudem, welche Bedeutung der Winterschlaf für das Überleben der Fledermauspopulationen hat. Ohne diese Pause würde sich das Virus zu schnell ausbreiten und seine Wirte vermutlich sogar ausrotten. Zugleich würde eine kürzere Inkubationsdauer im Sommer zu nicht-ausreichenden Infektionsraten führen. Die meisten Tiere stürben, bevor sie einen Artgenossen anstecken könnten. Den Krankheitserregern drohte dann selbst das Aus. Seuche und Opfer koexistieren somit in einer feinen Balance.

Die USA verzeichnen jährlich ein bis sechs Todesfälle unter Menschen aufgrund der Fledermaustollwut. In Österreich sind derartige Fälle nicht bekannt. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. Juni 2011)

  • Immunologisch "naiv" und somit leichte Beute für die Viren: eine junge Große 
Braune Fledermaus.
    foto: pnas

    Immunologisch "naiv" und somit leichte Beute für die Viren: eine junge Große Braune Fledermaus.

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