Mit richtiger und gründlicher Mundhygiene sowie professioneller zahnärztlicher Betreuung kann Parodontitis vorgebeugt werden
Kitzbühel/Wien - Die Parodontitis gehört laut World Health Organization (WHO) zu den häufigsten und unterschätzten Volkskrankheiten. Obwohl mehr als 50 Prozent des Zahnverlustes auf diese Erkrankung zurückzuführen sind, werden die Erkrankung und deren mögliche Folgen in weiten Teilen der Bevölkerung nach wie vor zu wenig ernst genommen. Ein Großteil der parodontalen Erkrankungen ließe sich durch geeignete Präventionsmaßnahmen verhindern oder zumindest abschwächen, meinen Experten in einer Aussendung anlässlich der 20. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Parodontologie in Kitzbühel.
Nicht nur kosmetisches Problem
Parodontitis ist eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates (Parodonts), die unbehandelt zur Lockerung und schließlich zum Verlust des Zahnes führen kann. Die Allgemeingesundheit des Patienten kann durch die jahrelange chronische Entzündung ebenfalls nachhaltig geschädigt werden. "Induziert und ausgelöst wird diese Erkrankung durch Bakterien, die sich in Form von Biofilmen an der Zahn- und Wurzeloberfläche etablieren. Was dann passiert, 'entscheidet' das jeweilige Immunsystem des Patienten. Zusätzlich können Risikofaktoren wie Rauchen, Stress, Stoffwechselstörungen wie schlecht eingestellter Diabetes eine entscheidende Rolle spielen", erläutert Anton Mayr, Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Imst. Vor allem Nikotinkonsum sei der bedeutendste Risikofaktor, Raucher erkranken deutlich häufiger an einer Parodontitis als Nichtraucher.
Risiko Biofilm-Bakterien
Damit Bakterien in ihrem feindlichen Umfeld überleben können, haben sie seit Milliarden von Jahren gelernt, so genannte "Kleber" zu bilden, damit sesshaft zu werden und sich als Gemeinschaft in Form einer schleimigen Masse zu organisieren. "Dabei verhalten sie sich wie ein Vielzeller, können sich untereinander verständigen, Botschaften austauschen, ja sogar je nach Bedarf Gene ein- oder ausschalten. Damit sind sie in der Lage, sich gegen medikamentöse Maßnahmen wie Antibiotika, Spülungen, Gele usw. zu schützen. Biofilme können nur mechanisch zerstört werden", so Mayr. Biofilminfektionen seien auch an anderen Körperstellen ein für die Allgemeinmedizin fast unlösbares Problem, beispielsweise an künstlichen Herzklappen oder an künstlichen Gelenksersätzen.
Parodontitis-Prophylaxe
"Da man das Immunsystem, das auf einen vorhandenen Biofilm in Form einer aggressiven oder chronischen, langsamer verlaufenden Parodontitis reagiert, nur begrenzt beeinflussen kann, richtet sich unser strategisches Hauptaugenmerk bei der Vorbeugung auf ein konsequentes 'Biofilmmanagement'. Wesentlicher Bestandteil vor Beginn einer solchen parodontalen Prophylaxe sei eine parodontale Grunduntersuchung (PGU), die vom Zahnarzt durchgeführt wird. Dabei wird festgestellt, ob das Zahnfleisch gesund ist, ob eine Gingivitis (oberflächliche, reversible Entzündung des Zahnfleisches) oder bereits eine beginnende oder fortgeschrittene Parodontitis vorliegt. Auch eine reversible Gingivitis ("Zahnfleischbluten") müsse ernst genommen und behandelt werden, und zwar solange bis das Zahnfleisch straff und gesund ist, da sich sonst daraus Parodontitis entwickeln kann. Ursache einer Gingivitis sind zumeist bakterielle Beläge (Biofilme). Daher müssen bei einer Prophylaxesitzung diese durch Anfärben sichtbar gemacht und eine eventuell fehlerhafte Mundhygiene des Patienten in eine effiziente und gleichzeitig schonende Putztechnik umgestellt werden.
Zahnstein entfernen
All diese Bemühungen sind aber nicht möglich, wenn Zahnstein vorhanden ist, denn dessen Oberfläche besitzt mikroskopisch tiefe raue Stellen, die es unmöglich machen, Beläge effizient zu entfernen. Daher muss dieser bei der Prophylaxe genauestens entfernt und die behandelten Stellen poliert werden, da nur an glatten Oberflächen eine effiziente Putztechnik durchgeführt werden kann. Danach werden Risikostellen fluoridiert, um auch Kariesprophylaxe zu etablieren.
Patienten mit einer bereits etablierten Parodontitis weisen sogenannte parodontale Taschen auf. Diese Taschen werden bei der parodontalen Grunduntersuchung diagnostiziert, indem eine an der Spitze abgerundete Parodontalsonde zwischen Zahnfleisch und Wurzeloberfläche in die Tiefe eindringt.
Nachbetreuung
Auch nach einer systematischen Parodontalbehandlung muss ein Patient ein Leben lang in regelmäßigen Abständen, je nach individuellem Risiko, nachbetreut werden. Dabei müssen Risikostellen ab vier Millimeter Sondierungstiefe regelmäßig nachinstrumentiert werden, da man individuell selbst nur bis etwa drei Millimeter subgingival (unterhalb des Zahnfleisches) selbst reinigen kann. Auch parodontale Indices oder Befunde müssen regelmäßig erhoben werden, um etwaige neue Entzündungsaktivitäten zu erkennen und gegebenenfalls sofort stoppen zu können. (red, derStandard.at)