Haben wir tatsächlich "über unsere Verhältnisse gelebt"?
It is well enough that people of the nation do not understand our banking and monetary system, for if they did, I believe there would be a revolution before tomorrow morning." (Henry Ford)
Ich hatte in meiner Jugendzeit die naive Vorstellung, dass Staaten sich dadurch verschulden, indem sie mehr importieren als exportieren. In diesem Fall hätten die betroffenen Schuldnervölker tatsächlich "über ihre Verhältnisse gelebt"; um hier bewusst einen seit über 30 Jahren strapazierten Satz zu verwenden.
Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus: Zwar gibt es Staaten mit besserer oder schlechterer Handelsbilanz, aber fast alle Staaten sind verschuldet, und sie haben ihre Schulden nicht bei Menschen und Institutionen, die realwirtschaftliche Waren und Dienstleistungen produzieren, sondern bei den Banken, die lediglich Geld hervorbringen.
Die Schulden haben mittlerweile einen Punkt erreicht, bei dem es völlig unrealistisch ist, dass auch nur irgendein Staat jemals seine Kredite wird zurückzahlen können. Selbst ein Stopp der Neuverschuldung erscheint immer unwahrscheinlicher.
Warum also befinden wir uns in einer unentrinnbaren Schuldenspirale, wenn doch gleichzeitig fleißig gearbeitet wurde und die Produktivität sich im Laufe der Zeit enorm verbessert hat? Haben die Völker, auf welchen die Staatsschulden kollektiv lasten, nun wirklich 40 Jahre lang über ihre Verhältnisse gelebt, und etwa andererseits jene, bei denen sich dafür gewaltige Vermögen angehäuft haben, unter Verzicht so hohe Leistungen erbracht?
Ein wesentlicher Schuldensündenfall des 20. Jh. begann 1913 mit dem "Federal Reserve Act"
Damals wurde unter Präsident Wilson die amerikanische Federal Reserve Bank gegründet. Diese Zentralbank hatte (so wie jede andere Zentralbank heute auch) die Lizenz, die Landeswährung zu drucken und dieses - aus dem Nichts erschaffene - Geld gegen Zinsen an den Staat zu verleihen, wenn dieser zusätzliches benötigte.
Die Federal Reserve Bank gehört(e) aber gar nicht dem Staat, sondern einer Gruppe privater Bankiers, die somit vom Staat regelmäßige (durch WAS eigentlich verdiente?) Zahlungen und materielle Sicherstellungen erhielten.
Auch andere Zentralbanken heutzutage sind überwiegend im Privateigentum. Eine Ausnahme bildet hier die Österreichische Nationalbank, an welcher seit 2008 die Republik wieder 100% Anteile hält. Ist damit nun in Österreich, der "Insel der Seligen", alles in Ordnung?
Nein! Denn der größte Teil des Schuldgeldes wird nicht in den Zentralbanken, sondern von Geschäftsbanken in Form von elektronischem Buchgeld erzeugt. Tatsächlich vergeben Banken um ein Vielfaches mehr Kredite als an Spareinlagen überhaupt vorhanden wäre. Indem die Bank einen Betrag auf das Kundenkonto verbucht, hat sie quasi Geld "aus der Luft" erschaffen, welches sich dann ebenso wieder in Luft auflöst, sobald der Kredit zurückgezahlt ist.
Doch die Kreditnehmer müssen nicht bloß den Kreditbetrag zurückerstatten, sondern zusätzlich auch Zinsen. Doch woher soll das Geld für die Zinsen kommen, wenn doch neues Geld bloß durch Kredite geschaffen werden kann?
Ein einfaches Rechenbeispiel
Stellen wir uns zur Vereinfachung eine Insel vor, auf der 10 Eingeborene leben und Tauschwirtschaft betreiben:
Nun kommt ein Banker auf die Insel und überzeugt die rückständigen Eingeborenen von den Vorteilen des Geldes. Er verteilt also an jeden Bewohner € 1.000 als offizielles Zahlungsmittel für 5% Verzinsung. Am Ende des Jahres möchte er daher in Summe € 10.500 zurückhaben. Die Eingeborenen werden alle fleißig arbeiten und versuchen, ihre Produkte so gut als möglich untereinander zu verkaufen. Einige werden vielleicht geschickter sein oder mehr Glück haben als andere und in der Lage sein, € 1.050 zurückzuzahlen. Aber in Summe sind nach wie vor nur € 10.000 vorhanden.
Also ist zwangsläufig zumindest ein Beteiligter dieser überschaubaren Volkswirtschaft zahlungsunfähig, oder er muss sich zusätzlich verschulden und versuchen, nächstes Mal noch mehr Umsatz zu machen, um die noch größere Schuld tilgen zu können.
Das läuft in unserer realen globalen Wirtschaft genauso. Wir leben unter Wirtschaftswachstumszwang, nicht etwa, damit unsere Lebensqualität steigt, sondern um stetig steigende Zinsen bezahlen zu können; und wir sind paradoxerweise gezwungen, wiederum neue Kredite aufzunehmen, um dieses Wirtschaftswachstum zu ermöglichen.
Die Notwendigkeit von Staatsschulden
Wenn nicht private Unternehmer und Konsumenten sich ausreichend verschulden, so muss dies eben der Staat tun, damit der Entzug aus der umlaufenden Geldmenge durch Gespartes und Zinsgeld nicht die Wirtschaft abwürgt. Jegliche Sparmaßnahmen einer Regierung können daher insofern nicht fruchten, da das nicht mehr ausgegebene Geld dann an anderer Stelle im Kreislauf der Volkswirtschaft fehlt; entweder in der eigenen oder in der Volkswirtschaft einer anderen Nation, mit welcher eine Handelsbeziehung besteht.
Wenn die Zinseinnahmen der Kreditgeber nun nicht sofort vollständig wieder über Konsum und Steuern an die anderen Wirtschaftsteilnehmer fließen, kommt hier noch der Zinseszins-Effekt hinzu, durch den die Schulden exponential und schneller als die Realwirtschaft wachsen.
In der Praxis ist das BIP in den meisten europäischen Ländern seit 1950 bloß linear gewachsen.
Logischerweise muss es sogar zu einer Abflachung des Wirtschaftswachstums auf höherem Niveau kommen, da kein nachhaltiges System unbegrenzt wachsen kann.
Selbst wenn einst alle Produkte ohne jegliches menschliche Zutun von Robotern produziert würden, gibt es eine Grenze, was die Natur an Ressourcen hergibt, was der Mensch konsumieren kann und will, und was der Mensch an nicht automatisierbarer Arbeit leisten kann und möchte.
Die Wirtschaft kann also real nicht ewig wachsen, und schon gar nicht im gleichen Maße exponential wie der Zinseszins. (Siehe "Reales-Bruttoinlandsprodukt-Deutschland-1950-2000", "Entwicklung der öffentlichen Schulden 1950-2009")
Daher muss ein Geldsystem, welches auf Zinseszins aufbaut, zwangsläufig zum Kollaps führen. Die Frage ist nicht ob, sondern bloß WANN.
Historisch betrachtet sind fast alle Staaten, in denen es Schulden mit Zinsen gab, bankrott gegangen; bloß meist in Intervallen, welche mehrere Generationen überspannen und oft von Kriegen begleitet wurden. Die älteste Überlieferung betrifft den Babylonische König Rim Sin, der 1788 v.Chr. sämtliche der erdrückenden Staatsschulden einfach streichen ließ. 33n. Chr beschreibt Tacitus eine große Schuldenkrise im römischen Reich. Frankreich erlebte zwischen 1500 und 1812 insgesamt 12 Staatspleiten, Spanien alleine im 19. Jh. 9 und Portugal 5 Pleiten.
Der nächste Zusammenbruch kommt schon bald
Ich denke, der nächste Zusammenbruch wird allerspätestens in 10 Jahren kommen, vielleicht auch schon in 10 Monaten, allerdings weltweit!
Wir stehen vor der Wahl, ob wir wieder die nächste Krise mitsamt Bankrott und damit verbundenen tragischen Schicksalsschläge über uns ergehen lassen wollen, um dann nach einem Reset wieder mit dem Schuldgeldsystem weiter zu machen, oder ob wir ein neues solides System ohne Zwangsverschuldung und ohne Zinsen einführen wollen.
Der erste Schritt wäre dann zumindest einmal, dass der demokratische Staat das Monopol zur Gelderschaffung erhält. Die Regierung sollte nach gesamtökonomischen Überlegungen entscheiden, wie viel neues schuldenfreies Geld sie erzeugt und in Form von Staatsausgaben der Volkswirtschaft zuschießt, und wie viel sie durch Steuern wieder entzieht. Die Geldmenge sollte analog zur realen Wirtschaftsleitung anwachsen, sodass das produktive Potential jeder Arbeitskraft optimal eingesetzt werden kann (also Vollbeschäftigung), und andererseits es aber auch zu keiner Hyperinflation kommt.
Zwar kann eine Regierung bei dieser Aufgabe Fehler machen, aber immerhin haben wir die Möglichkeit, unsere Politiker zu wählen und abzuwählen. Aber wer hat die derzeit ungleich mächtigeren Vorstände der Banken und Konzerne gewählt? (Leser-Kommentar, Thomas Herzig, derStandard.at, 6.6.2011)
Autor
Thomas Herzig, geboren 1965, arbeitet als Architekt/ Erfinder/ Unternehmer, er ist spezialisiert auf aufblasbare Gebäude, Möbel und Skulpturen.
Web: http://www.pneumocell.com