Der gescheiterte Sturm auf Jerusalem

6. Juni 2011, 10:58
86 Postings

Hunderte Palästinenser stürmten den von Israel besetzten Teil der Golanhöhen. Im Libanon und im Gazastreifen konnte man ähnliche Szenarien gerade noch verhindern

Sonntag der 5. Juni war ein turbulenter Tag an den Rändern Israels. An der syrisch-israelischen Grenze versuchten hunderte Palästinenser den von Israel besetzten Teil der Golanhöhen zu stürmen. Im Libanon und im Gazastreifen konnte man ähnliche Szenarien gerade noch verhindern. Heftige Ausschreitungen gab es aber auch nur wenige Kilometer von Jerusalem entfernt.

****

Es ist ein sonniger, heißer Morgen an diesem 5. Juni. Ich fahre mit einer Gruppe Aktivisten im Taxi von Ramallah in Richtung Kalandia, wo die Mauer und ein Kontrollpunkt das Westjordanland von Jerusalem und Israel trennt. Die jungen Aktivisten neben mir tragen weiße T-Shirts, bedruckt mit einer geballten Faust, die eine palästinensische Flagge zerdrückt. Darunter Bluttropfen und die Aufschrift „Das palästinensische Volk für Freiheit und gegen die Besatzung." Einer der Aktivisten ist Mohammad, ein Student aus der Stadt Nablus. Er wäre heute eigentlich im Hörsaal an der Uni, wollte aber unbedingt dabei sein. „Ich bin zu zornig, um daheim zu bleiben. Wir sind hier, um der israelischen Besatzung Palästinas im Jahr 1967 zu gedenken", sagt er. Gemeint ist der Junikrieg von 1967, an dem Israel innerhalb von sechs Tagen - deshalb auch „Sechstagekrieg" genannt - die ägyptischen, syrischen und jordanischen Streitkräfte besiegte und die Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem einnahm.

Einer der jungen Männer winkt den Fahrer an die Seite. Das Taxi bleibt stehen. Wir befinden uns kurz vor der „Grenze". Etwa zweihundert Meter vor dem Kontrollpunkt, der mit seinen hohen Zäunen und Wachtürmen aussieht wie eine Festung, hat sich schon eine unruhige Masse versammelt. In wenigen Minuten soll es losgehen. Vor Absperrungen stehen mehrere Einheiten des israelischen Militärs neben Armeefahrzeugen. Ein weitläufiger Platz mit einem Kreisverkehr und etwa hundert Meter Straße trennen die Soldaten von den Demonstranten. Dazwischen stehen Dutzende Kameramänner. Viele tragen Gasmasken und schusssichere Westen, auf denen in großen weißen Lettern „PRESS" steht.

Plötzlich zersplittert eine Glasflasche am Boden neben einer Gruppe Soldaten. Und ein paar Sekunden später schlägt ein Stein auf der Motorhaube eines Militär-Jeeps ein. Das Zeichen dafür, dass es bald ungemütlich werden könnte. Die Demonstranten marschieren derweil die Straße herunter Richtung Checkpoint. Sie rufen Slogans gegen die „Besatzung Jerusalems und Palästinas", schwingen Flaggen und halten Schilder hoch. Auf einem steht „Glaubt nicht, ihr könnt Palästina kontrollieren". Kurz bevor die Menge den Kreisverkehr erreicht, preschen die Soldaten vor und feuern mehrere Tränengasprojektile ab. Panik bricht aus und alle, die keine Gasmaske tragen, laufen so schnell wie sie können wieder die Straße hinauf. Immer mehr israelische Einheiten rücken vor und verfolgen Gruppen von Demonstranten, bis weit in das Kontrollgebiet der palästinensischen Autonomiebehörde hinein.

Die Gefechte zwischen Gruppen von Jugendlichen, die mit Steinen Soldaten bewerfen, und den Armeeeinheiten, ziehen sich immer tiefer in die angrenzenden Wohngebiete hinein. Nachdem sich das Chaos etwas legt, treffe ich Bassem al-Salhi, den Generalsekretär der Palästinensischen Volkspartei. Ob er sich mehr erhofft hatte, als diese Eskalation, frage ich. „Dieser Protest ist Teil unserer Strategie, wieder mehr auf Massenproteste zu setzen." Dass die Lage eskaliert ist, würde am scharfen Vorgehen der Israelis liegen. „Und das Steinewerfen?", frage ich. Die gäbe es immer. Das seien Gruppen von Jugendlichen, die man nicht kontrollieren könne. Ein Parteikollege erklärt, dass sie hier wären um Israel eine Nachricht zu senden. „Dass wir entschlossen sind, unseren eigenen Staat zu erreichen." Weitere Proteste seien schon geplant, sagt Salhi. Vergangene Woche habe man sich gemeinsam mit anderen palästinensischen und linken israelischen Parteien getroffen, um eine Großdemonstration in Jerusalem zu planen. Wann genau, stehe noch nicht fest.

Schon einige Tage vor den Protesten am Sonntag wurde ein Appell über E-Mail-Verteiler verbreitet. „Am 5. Juni 2011, 11 Uhr, rufen wir alle freien Männer und Frauen zum Marsch nach Jerusalem auf", hieß es in der Aussendung. Daraus wurde diesmal jedenfalls nichts. Der Weg nach Jerusalem endet für Palästinenser aus dem Westjordanland vor dem Kontrollpunkt in Kalandia. Nur mit einer speziellen Erlaubnis der israelischen Behörden dürfen sie in das von Israel kontrollierte Jerusalem einreisen. (Andreas Hackl, derStandard.at, 6.6.2011)

  • Andreas Hackl lebt und arbeitet als freier Journalist in Jerusalem und bloggt ab Juni für derStandard.at über Israel-Palästina.
    foto: hackl

    Andreas Hackl lebt und arbeitet als freier Journalist in Jerusalem und bloggt ab Juni für derStandard.at über Israel-Palästina.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Libanesische Soldaten stehen an der Grenze zu Israel Wache.

  • Kurz vor den Ausschreitungen präsentieren ...
    foto: hackl

    Kurz vor den Ausschreitungen präsentieren ...

  • ... Jugendliche vor der israelischen Mauer ihre Transparente.
    foto: hackl

    ... Jugendliche vor der israelischen Mauer ihre Transparente.

Share if you care.