Die Notwendigkeit von Ritualen und Festen

Kathrin Schmidt
6. Juni 2011, 10:28
  • Schon am Weg zu diversen Festivitäten wird musiziert, gesungen und ausgiebig gefeiert!
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    Schon am Weg zu diversen Festivitäten wird musiziert, gesungen und ausgiebig gefeiert!

  • Jung und Alt feiern in den Straßen, mitten am Kreisverkehr und mit lauter Musik aus Boxen auf Lastwägen und Autos, die durch die Stadt ziehen.
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    Jung und Alt feiern in den Straßen, mitten am Kreisverkehr und mit lauter Musik aus Boxen auf Lastwägen und Autos, die durch die Stadt ziehen.

  • Auch am Strand darf eine kleine Bühne samt Nationalflagge nicht fehlen!
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    Auch am Strand darf eine kleine Bühne samt Nationalflagge nicht fehlen!

  • Zum großen Festakt am Unabhängigkeitstag quetschten sich so viele Menschen wie möglich ins Nationalstadium und verfolgten stundenlang trotz der heißen Sonne das Programm, zu dem auch viele internationale Gäste angereist waren.
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    Zum großen Festakt am Unabhängigkeitstag quetschten sich so viele Menschen wie möglich ins Nationalstadium und verfolgten stundenlang trotz der heißen Sonne das Programm, zu dem auch viele internationale Gäste angereist waren.

  • Polizisten regeln den Verkehr an einer der Hauptverkehrsadern (vor allem um den VIP Konvois den Weg zum Stadium frei zu machen) - im Hintergrund die Landesfarben grün, weiß und blau.
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    Polizisten regeln den Verkehr an einer der Hauptverkehrsadern (vor allem um den VIP Konvois den Weg zum Stadium frei zu machen) - im Hintergrund die Landesfarben grün, weiß und blau.

Bloggerin Kathrin Schmidt war in Sierra Leone und hat in ihrem Reiseblog davon berichtet

Am 27. April feierte Sierra Leone zum fünfzigsten Mal seine Unabhängigkeit von der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien. Nicht nur ein markanter Meilenstein in der Geschichte des Landes und Grund ausgiebig zu feiern, sondern auch Anlass, innezuhalten und Bilanz zu ziehen. Bilanz über erreichte Ziele, (noch) nicht realisierte Träume und einige auch sehr turbulente und schwierige Jahre. 

Seit dem Ende des Bürgerkrieges ist viel Positives aus Sierra Leone zu berichten: Zwei faire und freie Wahlen, ein friedlicher Regierungswechsel, mehr Transparenz, eine wachsende Wirtschaft und Verbesserungen im Gesundheitsbereich, stärken die allgemeine Hoffnung, dass sich das Land auf dem Weg der Besserung befindet und die Präsidentschaftswahlen nächstes Jahr auch friedlich und fair verlaufen werden.

Jedoch gilt es bis dahin und darüber hinaus noch einige, vor allem soziale Problematiken zu lösen und dadurch potentiellen Konflikten vorzubeugen. Dazu zählen die hohe Arbeitslosigkeit (vor allem unter jungen Menschen) sowie die Spannungen rund um die reichhaltigen Bodenschätze und die damit verbundenen internationalen Investoren. In dem Zusammenhang stellt sich also auch die Frage: Sollten Länder wie Sierra Leone überhaupt Geld für Feierlichkeiten wie dem Unabhängigkeitstag ausgeben oder dieses besser in andere Projekte wie Infrastruktur, Gesundheitswesen oder Ausbildung stecken? Ich denke, es braucht Rituale und Feste um besondere Ereignisse und Momente, wenn auch mit Maß und Ziel, zu markieren. Denn diese stärken das Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit - was in einem Postkonfliktland wie Sierra Leone außerordentlich wichtig sein kann. 

Da der Unabhängigkeitstag mit Ostern zusammenfiel, erstreckten sich die Feiertage und Feierlichkeiten über fast eine ganze Woche und Jung und Alt strömten tagtäglich in Scharen an den Strand, zum stundenlangen Festakt im Nationalstadium sowie zu Paraden und Umzügen in den Straßen Freetowns. Aber schon seit einiger Zeit davor hatte das anstehende Jubiläum das Land außer Atem gehalten. Seit Monaten wurden Straßen und Häuser mit Fahnen und den Farben der Nationalflagge (grün, weiß und blau) geschmückt, ein wöchentlicher "Cleaning Day", an dem der öffentliche Raum gesäubert und "verschönert" werden sollte, wurde (wieder) eingeführt und in den letzten Tagen vor dem 27. wurden sogar Steine und Holzpfosten entlang der Hauptstraßen grün, weiß und blau gefärbt. 

Darüber hinaus schmiedete das "Komitee zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit" große Pläne für das Jubiläumsjahr. Nicht nur Festivals, Paraden, Bälle, Ausstellungen und andere kulturelle Aktivitäten sollten das ganze Jahr über stattfinden, sondern es sollten auch nachhaltige Veränderungen und Projekte unterstützt werden, die zur Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität und des friedlichen Miteinanders beitragen würden. Doch dann wurden einige der leitenden Komiteemitglieder der Korruption und Geldhinterziehung verdächtigt. Mit ihnen beschäftigt sich zwar jetzt die "Anti-Corruption Commission", aber viele der geplanten Aktivitäten, unter anderem eine Massenchoreografie der Freetong Players für den Festakt am Unabhängigkeitstag, konnten folglich nicht mehr finanziert werden. Traurig, aber wahr. Und auch sehr symbolisch für ein Land wie Sierra Leone, in dem Korruption Entwicklung und Wirtschaftswachstum lange behinderte - und immer noch teilweise tut. 

Aber nicht nur aufgrund dessen waren rund um den Unabhängigkeitstag vielerorts Klagen zu hören, dass kein Geld vorhanden sei für gebührende Feiern, sowohl auf öffentlicher als auch auf privater Ebene. Und mehr als einmal hörte ich die Frage: Aber wie sollen wir denn feiern, wenn wir nicht einmal genug Geld haben, um ein Fest auszurichten? Als dieses Thema auch Eingang in das Büro der Freetong Players fand, meinte der Leiter der Gruppe: Wir sollten die 50 Jahre unserer Unabhängigkeit feiern und ehren, indem wir zurückblicken, Bilanz ziehen und aus der Vergangenheit lernen, um an einer besseren Zukunft arbeiten zu können. Und um zu wissen, wie es jetzt weitergehen soll. (Kathrin Schmidt)

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