Dann nehm ich den Krug und geh zum Brunnen

6. Juni 2011, 09:58
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Er ist viel auf Achse: Hubert von Goisern lebt auf der Alm, in einer Villa in Salzburg - und oft auch im Hotel

Er ist viel auf Achse: Hubert von Goisern lebt auf der Alm, in einer Villa in Salzburg - und oft auch im Hotel. Wojciech Czaja sprach mit ihm über das Wohnen und Reisen.

 

"Schon lustig: Ich lebe die gesamte Bandbreite von der elektrifizierten Almhütte bis zum hochmodernen Einfamilienhaus - und zwischendurch auch noch Hotel. Ich bin viel unterwegs. Wenn ich grad Tourneejahr hab, dann sind das so um die 100 Konzerte. Entsprechend viel Zeit verbringe ich in Hotels. J. J. Cale hat einmal g'sagt: 'Travelling light is the only way to go.' Ich hab immer den kleinsten Koffer von allen. Und auch der ist nie voll.

Ich mag diese Reduktion, die einem das Reisen aufzwingt. Man kann nie aus dem Vollen schöpfen. Es gibt keine Bücher, nach denen ich greifen kann, und auch kein Klavier, an das ich mich setzen und schnell eine Idee ausprobieren kann. Es ist ein einfaches Leben, wenn man auf Achse ist. Und doch vermisse ich nichts. Ein herrliches G'fühl ohne Ballast! Das Einzige, was mir manchmal fehlt, ist ein kalter Salzkammergut-See im Sommer.

In Hotels mach ich diese Denksportaufgabe: Nach dem Aufwachen, noch bevor ich die Augen öffne, überleg ich mir kurz, auf welchem Planeten ich bin, in welcher Stadt, im wievielten Stock, und wie das Bett im Zimmer steht. Wo ist das Fenster? Wo ist die Tür zum Bad? Früher bin ich nur jedes zweite Mal richtig gelegen. Mittlerweile liegt die Trefferquote bei 99 Prozent.

Das Hotel Altstadt Vienna ist ein absoluter Glücksfall. Ich bin gern hier, wenn ich in Wien bin. Ich mag dieses Üppige und Feudale und Wienerische. Das ist so gar nicht wie zu Hause. Wozu denn auch! Wenn ich schon unterwegs bin, dann muss es auch eine Abwechslung sein. Außerdem gibt's hier einen Aschenbecher im Zimmer. Ich bin zwar nur ein Zigarettenschnorrer, aber trotzdem halt ich diese militanten Nichtraucherhotels nichts aus.

Wohnen tu ich ganz anders. Das hat sich alles durch eine Katastrophe ergeben. Ich war damals gerade durchs nächtliche Wien spazieren und dachte mir: Mein Gott, wie gern würd ich nochmal bei null anfangen! Als ich dann wieder nach Salzburg zurückggefahren bin, hatte sich das Schicksal schon längst revanchiert.

Die Wohnung stand unter Wasser, von der Decke ist ein Wasserfall auf das Schlagzeug gefallen, es hat getrommelt, beim Mischpult ist das Wasser aus den Reglern rausgeronnen, beim Klavier aus den Tasten, und lustigerweise war ich damals nicht einmal versichert. Ich weiß noch, ich hab mir dann die Schuh aus'zogen, so wie man das halt macht, wenn man heimkommt, und hab fünf Minuten lang nur gebrüllt. Danach hab ich mir ein Achterl Schnaps eingegossen und mir gedacht: Ich stoß jetzt an auf das Glück, das in diesem Unglück steckt und das ich jetzt noch nicht erkenne!

Das Glück war, dass meine Frau und ich dann beschlossen haben, dieses Kapitel des Lebens abzuschließen, uns ein Grundstück zu suchen und gemeinsam ein Haus zu bauen. Die Planung ist von Lechner & Lechner, wir haben vier mal umgeplant, die beiden hatten viel Geduld mit uns. Und trotzdem: Die Planungsphase ist das Schönste! Da kann man fantasieren und träumen, da kann man ewig lang in Gedanken schwelgen. Den Stress gibt's erst, wenn die Baustelle losgeht.

Das Haus in Salzburg ist modern. Viele sagen auch, es schaut aus wie eine Seilbahnstation oder eine zweistöckige Tankstelle. Uns g'fallts. Das viele Glas war gewöhnungsbedürftig. Wenn ich Rückzug brauche, dann fahr ich nach Bad Goisern. Das Goiserer Haus ist ein kleiner 130 Jahre alter Holzbau mit 60 Quadratmeter Wohnfläche, auf der Sunnseit'n, hoch oben am Ende der Straße. Das ist ein Ort der Stille für mich. Es gibt einen Kachelofen, Strom und fließendes Wasser. Aber wenn ich Trinkwasser will, dann nehm ich den Krug und geh die zehn Meter zum Brunnen. Es schmeckt anders. Es schmeckt nach Leben." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.6.2011)

Hubert von Goisern, eigentlich Hubert Achleitner, gilt als Erfinder des sogenannten Alpenrock. Er wurde 1952 in Bad Goisern geboren. Nach einigen Jahren der Wanderschaft durch Asien, Kanada und Afrikas Süden kehrte er 1983 nach Wien zurück und studierte Elektroakustik und experimentelle Musik. 1987 gründete er die Musikgruppe Alpinkatzen. Seinen musikalischen Durchbruch hatte er 1992.

Aktuell tourt Hubert von Goisern durch Deutschland, Österreich, die Schweiz. Ende Sommer erscheint sein 16. Album. Am 10. Juli 2011 findet im Wolkenturm Grafenegg ein Benefizkonzert für das SOS Kinderdorf Afrika statt.

  • "Wenn ich schon unterwegs bin, dann muss es auch eine Abwechslung sein." Hubert von Goisern in seinem feudalen Lieblingshotel Altstadt Vienna. 
(Foto: Lisi Specht)
    foto: lisi specht

    "Wenn ich schon unterwegs bin, dann muss es auch eine Abwechslung sein." Hubert von Goisern in seinem feudalen Lieblingshotel Altstadt Vienna.

    (Foto: Lisi Specht)

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