Die Frau Mama liest Derrida

6. Juni 2011, 09:23
posten

Mit einer Hommage an die eigene Mutter nimmt die Tanzkünstlerin Doris Uhlich den Jugendwahn ins Visier

Wien - Schwarze Handtasche, beiger Übergangsmantel, fesche Kurzhaarfrisur. Selbstbewusst und mit kurzen Schritten geht die Mutter der Wiener Tänzerin und Choreografin Doris Uhlich auf die Bühne. Gespannt wartet ein mucksmäuschenstilles Publikum in der gesteckt vollen Halle G des Museumsquartiers darauf, was nun passieren wird.

Das Stück heißt schlicht Uhlich. Und Mutter Gertraud stellt ihre Tochter dar, wie diese möglicherweise in drei Jahrzehnten sein wird. In dieser Arbeit, die bei den Wiener Festwochen im Rahmen der Kooperation "Signed, sealed, delivered" mit dem Tanzquartier Wien uraufgeführt worden ist, durchbricht Doris Uhlich eine Barriere, vor der Tänzer üblicherweise zurückschrecken wie der Teufel vor dem Weihwasser. Denn dahinter befindet sich die Welt des Alterns.

Gerade dafür interessiert sich Doris Uhlich, wie sie bereits in früheren Stücken bewiesen hat, ganz besonders. Es gibt immer wieder einmal Vorstöße, ältere Tänzer zurück auf die Bühne zu bringen, auch von Uhlich selbst: In ihrem Stück Spitze hatte die ehemalige Staatsopernballerina Susanne Kirnbauer einen markanten Auftritt.

Eltern sind derzeit überhaupt Thema in der Performance. Der Berliner Choreograf Martin Nachbar und das Kollektiv She She Pop etwa haben ihre Väter bereits vor das Publikum gelockt, und auch die Mutter der Wiener Choreografin Milli Bitterli war in einem Stück ihrer Tochter zu sehen. Doch anders als bei She She Pop geht es Uhlich nicht um die Bewältigung der Vergangenheit, sondern um die Antizipation ihrer Zukunft. Und darum, Gertraud Uhlich ganz allein ein abendfüllendes Solo bestreiten zu lassen (das als Kurzskizze schon 2008 im Tanzquartier ausprobiert wurde).

Gertraud Uhlich ist weder Tänzerin noch Schauspielerin. In Uhlich steht sie zum ersten Mal auf der Bühne. Nach wenigen Minuten hat sie ihre Zuschauer für sich gewonnen. Am Ende erntet sie begeisterte Ovationen. Eine Stunde lang ist sie einem genauen Plan gefolgt, hat keine Sekunde bloßgestellt oder als Karikatur gewirkt. Sie zeigt tänzerische Muster, die für ihre Tochter charakteristisch sind, raucht eine Zigarette und liest aus Jacques Derridas Text Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen vor. In einer perfekten Dramaturgie kippt sie das Image vom älteren Menschen als Randexistenz einer jugendwahnhaften Gesellschaft.

Um die Veränderung des Blicks, wenngleich in ganz anderer Form, ging es auch bei der letzten Arbeit von "Signed, sealed, delivered" in den Tanzquartier-Studios. Unter dem Präfix des russischen Filmavantgardisten Dziga Vertov verwandeln die jungen Tänzer Luke Baio und Dominik Grünbühel eine dadaistisch anmutende Performance in einen live erstellten Kurzfilm. Unter dem Titel Shoot me hantieren sie mit Rahmen, Hüten, Tassen, Perücken, bauen ein absurdes Schwarz-Weiß-Szenario, hängen eine Projektionsleinwand auf und verteilen Popcorn. Dann wird das Video gezeigt. Eine humorvolle Auseinandersetzung mit der frühen Avantgarde und hintergründige Abrechnung mit allzu puristischen Sehweisen. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.6.2011)

  • In dem Stück "Uhlich" projiziert die gleichnamige Tanzkünstlerin ihre Zukunft auf die leibliche Mutter.
    foto: salzmann

    In dem Stück "Uhlich" projiziert die gleichnamige Tanzkünstlerin ihre Zukunft auf die leibliche Mutter.

Share if you care.