Verdorbene Geburtstagsfeier in Peking

5. Juni 2011, 22:48
  • Artikelbild
    foto: standard/erling

    Auf dem Pekinger Friedhof Wan’an, wo Li Dazhao, einer der Gründer der KP, liegt ...

  • Artikelbild
    foto: standard/erling

    ... finden sich auch die Gräber der Opfer des Tian-anmen-Massakers. Chemiestudent Duan Changlong starb am 4. Juni 1989. "Verunglückt im Morgengrauen" steht auf dem Grab.

Die KP will beim 90-Jahr-Jubiläum Tiananmen ausblenden - vergeblich - Reportage

Die Jugendlichen drängen sich mit Filzstiften vor der roten Plakatwand: "Lasst uns treue Wächter der Partei sein", kritzelt ihr Lehrer Ding Le. "Ohne Kommunistische Partei gibt es kein neues China", verewigen sich seine Schüler. Jungpioniere mit roten Halstüchern und Fahnen umlagern die Grabstätte des Marxisten Li Dazhao. Sie legen Blumen vor seine Statue im Pekinger Ehrenfriedhof Wan'an (Zur ewigen Ruhe). Ihr Ziel ist die Gedenkanlage für Chinas frühen Kommunisten, der 1927 hingerichtet wurde. Die Partei feiert ihn auch in ihrem Schanghaier Geburtshaus als "einen ihren wichtigsten Begründer". Ohne die Vorarbeit Li Dazhaos wäre es im Juli 1921 in Schanghai kaum zur KP-Gründung gekommen.

Lis Grab wird so zu einer Anlaufstelle für die 90-Jahr-Feiern der KP Chinas, die mit ihren heute 80 Millionen Mitgliedern überall den Ton angibt. Millionen Chinesen müssen in Vorbereitung auf den Parteigeburtstag "rote Lieder" singen.

Nirgends indes wirken die Lobeshymnen so deplatziert wie vor dem Eingang zum Pekinger Ehrenmal. Nur 500 Meter weiter westlich des Märtyrerdenkmals liegen ganz andere Opfer der Partei. Der Weg zu ihnen führt an gepflegten Grabstätten für hochrangige Pekinger Würdenträger aus Republikzeiten vorbei bis an den Rand der Westberge. Dort finden sich neuere Gräber, ein halbes Dutzend darunter voller Anspielungen auf das Massaker des 4. Juni 1989.

Beim Forschungsassistenten Hao Zhijing steht "Gestorben am 3. Juni um Mitternacht", beim Chemiestudenten Duan Changlong "Verunglückt im Morgengrauen des 4. Juni", beim 29 Jahre alten Ingenieur Yuan Li "Plötzlich aus der Welt gerissen". Sie und andere wie die 25-jährige Ärztin Wang Weiping gehörten etablierten Pekinger Familien an, denen die Behörden nicht das Recht verwehren konnten, auf dem Friedhof an ihre Kinder zu erinnern. Seit 1999 erlaubt der Staat Müttern und Vätern, deren Kinder in der Nacht auf den 4. Juni im Kugelhagel der Armeetruppen starben, Gedenksteine aufzustellen und ohne öffentliches Aufsehen um ihre Kinder zu trauern.

Die Gräber sind so Zeugnisse für Glanz und Elend in der Geschichte der KP Chinas. Friedhöfe sind die einzigen Plätze in der Hauptstadt, wo die Erinnerungen an den 4. Juni und an die Getöteten des friedlichen Massenprotests nicht öffentlich ausgelöscht werden können. "Seit 22 Jahren verweigert die Partei den unschuldigen Opfern jede andere Form der Gerechtigkeit" , sagt Ding Zilin. Die 74-Jährige ist Sprecherin der "Mütter des Tiananmen", einer Hinterbliebenenorganisation, die mit Klageschriften an den Volkskongress oder Chinas Führung die Rehabilitierung ihrer Kinder und "Wahrheit, Entschädigung und Verantwortlichkeit" im Umgang mit den Ereignissen des 4. Juni fordert. Auch Frau Dings Sohn wurde damals getötet. "Er war zwei Tage zuvor 17 Jahre alt geworden", sagt sie.

Die einstige Professorin für Ästhetik hat 1995 ihre Sammlungsbewegung gegründet. Obwohl Peking den Armeeeinsatz bis heute als Niederschlagung eines Aufruhrs rechtfertigt und jede Debatte verboten hat, schlossen sich Ding Zilin 150 Angehörige von Getöteten an. Ihren jüngsten Brief an die Behörden haben sie unter den Titel gestellt: "Wir lassen nicht zu, dass die Seelen der Opfer entweiht und ihre Angehörigen entwürdigt werden."

Empört hat sie ein Versuch der Sicherheitsbehörden, die Hinterbliebenenvereinigung zu spalten. Sie boten einer der Familien Geld als Entschädigung, wenn sie von jetzt an schweigen würde. "Unseren Protestbrief haben 127 Angehörige unterschrieben", berichtet sie dem Standard. Warum seien es keine 150? "23 sind in den vergangenen Jahren gestorben." Die Mütter, die sich nicht einschüchtern lassen, konnten bisher 203 Todesopfer des Massakers identifizieren. Ding geht von vielen hundert Opfern aus.

Der 4. Juni 1989 verfolgt die Partei auch in ihren Vorbereitungen zur 90-Jahr-Feier. Eine neue offizielle, 1073 Seiten starke Parteigeschichte endet abrupt im Jahr 1978. Der in Millionenauflage verbreitete Bestseller zum Geburtstag trägt den Titel: "Warum hat es die KP in China geschafft?" Die Autoren antworten, dass die Partei selbst unter Maos verheerender Politik des "Großen Sprungs nach vorn" oder der Kulturrevolution litt, diese Fehler aber selbst korrigieren konnte. Sie fragen, warum die Partei nicht unterging wie die sowjetische KP oder Osteuropas Kommunisten, wie China die Marktwirtschaft umarmen und zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt werden konnte. Aber eine Frage ist so tabu, dass sie nicht einmal angedeutet wird: wie die Partei das Massaker des Tiananmen verüben konnte und wie sie es aufarbeiten will.

Die "Mütter des Tiananmen" beklagen in einem Brief auf ihrer in China blockierten Website die jüngste innenpolitische Verschärfung, mit der Peking auf die arabischen Revolutionen reagiert: "Überall bei uns werden nun die Kontrollen über die Zivilgesellschaft angezogen und die Repression intensiviert." Die Lage sei schlimmer als jemals seit dem 4. Juni 1989: "Stille herrscht im ganzen Land." Die unerschrockenen "Mütter des Tiananmen" zumindest lassen ihre Stimme nicht verstummen. (Johnny Erling aus Peking /DER STANDARD, Printausgabe, 6.6.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 55
1 2
AntiFa201
31

armer westen... tianamen muss herhalten, um von der eigenen verbrecherpolitik abzulenken. kennt irgendein standard.at leser das massaker von paris von 1961? mehr tote als in tianamen, kein prozess, keine denkmäler, keine erinnerungen, nichts. und paris ist gleich um die ecke.

schwarzweiss
00
22.6.2011, 23:09
Mehr Tote

Es ist schon blöd das Tote aufrechnen.
Also wieviel warens in Paris 1961 ca 200?
Und am Tiennamen ca 2600?
Oder haben sie andere Zahlen?

Glod
01
Und was ist dann das hier?

http://en.wikipedia.org/wiki/File... plaque.JPG

Sie haben zwar Recht, dass niemand vor Gericht gestellt wurde, aber totgeschwiegen wird es jetzt auch nicht unbedingt.

Im übrigen ändern die Verbrechen einer Fraktion genau nix an denen einer anderen Fraktion.

Aber dass es am linken Rand viele Leute gibt die Verbrechen die nicht der Westen begangen hat herunter spielen ist ja jetzt nix neues.

Kleiner Ratschlag:
Der Feind ist ihres Feindes ist NICHT unbedingt ihr Freund.

docw
10
10.6.2011, 17:08
ie haben zwar Recht, dass niemand vor Gericht gestellt wurde, aber totgeschwiegen wird es jetzt auch nicht unbedingt.

und warum wird dann nicht im oktober jeden jahres dieses massakers gedacht. das massaker von bejing wird wiederholend jährlich breit aufbereitet, damit es ja jeder liest? ich sage, paris wird totgeschwiegen.

Nick Tameer
00

Soll das heißen, man darf nichts gegen das Vorgehen auf dem Tianmen-Platz sagen, weil man dann die Politik westlicher Staaten nicht mehr kritisieren kann? Eine seltsame Logik. Muss man nicht überall die gleichen Maßstäbe ansetzen?

Dabei kann man ja durchaus festellen, dass auch die westlichen Medien, ohne es zu bemerken, vielfach ganz ähnlichen Mustern folgen wie die von ihnen kritisierten chinesischen:

http://www.spiegel.de/kultur/li... 32,00.html

Panter
00
?!

"Aber eine Frage ist so tabu, dass sie nicht einmal angedeutet wird: wie die Partei das Massaker des Tiananmen verüben konnte und wie sie es aufarbeiten will."
Weil die Niederschlagung der Konterrevolution der einzige Weg war zu heutiger Blüte zu führen ,weil alles andere zu Anarchie ,Spaltung und Bürgerkrieg geführt hätte.Weil der Westen nur auf diese Chance gewartet hat ,das Land wieder unter seine unumschränkte Kontrolle zu bringen.Jeder Tote damals hat bis heute unendlich viele Leben gerettet!
(Da können die westlichen Bombendemokraten noch so aufheulen!)

docw
11
10.6.2011, 17:04

da ich keine stricherln vergebe, möchte ich ihnen auf diesem weg meine volle zustimmung mitteilen. es sind ahnungslose, die permanent von "demokratie für china" und "free tibet" schreien, ohne nur ansatzweise das land und die kultur zu verstehen. damit das anders ist, fliegt mein sohn in drei tagen für 2 monate nach bejing, um die muttersprache seiner mutter=meiner frau zu perfektionieren, die kultur und kaligraphie zu studieren, denn die zukunft liegt nicht in europa, sie liegt im osten.
und als vor einigen jahren der damalige schwedische aussenminister bei einer rede in china sagte, dass das system für dieses land ideal wäre, wurde er in europa medial gelyncht. von leuten, die einem mainstream nachlaufen, ohne ihn zu hinterfragen.

Nick Tameer
00

"Weil die Niederschlagung der Konterrevolution der einzige Weg war zu heutiger Blüte zu führen ..."

Was für Worthülsen! Zu "heutiger kapitalischer Blüte" führen, müsste man dann redlicherweise, wenn schon, sagen. Also sozusagen die Niederschlagung der Konterrevolution, um der Konterrevolution den Weg zu bereiten? Deng hat ja danach den Sinn der Revolution, auch rein privat, durchaus im Sinne von "Bereichert euch!" ausgelegt. Damals ging es um das Machtmonopol der Partei als solches und leninistische Prinzipien (deren revolutionärer Charakter mir selbst schon zweifelhaft scheint) waren schon längst nur noch rein rhetorisches Beiwerk.

Panter
00
!

Richtig es ging um das Machtmonopol und richtig macht versucht mit kapitalistischen Methoden die Arbeitsproduktivität zu steigern aber das ist wenn man es genau betrachtet zutiefst marxistisch.
Wenn es nicht genug zur gerechten Verteilung gibt (wegen der scwachen PK und AP)kann man nicht auf Dauer nur dem besseren Bewußtsein und der Ideologie vertrauen,die egoistischen Triebkräfte müssen genutzt werden um die Produktivkräfte so vortschrittlich zu entwickeln ,das eine gerechtere Verteilung erst möglich wird!

Nick Tameer
00

Teuflischer Dialektiker!

Aber ganz verstehe ich es immer noch nicht. Wollten die Demonstranten vom Tianem-Platz als einen konterrevolutionären, unmarxistischen Rückfall in den Kommununismus oder so was in der Richtung?

Panter
00
10.6.2011, 21:11
!

Es geht nicht darum was sie wollten,(es dürften unterschiedliche auch nachvollziehbare Ziele gewesen sein),es geht darum was das zwangsläufige Ergebnis gewesen wäre(siehe erstes Posting)!

Der Oley
20
vernünftige Zusammenfassung der damaligen Ereignisse

http://www.freitag.de/community... ischenfall

Nick Tameer
00

Die Darstellung scheint mir zwar, besonders, soweit sie die Position und Maßnahmen der Behörden betrifft, etwas betulich, aber doch insgesamt einigermaßen plausibel, klarer und detaillierter als die Klischees, die üblicherweise damit verbunden werden. Es war ein Machtkampf zwischen dem Staat und einer Bürgerbewegung, eine bürgerkriegsartige Situation, und man möge sich das Preseecho nebst den politischen Reaktionen vorstellen, wenn es in Europa zu ähnlichen Protesten kommen würde. Da wären die Demonstranten gar nicht lieb, denn in einer Demokratie wären solche Proteste ja schließlich absolut verwerflich und keinesfalls zu billigen.

Fritz Wunderlich
00

freitag, in brüderlicher liebe zum kommunistischen china

Cle Mens
00

"In der Nacht des beginnenden 4. Juni erreichten die Soldaten den Platz, und nach langen Verhandlungen zogen die letzten Protestierenden ab, abseits des Platzes setzten sich die gewaltsamen Auseinandersetzung allerdings noch bis zum 6. Juni fort."
Andere Quellen berichteten damals, dass die Protestierenden, die nicht rechtzeitig abzogen, mit Panzern überrollt wurden und es dabei insgesamt ca. 1000 Tote gegeben hat.

Hardcoreboson
10
auch interessant

das in dem artikel nur von den studenten gesprochen wird. nicht von den vielen anderen gruppen.

auch kein wort der damals sehr hohen inflation, die auch ein sehr grosser teil des unmutes in der bevoelkerung war. (und naja das ist ja jetzt wieder ein problem ... ).

also da fehlt wirklcih viel ...

Hardcoreboson
11
sehr entarnend auch das 'ps'

'als zhao starb passierte nichts' ... naja die 15.000 leute in HK haben wir wohl ein bischen vergessen. das 'nichts' passiert ist, hat vermutlich auch nichts damit zu tun das die KP schon in vorfeld massive 'sicherheitsvorkehrungen' getroffen hat - die trauergaeste vorselektiert wurden udgl. Sein Buch was innerhalb kurzer zeit in HK vergriffen war (v.a. auch die chin. fassung) das war wohl zufall.

der artikel ist geschickt geschrieben, in dem sinn, dass er keine konkret falschen fakten liefert, aber bewusst tatsaechen nicht erwaehnt.

Hardcoreboson
11
ich mein

das steht z.b. kein wort von gorbatschow, kein wort von den sieben forderungen/vorschlaegen - und generell wenig zum verlauf des protestes an sich. das z.b. soldaten und panzer in den meisten faellen friedlich aufgehalten wurden (bevor die KP seite zu schiessen begann) fehlt hier auch. es wird im gegenteil der eindruck erweckt die demonstranten haetten provoziert indem sie die panzer aufhielten.

nicht vergessen wird dagegen auf die schlechten hygenischen zustaende hinzuweisen.

wenn da keine ideologische motivation hinter dem artikel steckt ...

Hardcoreboson
20
naja eher sehr oberflaechlich.

vor allen wenn sie (wie sie behaupten) damals 21 waren, muessten sie merken das hier sehr viele wesentliche punkte fehlen.

Ich bin klug
121
Wären diese Leute nicht gestorben, so würden sie nun auch nicht mehr leben...

Stoppt das China-Bashing! Dieser Gedenkterror ist unerträglich!

Hardcoreboson
11
ja sicher

ein student der 1989 so um die zwanzig war, wird heute ganz sicher nicht mehr leben. eigenartigerweise leben seine/ihre eltern noch - die hier massiv gedenkterror betreiben.

sehr trollig.

Ich bin klug
10
mitdenken...

Jürgen Rembremerding
01
"Gedenkterror"

Das merk ich mir!

Marenko
152
"friedlichen Massenprotests"

Sosehr das vorgehen der Regierung zu kritisieren ist, von einem "friedlichen Massenprotest" zu sprechen ist nicht ganz richtig. Allen offiziellen und inoffiziellen Quellen zufolge wurden zig Soldaten und Polizisten durch Molotov-cocktails getötet oder von den Protestierenden gelyncht...

Fritz Wunderlich
14

alle quellen, die marenko entspringen
altmaoist oder jungangestellter der botschaft?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 55
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.