"Cato", "Bärli" und "Django": Katholische Brüder im Geiste

7. Juni 2011, 10:56
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Der Cartellverband marschiert mit Degen und Deckel - Eine Ortsbeschau aus Horn

Geht es nach dem Zustand der Stadt, so ist der Cartellverband ein verschlafener Verein. Über Horn liegt die träge Schwüle, die ein anstehendes Gewitter mit sich bringt. Am Samstagnachmittag ist der Hauptplatz beinahe ausgestorben. Irgendwo weiter draußen finden die Horner Festtage statt, ein Geschäft rühmt sich damit, auch im Einkaufszentrum eine Dependance zu haben. Einzig ein paar junge und alte Männer in dunklen Anzügen säumen den Platz vor der Stadtpfarrkirche. Sie tragen "plenibus coloribus": die Kleidung ihrer Verbindung in vollen Farben, das Band ihrer Verbindung um die Brust und den dazugehörigen Deckel, die traditionelle Verbindungsmütze, am Kopf.

Es ist die 54. Cartellversammlung, die an jenem Samstag in Horn stattfindet. Zwei CVer gehen mit Trolleys vorbei, aus einem ragen zwei Säbel. Das moderne Reisegepäck ist für Traditionalisten nicht in allen Lebenslagen praktikabel.

"Django" und "Bärli": Die Namen der Minister

Der Cartellverband, der Dachverband der 47 katholischen, farbentragenden Studentenverbindungen und 12.000 Mitgliedern hat in letzter Zeit scheinbar an Einfluss gewonnen. Unter Wolfgang Schüssel waren die Couleur-Studenten weit weniger beliebt, wenn es darum ging Minister und Funktionäre innerhalb der Volkspartei zu stellen. Spätestens mit Michael Spindelegger hat sich das geändert. Bis auf Sebastian Kurz sind alle männlichen Regierungsmitglieder aus den Reihen der ÖVP bei einer Mittelschülerkartell- oder Cartellverbandsverbindung. Spindelegger ist bei der "Norica" unter dem Namen "Cato" bekannt, Reinhold Mitterlehner wird innerhalb des CV "Django" genannt und ist in der Austro-Danubia Linz. Nikolaus Berlakovich heißt unter Bundesbrüdern "Bärli", und Karlheinz Töchterle hat seine Wurzeln in der Sternkorona Hall.

Ehrenmitglied "Cicero"

Auch "Cicero" hat es zu etwas gebracht. Er ist Ehrenmitglied der Rhaeto-Danubia und der Franco-Bavaria in Wien sowie der Floriana ins St.Pölten. "Abschließend möchte ich allen Mitgliedern des ÖCV für die bisherigen Leistungen danken und hoffe, dass Eure Stimme auch in Zukunft für unser Land und in unserem Land von hohen Nutzen sein wird", schreibt "Cicero" an die Teilnehmer der Cartellversammlung. Im bürgerlichen Leben ist "Cicero" aus Radlbrunn und heißt Erwin Pröll. Als solcher ist er Landeshauptmann von Niederösterreich.

"Katholische, engagierte Männer"

Von Radlbrunn ist es nicht weit nach Horn. Dort haben sich die obersten Funktionäre des Cartellverbands zusammengefunden. Mythenumrankt ist diese Verbindung, innerhalb der Volkspartei wie der katholischen Kirche zählt man auf die Couleur-Studenten. Doch warum sollte man im 21. Jahrhundert einer solchen Verbindung beitreten, in Zeiten, in denen der Katholizismus in unserem Land weniger Zuspruch als je findet? Matthäus Metzler von der Studentenverbindung Franco-Bavaria erklärt: "Das Hauptmotiv für die Jugend ist, dass sie an einen Studienort kommen und dann suchen sie eine Gemeinschaft, eine Gemeinschaft der Gleichgesinnten. Das sind wir. Wir sind eine Gemeinschaft aus katholischen, engagierten Männern, die sagen, sie wollen sich in der Gesellschaft engagieren, sie wollen etwas lernen und sie bekennen sich zum katholischen Glauben. Das ist nicht selbstverständlich." 

Metzlers Verbindung, die Franco-Bavaria, hat in diesem Studienjahr den Vorsitz im österreichischen Cartellverband inne und organisiert die Versammlung des Dachverbands der katholischen Studentenverbindung. Das heißt im CV-Jargon Vorort und Metzler ist der Vorortspräsident. 

Alte Herren helfen Burschen

Für Mario Kuss, der ab Juli die Präsidentschaft mit seiner Verbindung in Leoben übernimmt, geht es im CV um eine "gemeinschaftliche Persönlichkeitsbildung". Der Cartellverband ist ein Lebensbund, ergänzt Metzler, "die Verantwortung haben aber immer die Jungen". Mit Jungen sind die aktiven "Bundesbrüder" gemeint, die noch studieren, im Gegensatz zu den Alten Herren, die nach Studienabschluss als Financiers und Persönlichkeiten der Verbindung erhalten bleiben.

"Man findet Anschluss an eine Gemeinschaft, bei der man weiß, dass die Grundwerte identisch sind - und es ist auch lustig bei uns", erklärt der Vorsitzende der Altherrenschaft im CV, Alexander Dörfel.

Zwei Mal pro Woche auf der Bude

Der gemeinsame Ort der Verbindungsmitglieder ist die Bude, welche „wie ein Wohnzimmer" für sie ist, so Metzler. Man lerne und feiere dort gemeinsam. "Im Schnitt sollte ein junger zweimal pro Woche schon vorhanden sein", führt Dörfel aus. Dörfel legt jedoch Wert darauf, dass die Studentenverbindungen nicht nur Geselligkeitsverein sind, sondern die Mitglieder auch Pflichten eingehen.

Lebenslange Freundschaft

"Das Verbindungsleben mit all unseren Riten ist natürlich Geschmackssache. Deswegen haben wir die Probezeit. Wir sind ein Lebensbund", sagt Metzler. Es gäbe auch immer wieder Austritte. Die Probezeit, auch "Fuxenzeit" genannt, dauert zwei bis drei Semester. Erst danach ist der Anwärter vollwertiger Bursch. "Das klingt stark nach Hierarchie, obwohl es das nicht ist. Wir haben eine Probezeit, weil wir ein Lebensbund sind, und dann ist man Vollmitglied. Bursch und Alter Herr definiert einfach, ob man studiert oder nicht", erklärt Metzler.

"Die reißen die Leute auch mit"

Vier Grundprinzipien kennt der CV: religio, patria, scientia, amicitia - Religion, Vaterland, Wissenschaft und Lebensfreundschaft. Vor allem steht die Religion, der Glaube. "Es gibt halt Grundprinzipien. Es kommt sicher so mancher, der nicht furchtbar gefestigt ist im Glauben. Die sehen, dass die Praxis ganz anders ist, als manchmal die kirchliche Hierarchie ihnen vorlebt", sagt Dörfel. Jede Verbindung im CV hat auch seinen eigenen Seelsorger. "Wenn eine Gruppe Jugendlicher beitritt, die reißen auch Leute mit. Wenn jemand noch nicht gefirmt ist, dann kann man das auch in einer Verbindung nachholen", sagt Kuss.

Freundschaft mit Frauen über Abkommen

Kritisiert wird am CV oft, dass er ein reiner Männerbund ist. "Wir hatten diese Frage im ÖCV. Das ist debattiert worden vor zwanzig, dreißig Jahren. Der Verband hat sich in seinem höchsten demokratischen Gremium, der Cartellversammlung, dagegen entschieden", sagt Metzler. "Jeder Verbindung steht es frei solch einen Antrag wieder zu stellen. Es muss wie in einer Demokratie dafür aber eine Mehrheit geben", so Dörfel. Derzeit gibt es auf Hochschulebene der unabhängig vom CV operierenden Vereinigung christlicher Hochschülerinnen und den Verband farbentragender Mittelschülerinnen auf Schulebene. "Mit denen gibt es Freundschaftsabkommen", so Metzler.

Wasser und Traubenzucker für den Kreislauf

An diesem Wochenende herrscht ein dichtgedrängtes Programm: Ein Studenten- und Altherrentag, Sitzungen und ein Couleurfest stehen am Donnerstag und am Freitag auf dem Programm. Höhepunkt bildet der Samstag. Zunächst findet eine Festmesse statt, zelebriert vom St. Pöltner Bischof Klaus Küng, Verbindungsname "Hippolyt". Die kleine Horner Kirche am Hauptplatz ist dicht gefüllt. An den Wänden aufgereiht stehen die "Chargierten". Sie haben innerhalb der jeweiligen Verbindung besondere Aufgaben und tragen traditionelle Kostüme, teilweise Degen und Fahne. Sie stehen die ganze Messe hindurch. Ein Verbindungsbruder geht mit einer Flasche Mineralwasser und Dixi-Traubenzucker durch die Reihe. Es ist schwül, der erlösende Regen kommt erst noch und die Samt- und Brokatstoffe der Verbindungskleidung scheint schwer auf den jungen Studenten zu lasten. Wasser und die Traubenzucker sollen dem Kreislauf helfen. 

Wolkenbruch beim Umzug

Nach der Messe stehen die Chargierten verwirrt vor der Kirche, bis ihnen gesagt wird, wo sie sich aufstellen müssen. Das "Bürgerkorps Eggenburg" feuert zu Ehren des Bischofs einen Salutschuss ab. Beim Durchladen entkommt einem Korpsmitglied jedoch ein verfrühten Schuss. Just in jenem Moment beginnt der sich abzeichnende Wolkenbruch. Der CV muss durch den starken Regen hindurch seinen Umzug abhalten. Die Couleurierten machen dabei ihrem Namen alle Ehre: von schwarz bis violett, grün und orange werden alle Farben getragen. 

"Deutsch in Lied und Art"

Wenn die Studenten so durch die Stadt ziehen, liegt es nahe sie für Burschenschafter zu halten. Das verstehen die CVer. "Ich gebe zu, im alltäglichen Leben sind wir schwierig zu unterscheiden", sagt Altherren-Präsident Dörfel. Deutschnationale Burschenschafter und katholische Studentenverbindungen hätten zwar dieselbe Wurzel, würden aber in "kompletter Parallelexistenz ohne Berührungspunkte" leben. In den "Wahlsprüchen" der Verbindungen des CV finden sich aber Textstellen wie "Deutsch in Lied und Art". CV-Präsident Metzler erklärt das so: "Das sind in erster Linie Verbindungen, die zu ihrer Vergangenheit stehen, wo man sich um die Jahrhundertwende im Vielvölkerstaat als Deutscher gefühlt hat. Diese Verbindungen singen diese Lieder selbstbewusst, weil sie ganz genau wissen, dass sie keine Deutschtümelei betreiben, sondern sich mit ihren Vorfahren verbunden fühlen".

"Links um" zum Festkommers

Beim Umzug durch Horn sind die samtenen Jacken der Chargierten vom Regen durchnässt. Mit ihren kniehohen Stiefeln marschieren sie durch Wasserlacken. Für ein Gruppenfoto nehmen die Burschen Aufstellung an der Stadtmauer von Horn. Es werden Lieder gesungen und Fotos gemacht, die angezündeten Zigaretten der Studenten im Publikum müssen auf die Aufforderung der Organisatoren schnell wieder ausgedämpft werden. "Links um", heißt es nun vom Kapellmeister - keine Reaktion. So gehorsam sind die Studenten dann doch nicht. Schließlich schaffen sie es aber doch noch im Gleichschritt ins katholische Vereinshaus von Horn zu marschieren. Hier findet der "Festkommers", der feierliche Abschluss der Versammlung, statt. 

"Gaudeamus Igitur"

Nach dem Einzug der Chargierten - die Leobener Verbindung hat unter großem Jubel eine Kiste Bier mitgebracht - wird das "Erste Allgemeine", also "Gaudeamus Igitur" aus vollen Kehlen gesungen. Später wird Rektorenchef Hans Sünkel alias Columbus bei seiner Festrede über Hochschulen und den vermeintlichen Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft sprechen. Die Rede plätschert dahin, Sünkel sorgt kaum für Emotionen. Am Tisch wird derweil diskutiert, wie man den Festkommers kürzen könnte. Man ist stolz auf die eigene Verbindung und den gesamten Verband. "Bischof Krätzl hat einmal gesagt, dass wir den Generationenkonflikt überwunden haben", meint einer der Altherren, der eine besondere Schärpe für Verdienste um die Verbindung trägt. 

Das Netzwerk funktioniert

Tatsächlich sitzen hier Jung und Alt nebeneinander. CV-Präsident Metzler hatte zuvor im Interview erklärt, dass der Verband ein "gut funktionierendes Netzwerk im besten Sinne" sei. "Man hat einen Informationsvorsprung", so Metzler. Beim Festkommers sitzen Unternehmer neben Studenten und trinken Bier und Wein. Hier können Informationen wohl besonders gut ausgetauscht werden. Womöglich sitzt auch der nächste niederösterreichische Landeshauptmann in den Reihen der Verbindungsmitglieder. (Lisa Aigner und Sebastian Pumberger, 7.6.2011)

Mehr Bilder gibt es in der Ansichtssache "Bischof, Burschen und Alte Herren"

  • Aufstellung der Chargierten am Ende des Umzugs durch Horn. Die Alten Herren schauen zu und singen mit.
    foto: derstandard.at/pumberger

    Aufstellung der Chargierten am Ende des Umzugs durch Horn. Die Alten Herren schauen zu und singen mit.

  • Alexander Dörfler ist Präsident der Alten Herren. Er betont, dass der CV nicht nur ein "Geselligkeitsverein" ist, sondern auch Pflichten mit sich bringt.
    foto: derstandard.at/pumberger

    Alexander Dörfler ist Präsident der Alten Herren. Er betont, dass der CV nicht nur ein "Geselligkeitsverein" ist, sondern auch Pflichten mit sich bringt.

  • Matthäus Metzler vulgo "Benvolio" betont, dass der CV keine "Deutschtümelei" betreibt.
    foto: derstandard.at/pumberger

    Matthäus Metzler vulgo "Benvolio" betont, dass der CV keine "Deutschtümelei" betreibt.

  • Mario Kuss wird in der Verbindung "Knutschfleck" gerufen. Er hat überlegt sich "umspitzen" zu lassen, aber hat sich dann dagegen entschieden: "den Namen können sich Frauen gut merken".
    foto: derstandard.at/pumberger

    Mario Kuss wird in der Verbindung "Knutschfleck" gerufen. Er hat überlegt sich "umspitzen" zu lassen, aber hat sich dann dagegen entschieden: "den Namen können sich Frauen gut merken".

  • Pünktlich zum Festumzug setzte der Regen ein.
    foto: derstandard.at/pumberger

    Pünktlich zum Festumzug setzte der Regen ein.

  • Die Chargierten beim Festkommers in der katholischen Vereinshalle in Horn.
    foto: derstandard.at/pumberger

    Die Chargierten beim Festkommers in der katholischen Vereinshalle in Horn.

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