Denver radelt gratis, wie in Wien

5. Juni 2011, 19:35
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Autoverzicht und CO2-Sparen in Colorados Hauptstadt

Denver/Wien - Manches, was Brent Tongko sagt, klingt Benutzern des Wiener (de facto) Gratisleihradsystems "Citybike" vertraut. Etwa wenn Tongko über Nutzungszeiten "seiner" Leihräder in Denver spricht: "Die erste halbe Stunde ist gratis. Das funktioniert: Durchschnittlich wird jedes Rad nach 21 Minuten zurückgegeben."

In Wien sind es 22 Minuten - danach läuft der Gebührenzähler. Denver ist auch da nicht anders als Wien: "Die Räder sollen rasch wieder zur Verfügung stehen." Also, erklärt Tongko, während er an einer Verleihstation am Cherry Creek zeigt, wie man die robusten roten Räder aus dem Dock bekommt, habe die Stadt sich auf der ganzen Welt umgesehen - und das Pariser Gratisradsystem übernommen. "Fast eins zu eins."

Das, erzählt der Sprecher von "B-Cycle", dem (bis auf eine Einschreibgebühr) de facto Gratisleihradsystems der Hauptstadt des US-Bundesstaates Colorado, sei der Anfang einer Erfolgsstory gewesen: Dass in einer US-Stadt mit 560.000 Einwohnern und 2,5 Millionen Menschen im Einzugsgebiet binnen eines Jahres auf 500 Rädern über 100.000 Fahrten gemacht werden würden, überraschte Initiatoren wie Stadtverwaltung. Umfragen ergaben: Über 43 Prozent der Wege wären sonst per Auto zurückgelegt worden. Die so ermöglichte CO2-Einsparung (141 Tonnen) findet Tongko abstrakt: Dass sich die Bürger über 310.000 Dollar Parkgebühren ersparten, "versteht aber jeder". Mittlerweile übernahmen andere US-Städte das Konzept: etwa Chicago, Omaha und Washington.

Denver ist Paris ist Wien

Wenn Hans-Erich Dechant das hört, freut er sich: "Na das passt doch!" Dechant ist der Kopf des Wiener City-Bike-Projektes. Dass man sich in den USA auf das Pariser Stadtradsystem bezieht, macht ihn dennoch stolz: Das französische System entspricht der Wiener Leihradlerei: "Wien hat 2003 jenen Prototyp entwickelt, der danach überall in Serie ging." Zuletzt, vor wenigen Wochen, etwa in Ljubljana.

Nicht einmal das, was Tongko als Besonderheit des US-Systems lobt, sei in Wien anders, betont Dechant: Nach der ersten Stunde kostet das Denver-Bike alle 30 Minuten vier Dollar. (In Wien sind es - ab der vierten Stunde - stündlich vier Euro.) "Wenn jemand das Rad tagelang behält und fassungslos ist, was das kostet, schauen wir uns das an: Wenn keine böse Absicht dahinter war, erstatten wir das Geld meist zurück. Wir wollen, dass die Leute fahren." In Wien, erklärt Hans-Erich Dechant, sei das "nicht anders: Aber wir hängen das nicht an die große Glocke." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD; Printausgabe, 6.6.2011)

  • In Denver leben 560.000 Einwohner, im Einzugsgebiet 2,5 Millionen Menschen. Radfahren ist in der US-Stadt stark im Kommen.
    foto: thomas rottenberg

    In Denver leben 560.000 Einwohner, im Einzugsgebiet 2,5 Millionen Menschen. Radfahren ist in der US-Stadt stark im Kommen.

  • Binnen eines Jahres wurden auf 500 Rädern über 100.000 Fahrten gemacht - das überraschte die Initiatoren eines Gratis-Leihradprojekts genauso wie die Stadtverwaltung.
    foto: thomas rottenberg

    Binnen eines Jahres wurden auf 500 Rädern über 100.000 Fahrten gemacht - das überraschte die Initiatoren eines Gratis-Leihradprojekts genauso wie die Stadtverwaltung.

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