"Hört sich nach einer verpassten Chance an"

5. Juni 2011, 19:26
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Dass der Zentralbahnhof in Wien ohne U-Bahn-Anbindung kommt, hält der US-amerikanische Architekt Kent Larson für sträflich

STANDARD: Sie leiten die Forschungsgruppe Changing Places am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Was muss bei Stadtplanung geändert werden?

Larson: Das Leben in der Stadt verändert sich radikal. Es gibt neue Wohn- und Arbeitsformen, die Stadt wird größer, die Wege werden länger. Die Anforderungen steigen, und die Mobilität wird individueller, gleichzeitig sind wir aber damit konfrontiert, den Energieverbrauch zu senken und die Mobilität in den Städten einfacher und effizienter zu machen.

STANDARD: Und zwar wie?

Larson: Wir arbeiten an Elektromobilitätskonzepten und an "Mobility on demand", also an einer Art "Fahrzeug auf Anfrage", das man kurzfristig mieten kann, wenn man es gerade braucht.

STANDARD: Wie wollen Sie die Menschen mit diesem neuen System locken? Die Leute lieben ihr Auto.

Larson: Ja, auf die älteren Generationen trifft das zu, auf die jungen Leute weniger. Statt für Freiheit und Statussymbol interessieren sie sich eher für Service und Bequemlichkeit. Nicht zuletzt ist "Mobility on demand" für den Endnutzer eine wertvolle Möglichkeit, die Kosten zu senken. In vielen Städten ist Bike-Sharing schon längst gang und gäbe. Nun muss man dieses etablierte System auf das Auto übertragen.

STANDARD: Sie forschen gerade an neuen Mobilitätssystemen für die Seestadt Aspern. Was von alledem können wir dort erwarten?

Larson: Theoretisch alles. Das hängt einzig und allein von der Politik und vom Auftrag ab. Die Potenziale sind enorm. Die Seestadt ist ein völlig neu entwickeltes Gebiet für 20.000 Einwohner und hat sogar einen U-Bahn-Anschluss.

STANDARD:  Wird es in der Seestadt E-Mobile geben?

Larson: Das wäre eine Möglichkeit. Sie dürfen aber nicht vergessen, dass wir hier nicht von klassischen Elektroautos sprechen, sondern von mietbaren Elektrofahrzeugen, die man sich minuten- oder stundenweise ausborgen könnte, um damit etwa die paar hundert Meter zur U-Bahn-Station zurückzulegen. Es geht um die Schnittstelle von Individualverkehr und öffentlichem Massentransport.

STANDARD: In Wien wird gerade der neue Hauptbahnhof gebaut. Gleichzeitig soll die U2 verlängert werden. Sie wird den Hauptbahnhof um ein paar hundert Meter verfehlen.

Larson: Wow, das klingt sehr eigenartig. Ich kenne die Situation in Wien nicht gut genug, aber U-Bahnen an Verkehrsknotenpunkten sind das Um und Auf. Wie ich das verstehe, hört sich das nach einer verpassten Chance an.

STANDARD: Rund um den Bahnhof entsteht ein neues Areal mit 109 Hektar Fläche ...

Larson: Oh, es wird Jahrzehnte brauchen, bis das ein Stück Stadt wird.

STANDARD: In neuen Stadtvierteln gibt es Probleme mit Wind, Verkehr, Infrastruktur, das öffentliche Leben ist tot. Haben wir verlernt, wie man eine Stadt baut?

Larson: Ja, in gewisser Weise schon. Die heutigen Planungsmethoden sind völlig veraltet. Die Stadtplaner arbeiten mit Masterplänen, aber sie planen am Menschen vorbei. So kann man keine Städte bauen. Anstatt auf einer politischen und wirtschaftlichen Ebene zu arbeiten, müsste man mit einem sozialen Fokus planen. Doch in Wahrheit verstehen viele Stadtplaner nicht, wie die sozialen Wünsche und Ängste eines Menschen aussehen und eine Gesellschaft funktioniert. (Wojciech Czaja, DER STANDARD; Printausgabe, 6.6.2011)

KENT LARSON arbeitet am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Er ist Direktor der Forschungsgruppe "Changing Places".  Er hält im Rahmen der Wiener Stadtdialoge Montagabend einen Vortrag: "Changing Places", Kuppelsaal der TU Wien, 18 Uhr.

  • Kent Larson
    foto: mit

    Kent Larson

  • Für die Seestadt Aspern - oder was einmal dazu werden soll - und andere Stadtentwicklungsgebiete schweben dem MIT-Experten Kent Larson mietbare E-Mobile vor. Etwa, um bequem zur U-Bahn zu gelangen.
    foto: standard/semotan

    Für die Seestadt Aspern - oder was einmal dazu werden soll - und andere Stadtentwicklungsgebiete schweben dem MIT-Experten Kent Larson mietbare E-Mobile vor. Etwa, um bequem zur U-Bahn zu gelangen.

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