Gefährliche Legenden

5. Juni 2011, 17:36
  • JournalistInnen liefern massenhaft Bilder aus Krisen- und Kriegsgebieten. In welchen Kontext diese Bilder anschließend gestellt werden, können sie kaum beeinflussen.
    foto: apa/epa

    JournalistInnen liefern massenhaft Bilder aus Krisen- und Kriegsgebieten. In welchen Kontext diese Bilder anschließend gestellt werden, können sie kaum beeinflussen.

Bildunterschriften sollten den ZeitungsleserInnen Kriegsfotografien erklären, doch die bildlich dargestellte Wahrheit wird oft unterschiedlich interpretiert

Von kriegsgefangenen Soldaten im Irak spricht die eine Zeitung, die andere von inhaftierten Selbstmordattentätern in Haft - dabei ist in beiden Blättern dasselbe Bild zu finden. Der Grund für die Ungereimtheiten: die Bildunterschriften, in der Fachsprache Bildlegenden genannt. Diese sollen eigentlich den Zusammenhang, in dem ein Foto entstanden ist, erklären, damit LeserInnen den Bildinhalt verstehen können. Aber genau das wird seit dem Ersten Weltkrieg gerade in der Kriegsfotografie für Propaganda und Populismus missbraucht. Bis heute. Denn Leserbeeinflussung mithilfe von Interpretation ist in der österreichischen Zeitungslandschaft kein Einzelfall. Das untersuchte der Kommunikationswissenschafter Michael Kirchdorfer in seiner Magisterarbeit über die postmoderne Kriegsfotografie mit dem zweideutigen Titel "Wahre Bildlegenden".

Keine Suche nach der Wahrheit

Mehr als 3.000 Bilder von den Kämpfen im Irak 1991 und 2003 sowie 2001 in Afghanistan haben "Kurier", "Presse", "Standard" und "Krone" insgesamt veröffentlicht. Sie alle hat Kirchendorfer untersucht, natürlich inklusive ihrer Bildlegenden. Das Herzstück ist der Vergleich von Bildunterschriften, wenn dasselbe Foto in mindestens zwei der untersuchten Blätter zu finden war. Ziel war nicht den Wahrheitsgehalt zu bestimmen, sondern die Differenzen. Je größer also die Abweichungen zwischen den Erklärungen, desto stärker die Beeinflussung der LeserInnen - so die scheinbar zeitlose Erkenntnis. Dabei fällt die Trennung zwischen Qualitätspresse und Boulevardzeitung hier nicht ins Gewicht. Auch wenn dasselbe Bild in zwei journalistisch hochwertigen Zeitungen erscheint, so kann es im Vergleich trotzdem zu großen Unterschieden im Inhalt kommen.

Die Tücken der professionelleren Bildpolitik

Notorisches Misstrauen bei Kriegsfotografie scheint jedoch heute fehl am Platz sein. Bei mehr als der Hälfte aller Vergleiche sind nur wenige Differenzen festzustellen, die Beeinflussung der Bildwahrnehmung bleibt also ziemlich gering. Ein Beispiel für einen kleinen Unterschied: Die eine Zeitung baut in die Bildlegende ein aussagekräftiges Zitat ein, das zur dargestellten Situation in einen größeren Zusammenhang bringt. Die andere gibt weitere Details zum konkreten Fall bekannt. Starke Abweichungen zwischen solchen Bildlegenden sind darüber hinaus von 1991 bis 2003 zurückgegangen, wie Kirchdorfer festgestellt hat. Als Grund vermutet er die Professionalisierung der Bildpolitik in den Medien. Das bedeutet, die Bildauswahl bei Presseagenturen ist 2003 größer als noch in den 1990er Jahren. Meist unterscheiden sich die Fotos aber nur in Perspektive oder im Ausschnitt voneinander, grenzt Michael Kirchdorfer ein.

Befehl ist Befehl, auch für Zeitungen

Das Problem in der Praxis: JournalistInnen und damit Zeitungen sind auf Agenturen angewiesen. Denn da Kriege selten unumstritten sind, achten die Verantwortlichen besonders genau darauf, was publik wird. Daher unterliegen ReporterInnen einer enormen Kontrolle, wenn sie denn überhaupt vor Ort recherchieren und fotografieren dürfen. In der Regel muss alles von den Streitkräften genehmigt werden. Eine alternative Quelle sind die gegnerischen Truppen, eine Überprüfung der Informationen ist jedoch bei beiden Seiten für die JournalistInnen nicht immer möglich. So werden die Berichte oft kritiklos übernommen. Den Kriegsparteien ist das nur Recht, sie wollen letztlich nur ihre Interessen in den Medien vertreten wissen, nicht unbedingt die Wahrheit. So betonen dann die Iraker die Zahl der toten Zivilisten, während die Amerikaner die jubelnde Menge am Ende der Kämpfe hervorheben.

Aufgrund dieser Bildpolitik können Fotos auch nachträglich einem Block zugeordnet werden, wie Kirchdorfer in seiner Arbeit zeigt. Ein wichtiger Schritt, der verdeutlicht, woher Bilder kommen und durch eine thematische Einordnung auch die Aussageabsichten der Quellen darlegt.

Fotos zur eigenen Meinungsbildung fehlen

Die Studie motiviert die MedienkonsumentInnen, häufiger verschiedene Zeitungen zu lesen und bewusst bei identischen Bildern die Legenden zu vergleichen. Besonders bei kriegerischen Auseinandersetzungen ist dieses kritische Misstrauen wohl angebracht. In der Arbeit selbst ist eine Beurteilung des Bildmaterials leider nicht möglich. Die angesprochenen Bilder und ihre Legenden sind aus Copyright-Gründen in der Online-Version nicht einsehbar. Dafür hat der Autor den LeserInnen seine detaillierten Erhebungen für jedes untersuchte Jahr und für jede Zeitung im Anhang komplett zur Verfügung gestellt.

Die Magisterarbeit "Wahre Bildlegenden - Eine Studie über die interpretative Verwendung der Bildlegende im Kontext der postmodernen Kriegsfotografie" kann auf textfeld.ac.at im Volltext nachgelesen werden.


Der Autor

Michael Kirchdorfer (Jg. 1983, Mag. phil.) schloss sein Magisterstudium Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien 2010 ab und schreibt derzeit an einer Dissertation über Wikileaks und dessen Folgen für den Aufklärungsjournalismus. Darüber hinaus arbeitet er als freischaffender Autor, Journalist und Medienanalyst.

Die Rezensentin

Caroline Holzschuher (Jg. 1988, B.A.) hat das Bachelor-Studium Medien und Kommunikation an der Universität Passau absolviert und studiert seit 2011 Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Angewandte Linguistik an der Universität Wien.

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20 Postings
"von inhaftierten Selbstmordattentätern in Haft"

häftig.

Wer kennt den Spruch nicht: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

Die vielleicht berühmteste Bildfälschung aller Kriege: Das manipulierte Foto von den Gefangenen, von Fikret Alic in Trnopolje hinter dem Stacheldrahtzaun (1992). Am Tag nach der Veröffentlichung glaubte die ganze Welt an KZs am Balkan.

Die Fälschung wurde von engagierten Journalisten bald aufgedeckt. Die Aufdeckerzeitung wurde aufgelöst, die Reporter diskreditiert und heutzutage darf man die Wahrheit kaum noch sagen. Anfeindungen enorm.

Nicht ganz wahr, das Lager gab es wirklich, man hat die Menschen nicht ermordet aber verhungern lassen. Googlen Sie mal nach seinem Name!

das internet lügt nicht.

typos

das hat jetzt nichts mit den bildlegenden zu tun, sondern mit dem text, der für verwirrung stiftet: heißt der autor kirchendorfer oder kirchdorfer? ist er ein wissenschafter oder ein wissenschaftler? liebe redaktion, bitte typos redigieren.

Alternative Deutung:

Nicht eine "Professionalisierung der Bildpolitik" hat dafür gesorgt, dass Zeitungen ihre Leser "weniger beeinflussen".

Zeitungen übernehmen einfach mehr und mehr unhinterfragt von den Presseagenturen. Wie sehr oder wenig diese ihre Rezipienten beeinflussen, steht auf einem anderen Blatt geschrieben - zumal deren Arbeit ja auch kaum mehr kontrolliert wird.

Trotzdem: Für eine Mag.-Arbeit eine wirklich respektable Leistung!

[...] Bei mehr als der Hälfte aller Vergleiche sind nur wenige Differenzen festzustellen [...]

D.h. die andere Hälfte sind zu Hinterfragen.

Also ist "Notorisches Misstrauen bei Kriegsfotografie" doch gerechtfertigt!

ich fürchte, daß sich viele Medien, viele Journalisten und Bildreporter von der publizistischen Etrhik verabschiedet haben. All denen ist offenbar ihre Verantwortung nicht genügend bewußt. Manipulative Bilder und Berichte können Kriege auslösen!

Das zeigt wie schlimm unser System heute ist, niemand schert sich mehr um die Wahrheit, das was man gesagt bekommt ist wahr und Punkt. Niemand schert sich mehr um die Geschichte hinter einem Bild, die Lebenden und die Toten die für irgendwen gestorben sind...

wer den Fotograf nicht persönlich kennt

sollte von dem auch kein Foto veröffentlichen. Dieses Agentur-Abgeschreibsel mit zugekauften Agentur-Bildern muss aufhören. Niemand in der Redaktion kennt irgendwen, der auch nur irgendwen kennt, der vor Ort ist, aber trotzdem wissen's sofort bescheid und müssen unbedingt das unwissende Leservieh exklusiv informieren.

Wo du recht hast hast du recht, Dölf!

Auch sollte keiner zum Tanz einladen der nicht selber Musik macht. Mit dieser Nachmusiziererei aus elektronischen Anlagen muss schluss sein. Da weis mann auch nie, ob die Trompete wirklich echt ist, oder vielleicht nur Audioelektronisch hergestellt!

ein bekannter Fall...

in Bezug auf die Berichterstattung über den Konflikt um das Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer.

http://en.wikipedia.org/wiki/Tuvi... teditall-1

Legendär

die Bildlügen der westlichen Presse beim Tibet-"Aufstand" 2008

Legendär

sind auch die Bildlügen im Feber und März 2000 nach Angelobung der Schwarzblauen Koalition, besonders in der Boulevardpresse.

Die Krone wurde übrigens dafür viel später sogar gerichtlich belangt.

Grundsätzlich sollte es heute dank Internet immer leichter sein, die Wahrheit heraus zu finden; trotzdem lassen sich immer mehr Menschen durch Medienlügen beeinflussen, und die Medien selbst finden es auch nicht wirklich der Mühe wert, Agenturnachrichten zu überprüfen (nicht mal mit dem gesunden Menschenverstand oder durch tel. Nachfrage bei einem Experten).

Oder wie war das noch schnell mit der EHEC-Gurken-, nein -Tomaten-, nein -Sojasprossen-, -Spanien-, nein -Holland-, nein -Norddeutschland-Affäre?

Au ja : auf den Seiten amerikanischer Dienste waren Leichen im Kosovo zu sehen.

Bildunterschriften: In Metohija von UCK Terroristen getötete Serben.
Als später die Propagandawalze zu laufen begann um die Angriffe auf Restjugoslawien zu rechtfertigen sah ich dieselben Fotos wieder. Diesesmal waren es von Serben getötete Albaner.
Einme Disku erübrigt sich.

na dann...

"Bei mehr als der Hälfte aller Vergleiche sind nur wenige Differenzen festzustellen, die Beeinflussung der Bildwahrnehmung bleibt also ziemlich gering."

ich wette in der udssr waren bei den bildern aus aufghanistan ÜBERHAUPT keine abweichungen unter den bilderklärungen...

die leute wurden daher gar nicht beeinflusst...

die zeitung hieß ja auch "wahrheit"

Der Standard schafft es sogar, ein und dasselbe Bild in gegensätzlichen Kontext zu stellen

Siehe das Bild von einer Demonstration mit einem Plakat mit dem Konterfei von Gaddafi, das zunächst als Bild einer Anti-Gaddafi-Demonstration in Kairo bezeichnet wurde und einen Tag später als Bild von einer Pro-Gaddafi-Demonstration in Tripolis.

danke, dass sie das erwähnen.
selbst bei der ersten veröffentlichung mit bildunterschrift war das völlig unglaubwürdig. die frau mit offenen langen haaren hält ein (unzerrissenes) bild mit dem konterfei von g. in die höhe.

Das Photo ist im Archiv mit den Tags "arabische Welt", "Demonstrationen", "Gaddhafi" abgelegt.

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