Persönlichkeit und Soft Skills erleben Österreichs Hochschulabsolventen als zentral in Rekrutierungsgesprächen - Ihren Job finden sie auf klassischem Wege via Ausschreibungen - Studien- und Erwerbsbiografien wachsen zusammen
Österreichs Hochschulabsolventen finden wenige Monate nach dem Abschluss einen Job, in dem sie ziemlich zufrieden sind und wo sie auch überwiegend in traditionellen Beschäftigungsverhältnissen stehen.
Dieses Ergebnis der größten jemals in Österreich durchgeführten Absolventenbefragung (INCHER, Kassel, 23.000 Rückantworten) hat kürzlich zu heftigen Diskussionen geführt: Während Arbeitsmarktservice und Wissenschaftsministerium somit die "Generation Praktikum" zur Chimäre erklärten und widerlegt fanden, dass Absolventen in diversen losen Jobs seriell ausgebeutet werden, sahen Kritiker, etwa die Grünen, eine Fragestellung, die zu gewünschten Ergebnissen geführt habe. Stichwort: Wer nach dem Prekariat nicht fragt, erhält dazu auch keine Antwort. Ideologisch auch aufgeladen, ist die Diskussion an diesem Punkt auch zunächst hängengeblieben. (derStandard.at berichtete)
Klassische Jobsuche
Wie aber haben die Uni- und Fachhochschulabgänger ihren Job gesucht? Das hat die Studie der Kasseler Hochschulforscher auch abgefragt: Klassische Vorgangsweise dominiert, da 79 Prozent sich auf ausgeschriebene Stellen bewarben, 67 Prozent bei einem Wunscharbeitgeber selbstständig vorstellig wurden. 22 Prozent haben Praktika während des Studiums als Türöffner verwenden können. Weniger als ein Prozent hat via Arbeitsmarktservice oder Career-Center einer Hochschule die Stelle erhalten.
Aufschlussreich auch, wie die Absolventen den Rekrutierungsprozess erlebt haben, was als wichtig erschienen ist. Am häufigsten wird da "Persönlichkeit" genannt, gefolgt von der Studienrichtung und der Bereitschaft zu zeitlicher und geografischer Flexibilität. Computerkenntnisse, praktische Erfahrung und das Abschlussniveau wurden auch als zentral wichtige Faktoren im Recruitinggespräch rückgemeldet.
Interessant in der vernetzten Gesellschaft, die auch hier mindestens ein Podium pro Woche zur hohen Kunst des für den Berufseinstieg angeblich unabdingbaren Networkings bietet: Empfehlungen von Dritten werden ebenso als unwichtig eingestuft wie Noten im Studium, die Bereitschaft zu finanziellen Abstrichen, der Ruf der Hochschule und die Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken, Vereinen und Verbänden.
Mehr Uni, mehr Titel
Interessant, dass offenbar ein wenig Stolz auch die Sicht der Dinge färbt: Während 44 Prozent der Uni-Absolventen erworbenen Titel als wichtiges Kriterium angeben, tun dies nur 28 Prozent der FH-Absolventen.
Zurück zum Kritikpunkt, ein Phänomen namens "Generation Praktikum" werde wegdiskutiert: 80 Prozent aller Hochschulabsolventen in Österreich befinden sich sechs Monate nach Abschluss in Erwerbstätigkeit. Fachhochschulen (FH) liegen da sogar bei 87 Prozent. Zwölf Prozent gehen in eine Berufsausbildung, 18 Prozent studieren weiter, fünf Prozent widmen sich der Familienarbeit, Präsenz- resp. Zivildienst, lange Reisen und andere Auszeiten schlagen auch bei zehn Prozent zu Buche. Wobei das eine das andere jeweils nicht ausschließt.
Die neue Studienarchitektur nach Bologna befördert diese Wechsel zwischen Hochschule und Arbeitsleben resp. die parallelen Formen stark.
Studierende Erwerbstätige, erwerbstätig Studierende und viele andere biografische Mischformen und Brüche werden langsam Normalität. Standardisierte Beurteilungen und Lebenslaufanalysen können Recruiting-Verantwortliche und Personalentscheider also bald endgültig in der Schublade lassen. das mag auch erklären, warum die Absolventen selbst Soft Skills und Persönlichkeit als wichtigstes Kriterium in ihren Bewerbungsgesprächen wahrgenommen haben.
Noch ein Argument, welches das Phänomen einer nicht (oder ganz übel) bezahlten "Generation Praktikum" entkräften mag: Das erste monatliche Bruttoeinkommen nach Abschluss in Vollzeitarbeit beträgt im Mittelwert 2100 Euro, FH-Absolventen erzielen mehr, nämlich fast 2500 Euro. Sie haben aber auch mehr berufliche Vorerfahrung aufzuweisen. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2011)