Sternwartepark: Ein Stück Wildnis mitten in Wien

4. Juni 2011, 18:33
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Der als Naturdenkmal geschützte Park in Wien-Währing ist Heimat von mehr als 100 Pflanzen- und Holzarten

Wien - Sucht man im Internet-Dienst Google Maps vom Schreibtisch aus den Sternwartepark in Wien-Währing, findet man - nichts. Denn dort, wo er laut dem Botaniker Wolfgang Adler sein soll, nämlich auf der Anhöhe südlich des großen Türkenschanzparks und begrenzt von Sternwartestraße, Türkenschanzstraße, Edmund-Weiß-Gasse und Littrowgasse, ist nur eine graue Gebäudefläche eingezeichnet.

Also muss man schon aufstehen, hinradeln und nur kurz vor den zwei Meter hohen Ziegelmauern stehenbleiben. Dahinter verbirgt sich ein Stück Natur, das man so, mitten in Wien, nicht für möglich gehalten hätte. 5,8 Hektar umfasst das öffentlich nicht zugängliche Grundstück, das seit rund 130 Jahren verwildern darf, wie es will.

Geschützt von äußeren Einflüssen, den Scherenhänden von Gärtnern und der Motorsäge von Förstern, verwildern hier mehr als 100 verschiedene Pflanzen- und Holzarten. Adler hat die Bestände 2009 beim "Wiener Tag der Artenvielfalt" gemeinsam mit Kollegen und interessierten Hobbybotanikern eigenhändig notiert. Es war einer der wenigen Tage, in denen der Park seine ansonsten verschlossenen Pforten für die Öffentlichkeit aufgesperrt hat.

Natur begeistert

"Hier verwildern Pflanzenarten, die sonst selten bis nie im Großraum Wien vorkommen", erzählt der inzwischen 67-jährige Wiener, während er flugs durch das Unterholz streift und zielgenau einen Erbsenstrauch ansteuert. "Hier gibt es die einzige Verwilderung dieses Zierstrauchs in Wien." Was man aber zum Beispiel auch vom Montpellier-Ahorn behaupten könne. Die Begeisterung an diesem Stück Natur im Sternwartepark ist Adler anzusehen. Kaum zehn Meter schafft er es, ohne auf botanische Besonderheiten hinzuweisen, in der Erde entdeckt er auch riesige Fuchs- und Dachshöhlen.

Angelegt wurde der Park im 18. Wiener Gemeindebezirk, während im Areal von 1874 bis 1879 die Wiener Universitätssternwarte errichtet wurde. Das in Kreuzform angelegte Bauwerk gilt noch heute als das größte baulich geschlossene Sternwartegebäude der Welt und wurde am 5. Juni 1883 in Anwesenheit von Kaiser Franz Joseph I. eröffnet.

Exotische Gewächse

Kein Wunder also, dass im Park auch exotische Ziergewächse angepflanzt wurden, die in Zeiten von Kaiserin Elisabeth äußerst populär waren. Der Scharlach-Weißdorn etwa, aus Nordamerika importiert, fühlt sich auf dem Hügel aus Quarzsand im Sternwartepark pudelwohl. "Hier ist der einzige Platz in ganz Wien, wo sich dieser Großstrauch in freier Wildbahn durchgesetzt hat", sagt der Ökologe Alexander Mrkvicka, der gemeinsam mit Adler das Buch Die Flora Wiens veröffentlichte. "Irgendetwas muss an diesem speziellen Platz genau zusammenpassen."

Weil der Park gemeinhin als "ungepflegt" gilt und Gefahr etwa durch herabstürzende Bäume oder Äste besteht, ist der Eintritt ins Gelände ohne ausdrückliche Genehmigung nur Mitarbeitern und Studenten der Uni Wien auf ihrem Weg zur Sternwarte vorbehalten. Damit schützt sich die Stadt auch vor Versicherungsforderungen bei Unfällen. Dass der Sternwartepark weiter vor sich hin verwildern kann, ist auch einem gestiegenen Umweltbewusstsein der Wiener und der Macht der Kronen Zeitung geschuldet. 1973 musste der damalige Wiener Bürgermeister Felix Slavik (SP) auf öffentlichen Druck zurücktreten, weil er kleine Teile des Parks verbauen und ihn zugänglich machen wollte (siehe Wissen).

Mord am Wald

Adler erinnert sich noch genau an die Zeit. "Die Krone hat auf Seite eins riesengroß mit 'Mord!' getitelt", erzählt er. "Gemeint war natürlich der Mord am Wald." Die Bürgerinitiative, die von der Krone unterstützt wurde, feierte bei einer erstmals durchgeführten Wiener Volksbefragung einen großen Erfolg gegen die Verbauung. Die teilweise Öffnung des Parks, die auch die Bürgerbewegung gefordert hatte, wurde aber nach dem Votum nicht umgesetzt. So können im Wiener Sternwartepark weiter riesige Bäume unbehelligt umstürzen, ohne aufgeforstet zu werden.

Wertvolle Baumleichen

"Diese Baumleichen sind das Wertvollste im Park", sagt Harald Gross von der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22). "Für Insekten und Vögel sind diese Nisthöhlen ein wichtiger Lebensraum. Einige seltene Arten von Bienen und Schmetterlingen kommen hier ebenfalls vor." Im Quarzsand auf der abschüssigen Südseite vergnügen sich etwa viele Sandbienen. Öl- und Hirschkäfer, Fledermäuse und das Wiener Nachtpfauenauge, der größte Schmetterling Europas, nützen ebenfalls das seltene Privileg eines Refugiums von Natur im verbauten Gebiet. Bei einer Untersuchung 2006 wurden 17 verschiedene Arten von Spinnen nachgewiesen.

Gelegenheiten, den Park zu besuchen, bieten neben Expertenführungen nur seltene öffentliche Veranstaltungen der Universitätssternwarte. Das stellt laut Adler auch sicher, dass sich der Park weiter selbst entwickeln kann. "Ein Naturwald wird das hier dennoch kaum werden. Höchstens in 1000 Jahren." (David Krutzler, DER STANDARD-Printausgabe, 4./5. Juni 2011)

  • Im Wiener Sternwartepark dürfen Bäume umfallen, wie sie wollen. Aufgeforstet wird hier nicht. Die Universitätssternwarte, vor 128 Jahren eröffnet, verschwindet immer mehr hinter Natur.
    foto: robert newald

    Im Wiener Sternwartepark dürfen Bäume umfallen, wie sie wollen. Aufgeforstet wird hier nicht. Die Universitätssternwarte, vor 128 Jahren eröffnet, verschwindet immer mehr hinter Natur.

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