Die letzten Urwälder von Österreich

4. Juni 2011, 18:16
71 Postings

Wirklich unberührte Wälder gibt es in Österreich nur ganz wenige - Matthias Schickhofer über die langjährigen Bemühungen, die letzten Waldschätze des Landes zu erhalten

Wien - Knapp die Hälfte Österreichs ist mit Wald bedeckt. Doch nicht alles ist ursprüngliche Natur. Im Gegenteil: Die Urwälder, die Österreich einst bedeckten, wurden geschlägert und in industrielle Wirtschaftswälder umgewandelt. Fast. Einige wenige Paradiese haben die Kettensägen überlebt: Laut Umweltbundesamt sind 0,7 Prozent der heimischen Wälder noch in einem natürlichen Zustand oder streng geschützt - und sind wieder am Weg zurück zu ihrem Ursprung. Weitere 2,3 Prozent unterliegen in Schutzgebieten Nutzungseinschränkungen, um ihre Artenvielfalt zu erhalten.

Das Umweltbundesamt kommt in der Studie "Wald in Schutzgebieten" (2004) zu einem ernüchternden Ergebnis: Auf 97 Prozent der Waldfläche bestehen keine grundsätzlichen naturschutzrechtlichen Einschränkungen für die forstliche Bewirtschaftung.

Wilde Wälder

Doch, es gibt sie noch, die wilden Wälder. Auch in Österreich. Sie finden sich dort, wo die Forstwirtschaft nicht wirtschaftlich war oder wo Waldbesitzer aus Liebhaberei die Sägen zu Hause ließen. Die Natur-Wälder Österreichs sind eine magische Welt: Riesige Buchen, Eichen, Silberpappeln, Zirben, Lärchen, Eschen, Ahorn, Tannen oder Fichten wachsen mächtig in den Himmel. Abgestorbene Bäume liegen vermodernd am Boden und liefern Nahrung für andere Lebewesen wie Pilze, Moose, Insekten, Spechte und junge Bäume.

Richtige "Urwälder" - also Waldgebiete, die nie umgeschnitten oder durch land- und forstwirtschaftliche Nutzung verändert wurden - gibt es auch in Österreich, aber nur mehr ganz wenige. Der berühmteste und größte ist der Urwald Rothwald im Wildnisgebiet Dürrenstein. Die Naturzone dieses ersten und einzigen Wildnisgebiets in Österreich darf von "Normalwanderern" nicht betreten werden - es gibt aber Führungen. Und das ist gut so. Sonst wäre unser wertvollster Urwaldschatz wohl bald niedergetrampelt, verlärmt und mit Müll übersäht.

Die versteckten Reste

Die übrigen Urwaldreste Österreichs sind eher winzig. Sie befinden sich an versteckten Orten, etwa in den niederösterreichischen und steirischen Kalkalpen oder im Waldviertel. Ein bedeutender Teil der heimischen Naturwälder wird durch das Österreichische Naturwaldreservate-Programm des Bundes in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Wald und Forstbesitzern für die Forschung und die Nachwelt bewahrt. Auf einer Fläche von 8600 Hektar dürfen sich die meisten der 118 heimischen Waldgesellschaften natürlich entwickeln - und wieder zum sekundären "Urwald" heranwachsen. Das Programm schützt nicht nur Orte von wilder Schönheit vor Sägen, Straßen und uns selbst, sondern liefert auch wichtige ökologische Erkenntnisse für die Forstwirtschaft.

Denn: In den oft artenarmen Wirtschaftswäldern können die komplexen Ökosystembeziehungen zwischen Baumarten, Pilzen und vielen anderen Waldbewohnern nicht studiert werden - weil es sie in dieser Vielfalt nicht gibt. Angesichts des Klimawandels sind diese Erkenntnisse immer mehr gefragt.

Reservate für die Artenvielfalt

Georg Frank, der Leiter des Österreichischen Naturwaldreservate-Programms (NWR), erklärt: "Unser Ziel ist es, ein repräsentatives Netz von Reservaten für die Artenvielfalt aller wichtigen Waldwuchsgebiete, Waldtypen und Höhenlagen zu schaffen. Das Netz dient der Erhebung von Grundlagen für die Weiterentwicklung eines ökologisch orientierten, naturnahen Waldbaus. Unser Ziel haben wir zu zwei Drittel erreicht. Es fehlen noch Flächen im Tiefland und im inneralpinen Bereich, wo der Nutzungsdruck stärker ist. Auch der Biomasseboom macht es schwieriger, neue Flächen zu bekommen."

Entschädigungen

Georg Frank ist schon lange im Zeichen der Naturwälder aktiv und hat dem Schutzprogramm seinen persönlichen Stempel aufgedrückt: "Uns ist es wichtig, dass die Waldbesitzer ihre Flächen freiwillig einbringen und sich voll mit ihren 'Wald-Schätzen' identifizieren. Sie betreuen die Flächen auch selbst." Beim NWR-Programm werden die Wälder durch Verträge mit den Waldbesitzern aus der "Nutzung" genommen. Die Waldbesitzer erhalten eine Entschädigung. Das macht den Waldschutz auch wirtschaftlich interessant. Nach offiziellen Angaben zahlt der Bund gut 800.000 Euro pro Jahr für das NWR-Programm. Das sind 0,0013 Prozent des Staatshaushalts.

Und wenn ein Waldbesitzer trotzdem zur Säge greift? Frank: "Dann kündigen wir den Vertrag, und der Besitzer muss alle Entschädigungen rückwirkend zurückzahlen." Das sei erst einmal passiert, aber "das hat sich rasch herumgesprochen".

Unwiederbringliche Werte

Und wenn das NWR-Programm teilweise oder ganz dem Rechenstift eines Sparbudgets zum Opfer fällt? "Da würden unwiederbringliche Werte verlorengehen", betont Frank. "Die nachhaltige Sicherung der Artenvielfalt kann nur gelingen, wenn die Schutzprogramme nicht kurzfristigen Finanznöten untergeordnet werden." Naturschützer berichten, dass die Regierung während der letzten Krise begehrliche Blicke auf die NWR-Finanzmittel richtete, Einschnitte konnten jedoch vermieden werden. Werden die Naturwälder auch die nächste Krise überstehen? (Matthias Schickhofer/DER STANDARD-Printausgabe, 4./5. Juni 2011)

MATTHIAS SCHICKHOFER war viele Jahre Mitarbeiter von Greenpeace und ist nun als Kampagnenberater, Fotograf und Journalist tätig.

Ausflugstipps:

Nationalpark Kalkalpen
Geführte Wanderungen durch die Nationalparkverwaltung.
www.kalkalpen.at

Nationalpark Thayatal
Naturnahe Mischwälder bei Hardegg und Merkenstein.
www.np-thayatal.at

Nationalpark Hohe Tauern
Sonderschutzgebiet "Wiegenwald" im Salzburger Stubachtal (Besuch nur mit Führung).

Nationalpark Hohe Tauern
"Rauriser Urwald" bei Kolm Saigurn (Salzburg).
www.hohetauern.at

Nationalpark Donauauen
Auf markierten Wegen durch die Stopfenreuther Au bei Hainburg (wo einst das Kraftwerk errichtet hätte werden sollen), bei Haslau, Maria Ellend oder Orth.
www.donauauen.at

Totes Gebirge, Warscheneck
Auf Wanderwegen durch den größten Lärchen-Zirben-Wald Österreichs (Wurzeralm, Hochmölbinghütte). Allerdings: Dieses Naturparadies ist durch ein geplantes Skigebiet bedroht. www.warscheneck.at

Alpenpark Karwendel
Urige Wälder im "Vomper Loch" und anderen einsamen Tälern.
www.karwendel.org

  • Mächtige Bäume, gefallene Riesen und eine unvergleichliche Artenvielfalt. Die letzten Urwälder von Österreich sind auch ein begehrtes Forschungsobjekt.
    foto: matthias schickhofer

    Mächtige Bäume, gefallene Riesen und eine unvergleichliche Artenvielfalt. Die letzten Urwälder von Österreich sind auch ein begehrtes Forschungsobjekt.

Share if you care.