Venedigs Giardini: Themenpark der Kunst

3. Juni 2011, 19:14
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28 der insgesamt 89 Länderpavillons der Kunstbiennale in der Lagunenstadt befinden sich in den Giardini - Und die sind längst nicht mehr nur Laufsteg nationaler Eitelkeiten

Das Schauvergnügen beginnt, wie immer, schon vor den Giardini: Megayachten im Canal Grande, die weltweit längste könnte in ihrem nächsten Leben auch ein Kreuzfahrtschiff sein; jetzt aber gehört sie Roman Abramowitsch ganz allein. Während draußen also Yachtbesitzer Größenvergleiche anstellen, wetteifern drinnen im Kunst-Themenpark die Länderpavillons um Aufmerksamkeit - und um die Löwen, die heute, Samstagmittag, vergeben werden. Nimmt man die Biennale - auch - als Trendbarometer, so ist derzeit Labyrinthisches sehr en vogue. Außer im österreichischen (Markus Schinwald) und Schweizer (Thomas Hirschhorn) Pavillon verirrt und verliert man sich unter anderem auch bei den Franzosen und den Briten.

Bei Letzteren hat der britische Künstler Mike Nelson mit seiner atemberaubenden, alle Sinne betörenden Intervention den Pavillon faktisch zum Verschwinden gebracht: In dreimonatiger Arbeit hat er im neoklassizistischen Ziegelbau eine türkische Karawanserei aus dem 17. Jahrhundert bis ins kleinste Detail originalgetreu auferstehen lassen, auferstehen auch in dem Sinn, als sein Venedig-Beitrag die Erweiterung einer Arbeit für die Istanbul-Biennale vor acht Jahren ist: eine klaustrophobe, poetische, melancholische Meditation über Zeit und Identität. Darüber denkt auch Christian Boltanski im französischen Pavillon gleich nebenan nach. Über ein Labyrinth aus Baugerüsten lässt er auf dem Fließband Babyfotos rattern. Hin und wieder stoppt das Band, Alarm schrillt, ein Gesichtchen wird beleuchtet: durch Zufall ausgewählt - wofür? Glück? Reichtum? Krankheit? Tod? In den Seitenflügeln zeigen Neonnummern die Zahl der Toten und die der Geburten in Realzeit an und beweisen: Jeder Tag ist ein Sieg des Lebens über den Tod.

An der Kitschgrenze

Ursprünglich wollte Boltanski seine Chance, so der Titel der Installation, als Zeichen der deutsch-französischen Verbundenheit im deutschen Pavillon aufstellen. Doch Deutschland hatte sich bereits für Christoph Schlingensief entschieden. Schlingensief starb während der Vorbereitungen, der Pavillon wurde zum kerzenerleuchteten Memorial; hart an der Grenze zum Kitsch, aber auch anrührend und bewegend und gilt als Hauptfavorit für den Goldenen Löwen. "Er wollte den Ort besetzen, zersetzen. So, wie er hemmungslos mit Beuys und Göttern umgeht, wäre er mit dem Pavillon verfahren" , sagt Kuratorin Susanne Gaensheimer.

Sie versetzte das Setting seines Fluxus-Oratoriums Kirche der Angst gegen das Fremde in mir, das 2008 bei der Ruhrtriennale uraufgeführt wurde, auf die Biennale und zeigt in denNebenräumen Schlingensief-Filme und sein Afrika-Operndorf-Projekt.

Eine Gedenkstätte ist auch der ägyptische Pavillon, Ahmed Basiouny wurde auf dem Tahrir-Platz erschossen. Die stringente und in ihrer Klarheit anrührende Videoinstallation zeigt Performances des 32-jährigen Künstlers, dazwischengeschnitten Basiounys Filmaufnahmen von den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz. Kuratorin Aida Eltorie hat die Präsentation großteils mit privater Finanzierung realisiert - nachdem Ägypten die Teilnahme aus Geldmangel schon abgesagt hatte.

"Geld macht die Musik" - also bringt die Kreditkarte die Orgel zum Spielen. Was die Welt bewegt - Macht, Militär, Nationalismus, Konsumismus, Konkurrenzkampf - thematisieren eindrücklichst US-Amerikanerin Jennifer Allora und der aus Kuba gebürtige Guillermo Calzadilla. Vorm US-Pavillon wird ein Läufer auf dem Laufband von den Rädern eines umgekippten Panzers angetrieben; drin liegt die gefesselte Freiheit in der Sonnenbank; Athleten umturnen (Konsum-)Heiligtümer und (Fahnen-)Stangen. Ein hochpolitischer Beitrag und, so Kuratorin Lisa D. Freiman, nur unter Barack Obama realisierbar.

Mao als Gottesmutter

Schon vom weitem signalisieren Stelios Faitakis' provokante Außenwandmalereien wie etwa Mao in Madonnenpose, Kim Jong- il als Jesuskindlein am Arm: Grenzfragen stehen auch im und am und vor dem dänischen Pavillon zur Debatte. Dazu hat die griechische Kuratorin Katerina Gregos 18 internationale Künstler eingeladen.

Und das ist ein anderer, spannender Trend: nationale Grenzen sprengen, Modelle persönlicher und kollektiver Freiheit in einer globalen Welt entwerfen. Erstmals in seiner Biennale-Geschichte hat Polen einen nichtpolnischen Künstler eingeladen. Die israelisch-holländische Filmemacherin Yael Bartana beschäftigt sich in ihrer Video-Trilogie And Europe will be stunned mit dem Jewish Renaissance Movement in Polen - einer politischen Gruppierung, die Juden in aller Welt dazu bewegen will, in das Land ihrer Väter zurückzukehren.

One man's floor is another man's feeling hat Sigalit Landau außen auf den israelischen Pavillon gepinselt. Sie reflektiert die Idee einer Salzbrücke zwischen Israel und Jordanien in einer poetisch-zarten, gleichzeitig äußerst kraftvollen Inszenierung: mit einem (funktionierenden) Wasserröhrensystem im Erdgeschoß, mit Videos, auf denen Buben ihre Territorien in den Sand zeichnen. Am Ende signalisieren zusammengebundene Schuhe unterm Konferenztisch: Lösungen müssen gemeinsam gefunden werden. (Andrea Schurian, DER STANDARD - Printausgabe, 4./5. Juni 2011)

  • Vor dem US-Pavillon treibt ein Läufer Panzerräder an. Diese Performance 
ist Teil des eindrucksvollen Biennale-Beitrags von Jennifer Allora und 
Guillermo Calzadilla.
    foto: annablau

    Vor dem US-Pavillon treibt ein Läufer Panzerräder an. Diese Performance ist Teil des eindrucksvollen Biennale-Beitrags von Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla.

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