"Terrorismus kann keine Probleme lösen"

3. Juni 2011, 18:32
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Ex-Bumser Helmut Wintersberger im STANDARD-Interview - Legte 1961 Brandsätze in Rom

1961 legte Helmut Wintersberger Brandsätze in Rom, um die italienische Regierung in Sachen Südtirol unter Druck zu setzen. Im Gespräch mit Gianluca Wallisch erklärt er, warum die Gewalt der falsche Weg war.

STANDARD: Waren Sie Anfang der 1960er-Jahre Freiheitskämpfer, Aktivist oder Terrorist?

Wintersberger: Ich habe mit dem Wort "Terrorist" kein Problem. Wir haben illegale Mittel eingesetzt. Ja, wir haben diese Linie damals überschritten.

STANDARD: Menschen sollten aber nie zu Schaden kommen?

Wintersberger: Nein, bei den Aktionen, an denen ich beteiligt war, nicht. Allerdings wurde mir im Gefängnis, nach der frühzeitigen Explosion eines Brandsatzes in Rom, bewusst, dass mehr passieren hätte können. Dass dies nicht der Fall war, betrachte ich heute als großes Glück im Unglück.

STANDARD: Haben Sie damals dem Terrorismus abgeschworen?

Wintersberger: Ja, aber das dauerte schon einige Zeit. Ich fragte mich: Welches Problem kann der Terrorismus schon wirklich lösen? Er kann bloß für weitere Gewalt sorgen, aber niemals Probleme lösen.

STANDARD: Wie kam der politische Prozess also wieder in Schwung?

Wintersberger: Aus meiner Sicht durch Bruno Kreisky, der seit 1959 Außenminister war. Er war auf österreichischer Seite die entscheidende Person. Er brachte das Thema vor die Uno und an den Verhandlungstisch zurück. Die Autonomie heute ist eindeutig das Ergebnis von guten Verhandlungen – und nicht von Gewalt.

STANDARD: Und was war mit Landeshauptmann Silvius Magnago?

Wintersberger: Ich war mit ihm nicht immer einer Meinung. Aber sein Lebenswerk war schon beachtlich. Er setzte auf Verhandlungen, war beharrlich und hat viel erreicht. Nicht umsonst gilt die Südtirol-Autonomie heute als Modellbeispiel in Europa.

STANDARD: Ist das Südtirol von 2011 das, wofür Sie eingetreten sind?

Wintersberger: Der jetzige Zustand entspricht wohl nicht meinen damaligen Vorstellungen, aber aus heutiger Sicht bin ich zufrieden. Die Volksgruppen leben friedlich nebeneinander, und ich bin überzeugt, dass sie in der Zukunft noch weiter zusammenrücken werden. Ich glaube da an die Zivilgesellschaft, die der Politik um einiges voraus ist.

STANDARD: Wie stehen Sie zur Doppelstaatsbürgerschaft?

Wintersberger: Es ist ganz klar, dass Südtirol zu Italien gehört und nicht zu Österreich. Das heißt also, sich mit Italien zu arrangieren. Österreich ist ohnehin Schutzmacht. Die Doppelstaatsbürgerschaft ist nicht notwendig, nicht im heutigen Europa. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2011)

  • Helmut Wintersberger (71) ist Soziologe und Politologe, lehrte an
 Universitäten in Wien und Italien.
    foto: standard/wallisch

    Helmut Wintersberger (71) ist Soziologe und Politologe, lehrte an Universitäten in Wien und Italien.

  • Silvius Magnago (1914–2010) distanzierte sich stets von Gewaltanwendung und setzte ausschließlich auf Verhandlungen.
    foto: standard/semotan

    Silvius Magnago (1914–2010) distanzierte sich stets von Gewaltanwendung und setzte ausschließlich auf Verhandlungen.

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