ORF-Umzug: Die 400-Millionen-Euro-Show

3. Juni 2011, 20:42
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Küniglberg, St. Marx: Interne Daten zur für die Generalswahl brisanten Standortfrage

Wien - Auf eines könnte sich Alexander Wrabetz vor der ORF-Wahl festlegen:Wenn der ORF tatsächlich vom Küniglberg abzieht, dann nach St. Marx. Ein zartes Signal an Wiens Bürgermeister und seinen Mann im Stiftungsrat, dass er dann allein an Michael Häupls Wunschstandort denkt.Aber keine Absage an fünf Betriebsräte im Stiftungsrat, die bleiben wollen.

Wer ORF-General werden oder bleiben will, braucht am 9. August 18 Stimmen von 35 Stiftungsräten. Wrabetz verzögerte das Gutachten über Denkmalschutz für das ORF-Zentrum also bis nach der Wahl. Daran hängen Verkaufswert wie Modernisierung.

Dem Standard liegen nun interne Daten über die Kosten von Verbleib wie Neubau vor, die er mit mehreren Quellen abglich.

Ein Schlüsselfaktor ist die verbaute Rundfunktechnik. Mitnehmen lässt sich praktisch nichts. Auch weil rund ein halbes Jahr parallel an beiden Standorten produziert würde. Kosten am neuen Standort:170 bis 175 Millionen.

Die Baukosten für ein neues ORF-Zentrum werden intern auf rund 220 Millionen Euro geschätzt. Ergäbe rund 400 Millionen Euro für den Neubau. Ohne Grundstück, sagt ein Insider.

Dem stellen ORF-Menschen mit Hang zum Küniglberg rund 200 Millionen gegenüber. Für Sanierung des bestehenden ORF-Zentrums (rund 43 Millionen, abhängig von Denkmalschutz-Vorgaben etwa für Wärmedämmung) und Adaptierung (150 Millionen) mit einem trimedialen Newsroom, wo heute Ausstattungshallen stehen.

Den Neubau doppelt so teuer zu nennen, bezeichnen Kenner der Lage als Milchmädchenrechnung. Betriebsberater von Accenture kamen über 30 Jahre etwa auf gleiche Kosten beider Varianten.

Ein ORF-Insider erinnert, dass mit dem Umzug wohl 300 bis 400 ORF-Jobs an nach internationaler Erfahrung günstigere Fremdfirmen gingen - bei im Schnitt 100.000 Euro pro Kopf pro Jahr eine deutliche Ersparnis. Das sollte man Betriebsräten eher nicht vor der Wahl erzählen.

In beiden Varianten fix schien der Verkauf des Funkhauses - den manche im ORF auf 45 Millionen Erlös schätzen. Dagegen sind Radiodirektor Karl Amon und Radiobetriebsrat (auch Stiftungsrat).

Kolportiert wird, Wrabetz habe ein Gutachten, der Verbleib wäre günstiger, das er nach der Wahl vorlegen könnte. Das verneint ORF-Sprecher Martin Biedermann, die Zahlen kommentiert er nicht. Tendenz zum Verbleib sei "schon insofern unrichtig" , dass Parameter wie der Denkmalschutz offen sind. Weniger Quadratmeter beim Neubau seien "jedenfalls kein Indiz für Mitarbeiterabbau". (Harald Fidler, DER STANDARD; Printausgabe, 4./5.6.2011)

  • "Im Zentrum" - hier ein Bild der Signation - könnte auf Dauer im ORF-Zentrum bleiben.
    foto: orf/ramstorfer

    "Im Zentrum" - hier ein Bild der Signation - könnte auf Dauer im ORF-Zentrum bleiben.

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