Vor fünfzig Jahren versetzten die "Bumser" den Staat in Schrecken
In der Nacht vom 11. zum 12. Juni 1961 versetzte eine Gruppe Südtiroler Aktivisten den italienischen Staat mit Sprengstoffanschlägen auf Strommasten in Schrecken. Rom reagierte auf die "Bumser" mit ungeahnter Härte.
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Es war eine drückend schwüle Sommernacht. Die meisten der traditionellen Herz-Jesu-Feuer auf den Bergen waren schon am Verglimmen. Das Grollen, das den Bozner Talkessel plötzlich erfüllte, deuteten viele zunächst als Vorboten eines erlösenden Gewitters. Doch es wurde schnell klar, dass der Feuerschein mit Blitzen wenig gemein hatte: Es waren Detonationen, die zahlreiche Hochspannungsmasten umstürzen ließen. Bozen versank in der Nacht vom 11. zum 12. Juni 1961 in gespenstischer Dunkelheit. Ich stand als Schüler mit meinen Eltern auf dem Balkon unseres Hauses. Mein Vater registrierte jede Explosion mit wachsender Unruhe. "Da braut sich was zusammen", murmelte er.
Wenige Tage später läuteten die Carabinieri an unserer Tür. Bei einer der gewohnten Hausdurchsuchungen nahmen sie meinen Vater und mehrere Aktenordner mit. Diesmal kehrte er erst nach mehr als einem halben Jahr zur Familie zurück. Bei den Gefängnisbesuchen drückten die süditalienischen Wärter gerne ein Auge zu, wenn Verwandte den Häftlingen über die Trennscheibe Päckchen oder Briefe zuschoben. Sie sahen auch weg, wenn Attentäter ihr Hemd aufknöpften und ihren Frauen die Brandmale der Zigaretten zeigten, die Carabinieri als Folter auf ihrer Haut ausgedrückt hatten.
Die "Feuernacht" war die Kriegserklärung einer kleinen Gruppe deutschsprachiger Südtiroler an einen übermächtigen italienischen Staat. Dass nur die Hälfte der geplanten 70 Anschläge funktionierte, war auf Mängel in Technik und Ausbildung zurückzuführen. Sepp Kerschbaumer, die Führungsfigur des BAS (Befreiungsausschuss Südtirol) war nicht der Mann fürs Sprengen: "Ich kann das einfach nicht."
Das offizielle Südtirol reagierte mit Empörung. Als "erschreckend und ungeheuerlich" beklagten die Dolomiten das "geschändete Herz-Jesu-Fest" . Die SVP verurteilte die Anschläge "auf das Schärfste" . Der Bischof ortete gar göttliche Verstimmung: "Diese Anschläge sind auch vor Gott und dem Gewissen schwere Verbrechen."
Der provozierte italienische Staat schlug mit brutaler Härte zurück. Mehr als 20.000 Soldaten überfluteten Südtirols Täler. Dutzende Verdächtige wurden verhaftet, teilweise schwer gefoltert, zwei starben im Gefängnis. Italien führte für Österreicher den Visumzwang ein. Die Bilder aus jener Zeit zeigen ratlose süditalienische Soldaten, zu einer Art Kriegseinsatz im eigenen Land befohlen, hoch im Norden, der ihnen fremd war. Sie zeigen die abgeriegelte österreichische Botschaft in Rom und Kundgebungen in Wien, bei denen die "Herausgabe der geraubten Heimat" gefordert wird. Sie zeigen Südtirols Landeshauptmann Silvius Magnago, die Krücken an die Wand gelehnt, das hagere Gesicht in seinen schmalen Händen vergraben.
"Für uns Italiener" , gesteht der damalige Alto Adige-Journalist Umberto Gandini, "war die Feuernacht ein echter Schock." Nach Mailand entsandt, verfolgte Gandini den bis dahin größten Prozess der Nachkriegszeit gegen 50 in Ketten vorgeführte dinamitardi: "Damals habe ich zum ersten Mal die Anliegen der Südtiroler begriffen." Mailand habe "mit wachsender Nachsicht auf jene unbeholfenen Bergler in groben Anzügen geblickt, die sich unwohl fühlten außerhalb der eigenen Welt und verwirrt reagierten, ihre Argumente und Rechtfertigungen aber stolz und würdevoll vorbrachten" .
Ob die Anschläge oder die Diplomatie zur Autonomie Südtirols führten, darüber sind Historiker uneinig. Auch Landeshauptmann Luis Durnwalder meldet Zweifel an: "Wir verdanken ihnen sicher nicht die Autonomie, aber die Anschläge haben die Verhandlungen beschleunigt."
Südtirols heutige Realität hätte damals auch die Vorstellungskraft kühnster Optimisten weit übertroffen. Die ärmliche Provinz entwickelte sich zum Wohlstandsparadies mit Modellautonomie. Die damaligen Bürger zweiter Klasse zeigen sich heute selbstbewusst, mitunter selbstherrlich.
Doppelstaatsbürgerschaft
Die Forderung nach Selbstbestimmung, damals als "Hochverrat" mit Gefängnis geahndet, bleibt heute ein politisch harmloser Akt. Speck, Wein und Obst werden im italienischen Fernsehen mit der Marke "Südtirol" angepriesen. Auf in Rom gekauften Zugtickets steht "Bolzano-Bozen" . Italienische Carabinieri sind aus Südtirols Dörfern schon längst verschwunden, leerstehende Kasernen gehen ans Land über.
Alles paletti? Nicht ganz. Die Post gehört (vorläufig) noch dem italienischen Staat. Und die Doppelstaatsbürgerschaft hätte man auch noch gern. Die Behauptung des Schützenobmanns Elmar Thaler, wonach "sehr viele junge Menschen zurück nach Österreich wollen", gehört zur landesüblichen patriotischen Rhetorik. Ihre Glaubwürdigkeit würde einer empirischen Überprüfung aber wohl kaum standhalten. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 4.6.2011)