Sie hausen auf ihm und leben von ihm: Millionen Menschen in Indien holen sich das, was sie brauchen, vom "Berg"
Kolkata - Ein Geruch von Fäulnis, Tod und Verwesung liegt in der Luft. Der Gestank dringt durch Kleidung, Haut und Poren. Selbst die zugedrückte Nase nimmt noch genug auf, um den Magen in erhöhte Spannung zu versetzen.
Der Berg aus Kartons, Bauschutt, Gemüseresten, Kabeln, Stofffetzen, Plastikflaschen, schimmelnden Brotfladen und anderem verrottendem Zeugs stinkt zum Himmel. Dort ziehen Vögel ihre Kreise, bis sie - hungrig oder bloß neugierig - zur Landung ansetzen. Sina ergreift einen Stein und macht Jagd auf sie. "Mein Müllberg" , sagt er. "Nein, meiner" , kontert Afis. "Unser Müll" , einigen sich die beiden Freunde schließlich.
Sina ist zwölf, wie er im Gespräch mit dem Standard verrät. Er spricht ein stark gefärbtes Englisch - Indisch-Englisch. Schule? "Heute nicht" , sagt der 1,40 Meter große, schwarzhaarige Bub.
Afis, sein um zwei Jahre jüngerer Freund, wohne wie er da drüben, deutet Sina auf ein paar erbärmliche Behausungen. "Solange der Müllberg wächst, haben wir genug zu leben" , sagt er, greift nach einem Schalenrest einer abgenagten Kokosnuss und scheucht mit ihm eine Ziege auf, die durch den Müllberg stakst.
Die Müllkippe liegt in einer der besseren Gegenden von Kolkata, wie das ehemalige Kalkutta seit einigen Jahren wieder heißt. Chinatown liegt nur einen Steinwurf entfernt. 20 Gehminuten vom Müllberg, an der Einfallstraße vom Flughafen, stoßen Erste und Dritte Welt aneinander. Nur durch eine Mauereinfriedung von der Außenwelt abgeschirmt, bietet das ITC Sonar, ein zur Starwood-Gruppe gehörendes Fünf-Sterne-Hotel, Luxus pur.
Goldfische, die ob der reichlichen Nahrung ziemlich drall sind, schwimmen im Teich. Die Blätter der Bäume und Pflanzen erwecken den Eindruck, als ob jedes einzelne mehrmals am Tag poliert würde. Papier, Essensreste oder sonstiger Abfall auf dem Boden? Fehlanzeige.
Vor dem Hotel, nur wenige Schritte vom Eingang entfernt, beginnt das andere Indien. Dort dient das, was andere wegwerfen, vielen zum Überleben. Dabei gibt es regelrechte Revierkämpfe um die besten Plätze.
"Müll ist nicht gleich Müll" , weiß Nawab Khan, der sich als Touristenführer verdingt. "Es gibt guten, weniger guten und schlechten." Schlechter, mitunter gefährlicher Müll sei der, der krankmache.
"Säure von Batterien, Elektroschrott, Blei und so Zeugs. Was auf dem Müll landet, ist teilweise wirklich kriminell" , sagt Khan.
50 indische Rupien, das sind umgerechnet nicht einmal ein Euro, können Müllsammler pro Tag verdienen. Das aber auch nur, wenn sie genug Verwertbares finden. Wenn die Kinder den ganzen Tag mitarbeiten, reicht es für eine Familie gerade, um satt zu werden. Meistens bekommen die Müllsammler aber deutlich weniger. Dann bleiben abends viele Mägen leer.
Kolkata ist mit den rund 16 Millionen Menschen, die in der Metropolregion leben, der drittgrößte Ballungsraum Indiens. Die Hauptstadt Westbengalens, die an einem Ganges-Arm liegt, der hier Hoogly heißt, zieht Tag für Tag weitere tausende Menschen an. Auf der Suche nach einem vermeintlich besseren Leben stranden die meisten von ihnen in Slums. In ärmlichen Hütten aus Holz, Pappe, Wellblech oder Plastikplanen ergeben sie sich dann meist für den Rest ihres Lebens dem Schicksal.
Allein in Kolkata sollen rund 150.000 Menschen hauptberuflich vom Müllsammeln leben. Zwei Drittel von ihnen, so wird geschätzt, suchen jeden Tag in den besseren Wohn- und Geschäftsvierteln nach Verwertbarem im Müll: Für Holz, Metall, Plastik, Papier oder Stoffe gibt es Händler,die ein Paar Rupien dafür zahlen. Was dann auf dem Müllberg landet, wurde oft schon mehrfach durchsucht. Doch viele wie Sina oder Afis haben gar keine andere Chance, als wieder und immer wieder nach doch noch halbwegs Verwertbarem zu suchen.
"Wenn ich groß bin, lass ich andere für mich Müll sammeln" , sagt Sina, lacht und läuft davon. (Günther Strobl/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5. Juni 2011)