Fluchtpunkt Karibik

4. Juni 2011, 17:25
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Hans-Ulrich Dillmann und Susanne Heim haben die Geschichte jüdischer Flüchtlinge in der Dominikanischen Republik aufgeschrieben

Wenn österreichische und deutsche Touristen in die "Domrep", den karibischen Ballermann, kommen, schätzen sie häufig die von zu Hause gewohnte Küche: Wiener Schnitzel, faschierte Laibchen, Kartoffelsalat.

Was sie nicht wissen können ist, dass die Existenz dieser Gerichte - wie auch die touristische Infrastruktur insgesamt - ihren spezifischen Ursprung in einer zahlenmäßig kleinen, aber hoch interessanten deutschsprachigen jüdischen Exilantengruppe hat, die Anfang der 1940er Jahre aus verschiedenen Ländern auf die Insel kamen. Es handelt sich um einen der vielen, hier nicht gänzlich fehlgeschlagenen, Versuche, jüdische Flüchtlinge in tropischen Ländern anzusiedeln.

Ging es den Siedlern selbst vorrangig um die Rettung der eigenen Haut, so waren die vor allem U.S.-amerikanischen Helfer verschiedensten, teils widersprüchlichen Ideologien verpflichtet.

Faszinierend etwa Joseph Rosen, ein Amerikaner, der bereits in den 30er Jahren offenbar erfolgreiche jüdische Bauernkollektive auf der Krim und in der Ukraine organisiert hatte und nun unter gänzlich anderen Umständen urban geprägte Juden Westeuropas Tomaten und Bananen pflanzen ließ. Oder aber der dominikanische Langzeitdiktator Trujillo, der sich mit der Ansiedlung verfolgter Juden nicht nur beim großen U.S. -amerikanischen Bruder einschmeicheln wollte, sondern so in rassistischer Manier auch zur "Aufhellung" seines Landes beitragen wollte.

Kein Wunder, dass die Mehrzahl der hierher Verpflichteten sobald als möglich in die Vereinigten Staaten oder anderswohin weiter wanderte. Trotzdem blieben genug Einwanderer - und interessante Spuren auch von Österreichern - die diese sehr detaillierte, aber doch umfassend kontextualisierte Untersuchung lesenswert machen. (Walter Grünzweig/DER STANDARD, Printausgabe, 4./5. 6. 2011)

  • Hans-Ulrich Dillmann, Susanne Heim, "Fluchtpunkt Karibik. Jüdische 
Emigranten in der Dominikanischen Republik.", € 25,60/188 Seiten. Ch. 
Links Verlag
    foto: ch. links verlag

    Hans-Ulrich Dillmann, Susanne Heim, "Fluchtpunkt Karibik. Jüdische Emigranten in der Dominikanischen Republik.", € 25,60/188 Seiten. Ch. Links Verlag

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