In einem Bus namens Russland

3. Juni 2011, 17:28
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Die Revolutionäre Lenin und Trotzki: Antreiber, Getriebene, Täter und Schöngeister - Zwei große Biografien geben Aufschluss

Die Idee, gerade für die Errichtung des "wahren Kommunismus" etwas so Unantastbares wie das individuelle Leben einzusetzen, mutet uns Zeitgenossen, die wir nicht einmal in Osteuropa den Schrott zusammenkehren mussten, fremd, anstößig und abwegig an. Lenin, Trotzki - wer sich solcher Gründerväter eines nicht nur auf Sowjetrussland beschränkten Machtanspruches besinnt, der sollte besser früher als später auch den Namen "Stalin" hervorkramen, um ihn wie eine ungesicherte Schusswaffe unaufgefordert auf den Tisch zu legen.

Die Frage, ob man aus den Biografien gestandener Berufsrevolutionäre etwas Sinnvolles erlernen will, kann aber nicht nur der Selbstverständigung linker, tapfer-nostalgischer Zirkel vorbehalten bleiben. Die Lebensläufe der marxistischen Tugendwächter und Terrorväter geben fantastisches Material ab: Es handelt sich bei ihnen um Beispiele einer Selbstermächtigung, wie sie die Geschichte der Moderne, die natürlich viele Hanswürste ausweist, die voller falscher Propheten steckt und oft genug die nackte Gewalt propagierte, vordem nicht gekannt hatte. Es ist - mit Blick auf das "wissenschaftliche" Erbe Marx' - die Philosophierstube, die in Russland, im damals rückständigsten Teil Europas, den bewaffneten Aufstand probte. Mit unabsehbaren Folgen für Millionen von friedliebenden Menschen und deren Lebensvollzüge.

Menschen wie Lenin und Trotzki waren in Wahrheit Papiertiger: Ihr Metier waren Zettelkästen, in denen die Reiz- und Schlüsselwörter der "reinen" Marx'schen Lehre zur Benutzung freistanden. Über Lenin (1870-1924), den Provinzler aus Simbirsk an der Wolga, wäre kein Wort nachträglich zu verlieren, wenn nicht ihm allein die Aufhebung des Grundwiderspruchs jeder marxistischen Gestaltungslehre vorbehalten geblieben wäre.

Der Berufsrevolutionär Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin) durchschlug 1917, eine Reihe günstiger Gelegenheiten nutzend, einen gordischen Knoten. Denn die "Eigenart der gegenwärtigen Lage Russlands" hätte 1917 nie und nimmer das Lostreten einer proletarischen Revolution verstattet. Die politische Lenin-Biografie des DDR-Wissenschafters Wolfgang Ruge (er starb 2006) zeichnet sich durch das nüchterne Erstaunen eines desillusionierten Parteigängers aus: Der Held einer Umwälzung von unvergleichlicher, globaler Wirkung ist ein kleiner, getriebener Kassiber-Bolschewik, der das Handwerk des Regierens wie in einem Hollywood-Blockbuster erlernt.

Bezirk der Hybris

Der gekaperte Linienbus "Russland" rollt mit hundertachtzig Sachen auf den Abgrund zu. Lenin, der dank eines von Leo Trotzki durchgeführten Staatsstreichs plötzlich ein Sechstel der Erde regiert, nimmt es mit Russlands Wirklichkeit wie mit einem tobenden Stier auf. Er vergesellschaftet, was das Zeug hält; er übernimmt die Staatsbank und zerstört die wenigen Werte, die trotz eines desaströsen Kriegszustandes noch geschaffen werden.

Lenin, dessen Land von Intervenienten bedroht und von Bürgerkriegsgegnern verwüstet wird, fuhrwerkt herum wie ein Ertrinkender. Man geht nicht fehl in der Annahme, dass sein Elitekader von Berufsrevolutionären (der "Rat der Volkskommissare") mehr zur Zerstörung der vorhandenen menschlichen und materiellen Werte beigetragen hat als jeder äußere Feind.

Lenin gleicht einem wütenden Jazzmusiker: Seine "freien" Improvisationen sind auf keinem Mist der Theorie gewachsen. Sie entstammen den geheimen Bezirken der Hybris und der Machtvollkommenheit, die sich aus der Annahme einiger dürrer Merksätze eher notdürftig speist: Die künftigen Rechnungsführer der Revolution bräuchten nur "die vier Grundrechnungsarten zu beherrschen", um "Quittungen" ausstellen zu können. Nicht nur in Betriebswirtschaftslehre verdient Lenin einen glatten Fünfer.

Viel wurde über die Verwahrlosung der "reinen" Lehre Lenins durch seinen ungeliebten und gefürchteten Nachfolger Stalin gehandelt. Wie Ruge unmissverständlich klarmacht, entsprang die Karriere des skrupellosen Georgiers (Brechts "verdienter Massenmörder des Volkes") keiner Laune der sowjetischen Parteigeschichte, sondern der zentralistischen Gängelung eines unermesslich großen Flächenstaates durch einen Klüngel von Genossen. Lenins geschichtliche Bedeutung verdankt sich einer verblüffend zeitgemäßen Einsicht: Mit sicherem Instinkt verwob er die Geschicke der marxistischen Ideologie ("dialektischer Materialismus") mit den Erfordernissen der Praxis.

In jeder noch so verqueren Situation erkannte Lenin Voraussetzungen für zielgerichtetes revolutionäres Handeln - mochten die sozioökonomischen Voraussetzungen, die "objektiven Gegebenheiten" der materiellen Basis also, laut Marx der Wirklichkeit noch so augenfällig hinterherhinken. Lenin, den man sich privat als nüchternen, freundlichen, in der Folge von seiner Nervenkrankheit aufgezehrten Kleinbürger vorstellen muss, geriet in den frühen 1920er-Jahren in die Isolation.

Artikel bis zuletzt

Der Vater der sowjetischen Umwälzung schrieb noch dann Artikel und Anweisungen, als ihm Gehirnschläge zusetzten - und als Stalin, der Generalsekretär der Partei, ihn mit einem Kordon umgab, dem einzig sein berühmtes "politisches Testament" entschlüpfte: die berühmte Warnung vor dem Georgier, die unterdrückt wurde. Wurde Lenins Erbe verfälscht? Seine Entrückung in den makabren Stand einer "anwesenden" Gottheit ließ gewiss auch vergessen, dass Uljanow/Lenin, freundlich gesprochen, von einem Berg von Problemen überwältigt wurde. Lenin trat eine proletarische Revolution los, ohne über eine hinreichende Anzahl von Proletariern zu verfügen. Er musste Erträge für die Konsumtion schaffen, lehnte aber die althergebrachte Produktion von Werten und Dienstleistungen rigoros ab. Initiativen wie die "NÖP", die zeitweise Förderung des Kleinunternehmertums, lesen sich wie die Verzweiflungsschritte eines Potentaten, dessen Latein noch vor Erlernung der gängigen Grundausdrücke am Ende ist.

Die Vita des Kampfgefährten Leo Trotzki (eigentlich: Lew Dawidowitsch Bronstein) nimmt sich gegen solche Umstülpungen des Weltganzen fast bescheiden aus. Trotzki (1879-1940), erst recht spät den "Bolschewiki" beigetreten, ein Schöngeist mit erlesener Feder und den makellosen Zügen eines Volkstribunen, rieb sich im Kampf um Lenins Nachfolge an seinem undurchdringlichen Gegenüber Stalin auf.

Trotzki darf als die musisch unberechenbare Kraft im Konzert der russischen Berufsrevolutionäre gelten. Eitel bis zur Unsinnigkeit, verlor er 1924 entscheidende Zeit, ehe er im Politbüro als Oppositioneller gegen Josef Stalin mehr und mehr in Misskredit geriet. Als der Begründer und Organisator der Roten Armee 1928 ins Exil ging, verlief sein Leben in wildem Fahrwasser.

Der Stanford-Historiker Bertrand M. Patenaude hat über Stalins Lieblingsgegner einen historiografischen Krimi geschrieben: das Buch über eine groteske Figur, die sich hinter Schutzzäunen und Backsteinmauern verkriecht, die sich von US-Pistoleros vor den Feuerüberfällen durch Tschekisten schützen lassen muss ("Tscheka" hieß damals die Stalin'sche Geheimpolizei). Der 1937 nach Mexiko geflüchtete Liebling der angelsächsischen Intelligenz pflanzte Kakteen im Hof seines Anwesens, auf dessen Dächern derweil die Gewehrläufe enervierter Leibwächter im Sonnenglast funkelten und blitzten.

Trotzki war mit jedem Zoll kein bürgerlicher Liberaler. Soll man Patenaudes famosem Buch etwas zum Vorwurf machen, dann die Empathie, mit der ein Wissenschafter dem Objekt seiner Erkenntnisbegierde gedenkt: Trotzki, dessen Kinder den Nachstellungen durch Stalins Schergen zum Opfer fielen, träumte auf einem Stück Land, das nicht viel größer als ein Handtuchstreifen war, über die Umwälzung der Welt als Ganzes nach. Sein Konzept der "permanenten Revolution" ist verblasst, sein Name zum Synonym für Fraktionsbildung geworden. Aber welcher kinnbärtige Revolutionär hätte sonst die Gelegenheit gehabt, der mexikanischen Malerin Frieda Kahlo beizuwohnen? Den Surrealisten-Papst André Breton zu treffen und zu maßregeln? Dieses Seitenkapitel des kommunistischen Irrsinns endete mit einem Eispickel in Trotzkis Schädel. Ein Bild des abrupten Endes. (Ronald Pohl, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 4./5. Juni 2011)

 

  • Wolfgang Ruge, "Lenin: Vorgänger Stalins". € 29,90 / 470 Seiten. 
Matthes & Seitz, Berlin 2011
    foto: matthes & seitz

    Wolfgang Ruge, "Lenin: Vorgänger Stalins". € 29,90 / 470 Seiten. Matthes & Seitz, Berlin 2011

  • Bertrand M. Patenaude, "Trotzki:
 Der verratene Revolutionär". Übersetzung: Stephan Gebauer. € 25,70 / 
430 Seiten. Propyläen, Berlin 2010

    Bertrand M. Patenaude, "Trotzki: Der verratene Revolutionär". Übersetzung: Stephan Gebauer. € 25,70 / 430 Seiten. Propyläen, Berlin 2010

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