Neue Bilder für Führung entwickeln

3. Juni 2011, 17:07
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In einem neuen Executive Club am Postgraduate Center der Uni Wien sollen neue Ideen und Bilder für Führung entwickelt werden

Es ist ein Privatissimum auf höchster Ebene, das am 30. Juni seinen Anfang nehmen wird. "Leading at the Edge - Führung neu denken" heißt der einjährige Executive Club am Postgraduate Center der Universität Wien, der vier Ziele verfolgt: 1.) neue Vor-Bilder von Führung zu entwickeln und Führung neu zu "erfinden", 2.) die Professionalisierung von Führung zu fördern und neue Impulse für Führungshandeln zu geben, 3.) Top-ManagerInnen einen angemessenen Rahmen für kollegialen Austausch und Vernetzung zu bieten sowie 4.) eine Brücke zwischen Theorie und Praxis zum beiderseitigen Nutzen zu schlagen. Dabei bringen zehn Colloquien mit Wissenschaftern unterschiedlicher Disziplinen - von Ethnologie über Wirtschaftspsychologie bis hin zu Philosophie - den Club auf den Weg.

Das große Ganze im Blick

Den Beginn bestreiten Philosoph Konrad Paul Liessmann mit dem Thema "Philosophie der Führung". Ihn interessieren, wie er selbst sagt "die Widerhaken" beim Thema Führung, die Ambivalenzen, in denen Führung und Führungspersönlichkeiten sich bewegen, das Widersprüchliche, das dem Führen innewohnt. Das grundlegende Anliegen, so Nino Tomaschek, Leiter des Postgraduate Center, sei, gemeinsam mit den Teilnehmern Führung zu reflektieren - und zwar anders, als dies etwa bei Business-Schools der Fall sei. Tomaschek: "Wir sind der Meinung, dass Führung kein rein betriebswirtschaftliches Thema ist, sondern weit darüber hinaus geht."

Gemeinsam mit Ruth Seliger (Train Consulting) wurde dieses Format entwickelt. Denn nicht zuletzt im Zusammenhang mit der vielzitierten Wirtschaftskrise, so Seliger, sei das "Ende der Konzepte deutlich geworden". Man wolle die über Jahrzehnte "fast dogmatisch dargestellten Führungskonzepte, das ökonomisch-technische Führungsverständnis bewusst aufbrechen", neue Ideen und größere Bilder für Führung generieren, so Seliger weiter.

Dafür habe man nun Raum geschaffen, damit Führungskräfte stehenbleiben, innehalten, nachdenken können - in einem sehr ausgewählten Rahmen und unter Gleichgesinnten, die auch mit Irritationen gut umgehen können, so Seliger sinngemäß. Oder wie Liessmann sagt: "Es wird keinem Verkehrsteilnehmer, der im Stau steckt, möglich sein, ein vernünftiges Verkehrskonzept zu entwickeln." Auf das Thema Führung bezogen, lohne es sich ebenso zurückzutreten, um das gesamte System in den Blick zu bekommen, sagt er.

Hinter die Phrasen schauen

Das Spannende am Executive Club sei auch, so Seliger weiter, dass es die vorhin angesprochenen neuen Ideen zu Führung noch nicht gebe, dass sich aber eine Universität als Ort genau dafür eigne. Dies nicht allein aus ihrer Interdisziplinarität heraus, sondern auch oder vor allem wegen ihrer nicht utilitaristischen Herangehensweise, so Seliger. Es ist genau das, ergänzt Liessmann, was eine Universität aus ihrem wissenschaftlichen Umfeld heraus kann - neue Perspektiven und Sichtweisen zu eröffnen, deren Wesen es auch sei, keine Rezepte zu bieten, die man morgen gleich umsetzen könne, so Liessmann weiter. Management-Jargon wie rosarote Weichzeichnung interessiere ihn, Liessmann, nicht. Führung habe etwas mit Machtansprüchen zu tun, damit, Vorstellungen und Ideen durchzusetzen, oft auch gegen den Willen anderer - allein das kollidiere einfach mit bestimmten demokratiepolitischen Prinzipien, erklärt Liessmann, weil es dann einige wenige seien, die die wesentlichen Entscheidungen treffen.

Andererseits wiederum werde heute so oft wie nie zuvor von Teams, von Kooperation gesprochen, von Konsenslösungen, die aber Varianten der Abgabe von Führung darstellen. Viele Probleme, so Liessmann, werden allzu oft mit Phrasen überdeckt, "und ich denke, wenn Philosophie hier eine Aufgabe hat, ist es sicher auch jene, hinter diese Phrasen zu schauen." (Heidi Aichinger/DER STANDARD; Printausgabe, 4./5.6.2011)

  • Ruth Seliger (Train Consulting), Philosoph Konrad Paul Liessmann und Nino Tomaschek (Postgraduate Center, Uni Wien).
    foto: standard/urban

    Ruth Seliger (Train Consulting), Philosoph Konrad Paul Liessmann und Nino Tomaschek (Postgraduate Center, Uni Wien).

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