"Wir sollten uns in der Welt zurückziehen"

3. Juni 2011, 17:00
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US-Kolumnist William Pfaff: USA sollten sich weniger als Weltpolizist engagieren und ihren Militarismus bekämpfen

 William Pfaff, über Jahrzehnte einer der wichtigsten außenpolitischen Kolumnisten weltweit, findet, die USA sollten sich weniger als Weltpolizist engagieren und ihren Militarismus bekämpfen. Von Christoph Prantner.

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STANDARD: Sie schreiben in Ihrem neuen Buch über die "Tragödie der US-Außenpolitik" . In vielen arabischen Staaten kämpfen die Menschen derzeit um Freiheit und Demokratie, also für das, wofür auch die Vereinigten Staaten weltweit einstehen wollen. Wo spielt sich da die Tragödie für die USA ab?

Pfaff: In der Tat läuft nicht alles so glatt, wie man glauben könnte. Mit dem Frieden zwischen Ägypten und Israel ist es vorbei. Tunesien könnte eine Regierung bekommen, mit der die USA gar nicht einverstanden sind. Und was Libyen betrifft, waren die Staaten sehr zurückhaltend mit der Beteiligung an einer Operation, zu der sie Briten und Franzosen gedrängt haben und von der sie noch immer nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Dann haben wir da noch den Jemen und Bahrain, wo Amerika nicht damit einverstanden ist, dass deren schiitische Revolutionen in Zusammenhang mit dem Iran stehen. Das alles sind Beweise dafür, dass die Dinge sich nicht so entwickeln, wie es die USA gern hätten.

STANDARD: Wie fasst die US-Öffentlichkeit das auf?

Pfaff: Es gibt zwei Ebenen im amerikanischen Bewusstsein: Die breite Öffentlichkeit interessiert sich nicht für das, was im Ausland passiert. Da gibt es primitive Einschätzungen, dass nichts in der Welt da draußen funktioniert, dass Europa in Trümmern liegt und islamische Länder die Weltherrschaft erlangen wollen. Die amerikanischen Eliten dagegen teilen sich in die Rechten und in jene Liberale, die derzeit am Ruder sind. Nichtsdestotrotz eint beide Positionen, dass sie glauben, Amerika sei grundsätzlich die beste Nation, von der sich andere etwas abschauen könnten. Schicksal ist in dieser Perspektive, dass andere früher oder später zu unserer Sicht der Dinge gelangen und sich unserer Führung unterordnen müssen. Und dazwischen gibt es eine winzige Minderheit, zu der ich gehöre, die beide Haltungen als Täuschung und nationalistische Ignoranz einstufen.

STANDARD: Wie ist es dazu gekommen?

Pfaff: Bis zum Zweiten Weltkrieg waren die USA ein isolationistisches Land, dem viele misstraut haben. Der Krieg ist einigermaßen gut für uns ausgegangen – mit einem Nachteil: Unsere Gesellschaft hat sich militarisiert. Das ist zu einem ernsten Problem geworden, das Pentagon ist heute enorm einflussreich in der Politik. Was wir heute tun müssen, ist, diesen Einfluss so gut wie möglich zurückzudrängen. Wir sollten uns in der Welt weitgehend zurückziehen und die Menschen tun lassen, was sie selbst für richtig halten.

STANDARD: Da hätten auch einige in Europa etwas dagegen. Das würde hier von vielen als eine gefährliche Drohung aufgefasst ...

Pfaff: Europa kann doch auf sich selbst aufpassen. Warum braucht es die USA dazu?

STANDARD: Sehen Sie sich die Libyen-Intervention an, ohne Amerikaner geht da gar nichts.

Pfaff: Eben. Deswegen ist es ein Desaster. Franzosen und Briten nehmen Militärangelegenheiten als Einzige ernst oder zumindest ernster als die anderen Europäer und sagen ihnen, sie sollen auch etwas unternehmen. Aber es passiert nichts. Nehmen Sie 1944: Da haben die Deutschen ganz Europa und Russland dominiert. Warum soll sich Europa heute, als fortschrittlicher, geeinter Kontinent, nichts zutrauen? Dazu bedürfte es bloß eines politischen Willens.

STANDARD: Den kann man schlechterdings nicht kiloweise kaufen und für gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik einsetzen. Ist das nicht ein wenig idealistisch?

Pfaff: Wer sagt denn, dass es nicht demnächst großen Druck für gemeinsame europäische Positionen in der Außenpolitik geben wird? Libyen könnte diesen erzeugen oder der Nahostkonflikt. Ich glaube nicht, dass Europa im Fall der einseitigen Staatsausrufung durch die Palästinenser ohne weiteres mit einem amerikanischen Veto einverstanden sein würde.

STANDARD: Zurück zu den USA: Wäre Amerika noch Amerika ohne seine Mission für Freiheit, Demokratie und Kapitalismus?

Pfaff: Für 100 Jahre waren die USA daran interessiert, ihre eigene Gesellschaft weiterzuentwickeln. Um Lateinamerika kümmerten sie sich nur, weil sie die Europäer draußenhalten wollten. Europa wurde von den Amerikanern als gefährlicher Ort angesehen, ein Ort voller kriegslüsterner Politiker. Solche isolationistischen Ansichten finden sich heute bei der Tea-Party-Bewegung wieder. Das Problem ist nur, dass man sich gleichzeitig isolieren und die Welt regieren will.

STANDARD: Wie wirkt sich der Tod Osama Bin Ladens auf diese Stimmung aus?

Pfaff: Ich habe den Eindruck, dass dieses große Gefühl des Triumphs ausgenützt werden könnte. Wenn der Präsident sich aus Asien, vom Kampf gegen den islamischen Radikalismus und dem Krieg gegen den Terrorismus zurückziehen möchte, dann wohl jetzt. Das empfahl etwa auch der verstorbene Sonderbeauftragte für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, in seinem Nachlass.

STANDARD: Auch das würden manche als gefährliche Drohung sehen.

Pfaff: Der entscheidende Punkt ist, dass man Indien einbindet und eine Annäherung zwischen Delhi und Islamabad zustande bringt. Afghanistan ist das Instrument dieser beiden Länder gegeneinander. Und Kabul hat es ja geschafft, sich für lange Zeit selbst zu verwalten und allen Besetzungsversuchen hartnäckig zu widerstehen. Das wäre eine Lage, in der die USA sich zurückziehen und allen Glück wünschen könnten. Wenn keine solche Lösung gefunden wird, dann wird es grimmig. Das könnte bis zu einem Szenario gehen, in dem die Taliban übernehmen und die USA gedemütigt und zum Abzug gezwungen werden.

STANDARD: Und Pakistan?

Pfaff: Da könnte es noch schlimmer kommen. Die USA könnten sich genötigt fühlen, Pakistan immer mehr zu kontrollieren – wegen der pakistanischen Nuklearwaffen, wegen des Krieges gegen den Terrorismus. Das könnte wiederum Indien hineinziehen und auch China. Das ist ein natürlich eine chaotische Sequenz, aber es ist vorstellbar.

STANDARD: Viel hat die Regierung von Barack Obama im außenpolitischen Bereich nicht geändert im Vergleich zu den letzten beiden Jahren unter George W. Bush. Wie sehen Sie das?

Pfaff: Das ist korrekt. Und das ist deswegen der Fall, weil er in das Establishment aufgestiegen ist. Er kann es sich nicht leisten, zu scharf gegen das Militär vorzugehen. Das US-Militär war lange ein Bürgerheer, heute sind es professionalisierte Streitkräfte mit einer durch und durch militarisierten Geisteshaltung, die sich auch auf die veröffentlichte Meinung in Washington durchgeschlagen hat. Obama kann sich keinerlei Blöße auf diesem Minenfeld geben.

STANDARD: Stichwort China: Können sich die USAes wirklich leisten, sich auf sich selbst zu konzentrieren, wenn ein Rivale zu neuer Macht aufsteigt?

Pfaff: Die Leute reden lange und viel über diesen Aufstieg. Wenn China oben angekommen ist, was wird es dann machen? Wird es die Welt beherrschen wollen? In der Vergangenheit hat es das nie getan, sondern sich immer selbst genügt. Ich sehe heute keine Indizien, die auf etwas anderes hindeuten, als dass China als Führungsmacht in Asien seine Territorialdispute regeln will. Das könnte unangenehm werden, aber daraus entsteht kein Weltkrieg. Viel hängt auch von der Reaktion der USA ab: Wenn Washington entscheidet, gewisse Handlungen als feindlich einzustufen, dann könnten wir in grobe Probleme geraten. Aber immerhin: Europa wäre dann relativ sicher. (DER STANDARD, Printausgabe, 4./5.6.2011)

  • US-Präsident Barack Obama hielt am 19. Mai 2011 eine Rede zur 
US-Außenpolitik. Kommentator Pfaff:  "Rechte und Liberale eint die 
Position, dass sie glauben, Amerika sei grundsätzlich die beste Nation."
    foto: epa/chip somodevilla

    US-Präsident Barack Obama hielt am 19. Mai 2011 eine Rede zur US-Außenpolitik. Kommentator Pfaff: "Rechte und Liberale eint die Position, dass sie glauben, Amerika sei grundsätzlich die beste Nation."

  • William Pfaff (83) ist der bekannteste außenpolitische Kommentator der 
USA. Er hat jahrzehntelang für den "New Yorker"  Essays geschrieben und 
für die "Herald Tribune"  Kolumnen verfasst. Als Buchautor ist zuletzt 
"The Irony Of Manifest Destiny: The Tragedy of American Foreign Policy" 
 von ihm erschienen. Pfaff lebt mit seiner Frau in Paris.
    foto: matthias cremer

    William Pfaff (83) ist der bekannteste außenpolitische Kommentator der USA. Er hat jahrzehntelang für den "New Yorker" Essays geschrieben und für die "Herald Tribune" Kolumnen verfasst. Als Buchautor ist zuletzt "The Irony Of Manifest Destiny: The Tragedy of American Foreign Policy" von ihm erschienen. Pfaff lebt mit seiner Frau in Paris.

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