Ein Abschied für immer

3. Juni 2011, 17:34
27 Postings

Die Irrwege zweier Cousins: Emile Zuckerkandl floh nach Paris und weiter nach Algier, Georges Jorisch tauchte in Brüssel unter

Hoch betagt leben sie nun in Amerika.

Irgendwo in den endlosen Vororten von San Francisco, einer unscheinbaren, gepflegten Gegend, die man Palo Alto nennt, wohnt ein alter Professor, dessen Name Erinnerungen weckt. Sein Großvater, Emil Zuckerkandl, war um die Wende zum 20. Jahrhundert ein berühmter Anatom gewesen: Nach ihm ist ein Organ benannt – und in Wien eine Gasse. Seine Frau war Berta Zuckerkandl, eine maßgebliche Journalistin, in deren Salon sich die klügsten Köpfe, die wichtigsten Künstler trafen.

Doch auch der Enkel macht dem Namen alle Ehre: 1962 postulierte Emile Zuckerkandl, der u. a. an der Sorbonne Biologie studiert hatte, mit Linus Pauling, dem zweifachen Nobelpreisträger, die Hypothese einer molekularen Uhr.

Aufgewachsen ist Emile Zuckerkandl, der am 4. Juli 89 Jahre alt wird, im Sanatorium Westend von Purkersdorf. Sein Großonkel Victor hatte das weitläufige Areal mit den verstreut liegenden Villen um 1900 erworben und das Kurhaus von Josef Hofmann als Gesamtkunstwerk des Jugendstils errichten lassen. Nach Victor Zuckerkandls Tod 1927 erbten vier Familien das Sanatorium: Amalia Redlich, eine Schwester von Emil Zuckerkandl, und Fritz Zuckerkandl, der Vater von Emile, je ein Drittel, Nora Stiasny, die Tochter von Otto Zuckerkandl, und Mini Müller-Hofmann je ein Sechstel.

Direktor war Noras Mann Paul Stiasny. "Das Sanatorium ist eine Zeit lang schlecht gegangen. Meine Mutter hat die Leitung dann übernommen", erzählt Emile. "Es ging wirtschaftlich wieder sehr hinauf." Sein Vater Fritz war bereits 1935 aus beruflichen Gründen nach Paris übersiedelt. "Es war vorgesehen, dass meine Mutter und ich nach meiner Matura nachkommen. Das geschah dann etwas früher – wegen des Anschlusses."

Jener Tag, der 13. März 1938, veränderte alles. "Ich erinnere mich an die deutschen Flugzeuge, die in großer Zahl eingeflogen sind. Ich bin zum Tor des Sanatoriums gegangen und sah die einmarschierenden Truppen. Und ich sah Hitler stehend in seinem Auto vorbeifahren. Die Leute haben geschrien: ,Ein Volk, ein Reich, ein Führer!' Es war grauenhaft. Meine Großmutter wagte nicht mehr, in ihre Wohnung zurückzukehren. Sie verbrachte diese Tage in Purkersdorf. Aber sie war nicht überrascht. Sie war oft pessimistisch – sie war es auch damals. Und hatte Recht gehabt."

Von seiner Großmutter spricht Emile voll Zuneigung. "Ich war ihr einziger Enkel. Und ich hab sie sehr geliebt." Er war bei vielen ihrer Salons in der Oppolzergasse 6, vierter Stock rechts, über dem Café Landtmann: "Es war immer eine ausgezeichnete Stimmung. Einige waren Stammgäste, besonders der Friedell. Er war sprühenden Witzes. Einmal, im Oktober 1932, gab meine Großmutter am Cobenzl einen Empfang zu Ehren des französischen Politikers Paul Painlevé. Während des Déjeuners hatte ich die Idee, Autogramme zu sammeln." Und so legte er ein Album an. Dieses liegt, zusammen mit einem zweiten, auf dem Beistelltisch neben ihm. Er öffnet es, blättert und entziffert die Namen.

Julius Tandler. Franz Theodor Csokor. Walther Mayer, der mit Einstein an der Relativitätstheorie arbeitete. Egon Friedell, der am 16. März 1938 aus dem Fenster sprang. Alexander Moissi. Richard Nicolaus Coudenhove-Kalergi. Karl Seitz. Manche Autogramme sind eingeklebt, darunter jenes von Kurt Schuschnigg: "Meiner Großmutter lag die Idee, Autogramme zu sammeln, völlig fern. Aber sie hat mich immer verwöhnt. Sie hat Schuschnigg um ein Autogramm gebeten." Neben Colette, ebenfalls eingeklebt: "Jeder Blödsinn kann dadurch zu Bedeutung gelangen, dass er – von Millionen Menschen geglaubt wird. Albert Einstein. 1932."

Korngold. Wessely. Max Reinhardt: "Das hat Berta für mich gesammelt. Sie hat auch einen Sommer bei ihm auf Leopolds-kron verbracht." Ralph Benatzky. Subhash Chandra Bose, ein indischer Politiker, der mit dem NS-Regime zusammenarbeitete. Und Dollfuß: "Er ist ins Sanatorium gekommen, um sich auszuruhen."

Emile nimmt das zweite Album zur Hand. Ein Name bekannter als der andere. Degischer, Polgar, Schönherr, Zuckmayer, Horváth, Toscanini, Brecht, Valéry, Grünbaum. Dazwischen Innitzer und Julius Wagner-Jauregg, der 1927 den Nobelpreis erhalten hatte. Dann Giraudoux, Lion Feuchtwanger und Alban Berg: "Meine Mutter hat ihn porträtiert." Wir kommen ins Jahr 1938. Auch wenn die Zäsur nicht sichtbar ist, unterbrechen wir das Blättern.

Die Zuckerkandls wollten sogleich nach Paris. Aber Frankreich machte die Grenzen dicht. Paul Géraldy, dessen Dramen Berta übersetzt hatte, erwirkte Visa. "Ungefähr 14 Tage nach dem Anschluss bin ich mit meiner Großmutter mit dem Arlberg-Express nach Paris gefahren." Es war ein Abschied für immer: "Als man Salzburg sah, sagte meine Großmutter: ,Das werde ich nie wieder sehen.' Und auch damit hat sie Recht gehabt."

Nun blättern wir weiter im Album: Fritz von Unruh, 20. Oktober 1938. Emile Zuckerkandl sagt: "in unserer Fluchtwohnung". Guido Zernatto, Ständestaat-Minister 1936 bis 1938, geflohen nach Paris. Stefan Zweig, Erwin Piscator. Romain Rolland, ein Literaturnobelpreisträger. Otto, also Otto von Habsburg, mit Zusatz von Emile: "Von meiner Großmutter Berta für mich bekommen, im Zuge eines Interviews 1938/39, diskutiert wurde das Formen einer österreichischen Exilregierung."


4500 Kilometer entfernt, am anderen Ende des Kontinents, in einem der endlosen Vororte von Montreal, lebt Georges Jorisch, der Cousin von Emile. Auch er, vor kurzem, am 3. Mai, 83 geworden, ist im Sanatorium aufgewachsen – zusammen mit seiner Großmutter und seiner Mutter. "Für ein Kind war es einsames Leben. Ich war allein mit den Erwachsenen."

Er erzählt von einer hysterischen Patientin, dem Gärtner, einem unter Kuratel gestellten Baron, der ein Spieler war. "In der Viktor-Villa waren die Geisteskranken. Da war ein sehr netter Mann. Wir haben durch die Gitterstäbe gesprochen. Der hat wunderbare Flugzeuge mit Gummipropeller gemacht. Und dann gab es den Gemüse-Gerson. Das war ein Arzt, der fest an vegetarische Ernährung geglaubt hat. Nur Gemüse!" Ein Gast sei Inder gewesen: "Er hatte einen Buben, mit dem ich gespielt hab. Der Bub hatte eine mittelalterliche Burg – und zwei Dutzend SS-Soldaten! "

Dann kam Hitler. "Im Radio sagte der Schuschnigg: ,Gott schütze Österreich.' Und meine Großmutter sagte: ,Das ist nicht viel.' Dann sind wir auf einer Bank vor dem Tor gesessen und haben gesehen, wie die Deutschen einmarschiert sind. Das Kindermädchen sagte: ,So viele Panzer! ' Und dann ist Hitler vorbeigefahren. Es kamen Leute ins Haus, die haben uns das Silber und den Schmuck weggenommen. Die meisten Leute, die wir kannten, sind geflüchtet. Es war ein sehr einsames Leben dann. Der Winter 38/39 war absolut nicht angenehm."

Das Sanatorium wurde unter Zwangsverwaltung gestellt, in der Folge enteignet. Im Frühjahr 1939 beschloss der Vater, ein Anwalt, zu fliehen. Er erkämpfte das Sorgerecht für den Sohn. "Zum Glück hat sich der Richter auf die Seite meines Vaters gestellt. Er hat gesagt: ,Der Führer will, dass alle Juden ausziehen.' Damit hat mein Vater gewonnen." Mathilde Jorisch, seit 1935 von ihrem Mann geschieden, wollte nicht mitkommen: "Sie hat gesagt: ,Das wird sich legen.' Und meine Großmutter sagte auch: ,Das wird sich legen.'" Sie ließen sich nicht überreden: "Da war nichts zu machen. Was sehr deprimierend war, weil ein Haufen Leute Selbstmord beging – und wir hörten davon."

Vater und Sohn fuhren mit dem Zug nach Köln: "Die Franzosen wollten die Leute nicht hereinlassen. Einzig Leopold III., der belgische König, hat die Leute hereingelassen." So kamen sie nach Brüssel. "Mein Vater hatte sich umschulen lassen, Schuhe zu richten. Man hat ihn genannt den , Schusterdoktor'." Und Georges Jorisch besuchte die Schule.

Sein Vater war Legitimist. Denn: "Die Monarchie war gut zu den Juden." Jorisch erzählt weiter: "In Belgien lebte Otto Habsburg. Und er organisierte die Emigranten. Die Idee war, dass die Emigranten in kleinen Gruppen nach Frankreich gehen. Aber das ließ sich nicht mehr umsetzen. Deutschland hat Belgien und Holland im Mai 1940 überfallen. Und da mussten wir wieder laufen. Denn die Belgier verhafteten alle Ausländer. Wir gingen nach Ostende." Auf ein Schiff zu kommen, misslang. Vater und Sohn kehrten zurück: "Als wir wieder in Brüssel waren, waren schon seit ein paar Tagen die Deutschen da." Sie hätten die Menschen aber zunächst in Ruhe gelassen.

Am 14. Juni 1940 marschierte die Wehrmacht in Paris ein. Vier Tage zuvor hatte Mussolini Frankreich den Krieg erklärt. Emile Zuckerkandl und seine Mutter befanden sich gerade in Südfrankreich – nahe der Grenze. Er erzählt: "Die Italiener sind eingedrungen. Da sind wir geflohen. Wir beschlossen, zu meinem Großonkel Paul Clemenceau in die Vendée (an der Atlantikküste) zu gehen. Als wir nach vielen Schwierigkeiten bei ihm ankamen, hat man gerade die deutsche Armee erwartet. Dass die Deutschen bis dorthin kommen sollten: Das war etwas Unbegreifliches. So verbrachten wir eine sehr unruhige Nacht in L'Aubraie. Am nächsten Tag ist es uns gelungen, nach Bordeaux zu kommen. Auf der Flucht haben wir ununterbrochen Bekannte getroffen." Unter ihnen in Bayonne auch Alma und Franz Werfel, die über die Pyrenäen nach Spanien flohen.

Emile erzählt weiter: "Im Hafen lagen mehrere Schiffe – und es gab eine Unzahl an Flüchtlingen. Der Kapitän eines Frachtschiffes beschloss, Leute zu retten. Er hat alle Bananen ausladen lassen. Es wurden keine Papiere verlangt und kein Geld. Einige Bananen blieben an Deck, aber sie waren so grün, dass wir, obwohl wir so hungrig waren, sie nicht essen konnten. Zwei, drei Nächte haben wir dann im Hafen von Lissabon verbracht, wo man uns nicht aussteigen ließ, aber gezählt hat. Wir waren 531 Passagiere. Die Leute waren auf dem Deck, im Laderaum, überall."

Dann brachte man die Flüchtlinge auf ein größeres Schiff. "Als wir das Schiff verließen, salutierten der Kapitän in Uniform und die ganze Mannschaft diesem Haufen schmutziger Flüchtlinge. Und dieser Haufen sang spontan die Marseillaise. Das war ein einzigartiger Moment von tiefer Bedeutung in meinem Leben."

Und dann: "Wir kamen nach Casablanca. Zwei Monate blieben wir in Marokko. Dort konnten wir über Freunde mit meinem Vater, der in der französischen Armee war, und mit Berta in Kontakt treten. Sie war bei meinem Vater in Paris, als Frankreich kollabierte."

"B. Z." beschrieb ihre Flucht in einem Tagebuch, das Emile besitzt. Er holt es und versucht, ihre Einträge zu entziffern: "Flucht! 17. Juni 1940. Bourges, Hôtel de la Boule d'Or. Seit acht Tagen schon rollten beladene herrschaftliche Autos durch Bourges. Dann kamen diejenigen, die mit der Bahn, später zu Fuß oder mit Camions vorbeizogen. Man begann die Flüchtlings-Physiognomie kennenzulernen. Besonders Frauen, Kinder und Greise trugen den unvergesslichen Ausdruck der Panik, stierten mit leeren Augen vor sich hin, schleppten sich mühsam fort. (...) Fritz hatte die Geistesgegenwart, seine Uniform abzulegen und sich in Zivil zu kleiden. Dann kam er, und wir wussten, dass es nur eine Möglichkeit gebe, den Deutschen zu entgehen: Fort! Noch diese Nacht."

Emile klappt das Heft zu: "Meinem Vater ist es gelungen, seine Mutter in den letzten Autobus hineinzupferchen. Er selbst konnte nicht mehr einsteigen." In Moulins, nördlich von Vichy, vertraute sich Berta einem Apotheker an. Dieser riskierte sein Leben – und brachte die alte Dame mit dem Auto in die unbesetzten Zone.

Wenig später waren alle vier Zuckerkandls in Algier vereint. Die Wohnung sei "minable" gewesen. Emile konnte Biologie studieren. "Aber dann kamen die Vichy-Judengesetze, und ich wurde von der algerischen Universität verbannt. Daher bin ich ins Konservatorium und studierte Klavier." Wieso das ging, weiß er nicht.

In Brüssel erhielt Georges Jorisch Briefe von seiner Mutter aus Wien. "Sie konnte aber nicht viel erzählen. Wegen der Zensur." Im Frühjahr 1942 kam ein Brief an die Mutter zurück. Georges fragte seinen Vater: "Was bedeutet das?" Er wisse es nicht, soll jener geantwortet haben. "Er hat ganz genau gewusst, was es bedeutet hat", sagt Jorisch. Zu jener Zeit war eine Flucht längst nicht mehr möglich: "Zuerst wurde meine Mutter mit meiner Großmutter aus der Villa geschmissen und schließlich in eine Sammelwohnung verfrachtet. Und von dort wurden sie deportiert." Vermutlich nach Polen.

Doch auch in Brüssel wurde es 1942 gefährlich. Georges und sein Vater tauchten bei Bekannten unter. "Das ganze Geheimnis war, sich tot zu stellen. Wir sind über Nacht weggegangen und waren verschwunden. So war es für zwei Jahre. Eines Tages kam die Frau, die uns aufgenommen hatte, in der Früh um sieben ins Zimmer und sagte: ,Kinder, geht weg! Die Gestapo ist nebenan beim Nachbarn.' Es wurde abgemacht, dass jeder seinen eigenen Weg geht, und man trifft sich bei Nacht an einem anderen Ort. Und ich, der ich viele Räubergeschichten gelesen hatte, wusste, dass der sicherste Platz möglichst nah beim Feind ist. So ging ich zu dem Platz, wo die deutschen Soldaten trainiert haben. Da waren Kinder, die zugeschaut haben. Ich setzte mich zwischen diese Kinder. Als es anfing, dunkel zu werden, ging ich zu dem verabredeten Ort. Und dort traf ich meinen Vater. Das waren Bekannte von Bekannten. Für diese Leute bestand Gefahr. Und es gab Leute, die uns mit Lebensmitteln geholfen haben. Ja, die Belgier waren ziemlich anständig."

Im November 1942 landeten die Alliierten in Algier. "Es ist uns dort nicht schlechtgegangen", erzählt Emile. Er spielte Klavier für das Rote Kreuz, seine Mutter porträtierte die Soldaten, der Vater fand eine Anstellung als Biochemiker. Und "B. Z." hielt im Radio flammende Reden für Österreich.

Weil Georges nicht in die Schule gehen konnte, lehrte ihn der Vater, was er wusste, Algebra und Latein, darunter "Fiat Justitia et pereat mundus": Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde. Wie er mit der Einsamkeit zurechtkam? "Bei der einen Frau gab es einen ganzen Haufen Bücher. Ich hab viel gelesen, Voltaire zum Beispiel." Ob er Angst hatte, entdeckt zu werden? "Man gewöhnt sich daran. Man denkt nicht an Angst." Und ob man nicht die Hoffnung verlor? "Wir hörten Radio, BBC und Radio Paris Allemand. Im Herbst 1942 hörte man schon, dass es für die Deutschen schlecht geht, sie mussten zurück vom Kaukasus, und dann, im Winter, kam die Schlacht von Stalingrad. Da wussten wir: Das ist der Anfang vom Ende." Aber der Krieg zog sich noch lange hin. "Wie Teig", sagt Georges Jorisch. Am 3. September 1944 wurde Brüssel von den Alliierten befreit. "Und dann war wieder alles ganz normal."

Im Frühjahr 1945 war der Krieg vorbei. Berta, 81 Jahre alt, wurde krank. Mitte September konnte sie mit einer Militärmaschine nach Paris fliegen. Einen Monat später, am 16. Oktober 1945, starb sie.

Die Familie brachte Strafanzeige gegen Hans Gnad, den "Ariseur" des Sanatoriums, ein. Emile reiste über Paris nach Wien. "Ich hatte gemischte Gefühle. 13 Familienmitglieder waren umgekommen." Weil er Franzose war, durfte er das Sanatorium betreten: "Alle Möbel waren verschwunden. Das Sanatorium war nur eine große leere Hülle." In der Villa, in der er aufgewachsen war, lebte Gnad. Emile bemerkte, dass die Mohnwiese von Klimt fehlte. "Ich fragte ihn danach. Am nächsten Tag hat er sie mir zurückgegeben. Und ich habe sie bei einer Cousine meines Vaters untergestellt."

Im Herbst 1946 ging Emile Zuckerkandl in die USA. Denn er hatte über Walther Mayer und Albert Einstein ein Stipendium erhalten. Im Sommer 1947 lernte er Jane, seine künftige Frau kennen.

Im Sommer 1949 besuchte Georges mit seinem Vater Wien. "Die Stadt hat schlecht ausgeschaut – puh. Es waren die Russen da. Und die haben auch nicht berühmt ausgeschaut", erzählt er. Sein Vater hätte sich zu bleiben überlegt, sei dann aber an Herzschlag gestorben. "Ich kannte niemanden. Niemanden, der mir helfen konnte. Alle waren weg, die meisten gestorben", erzählt Jorisch. "Ich habe in Belgien das Gymnasium beendet. Und dann habe ich versucht, mich durchzuschlagen – als Illustrator und so weiter. Ich habe auch als Dreher gearbeitet in einer Fabrik." Studieren wie sein Cousin? "Das wäre nicht möglich gewesen."

1948 wollte Emile das Bild ausführen, er erhielt aber keine Genehmigung vom Bundesdenkmalamt. "Ich habe das Bild dann in unglaublicher Weise verschleudert. Denn ich war in finanziellen Nöten. Ein gewisser Herr Leopold hat mir 100 Dollar dafür geboten. Das hab ich abgelehnt. Dann hat er mir 1000 Dollar angeboten – und die habe ich genommen. Das war ein großer Fehler." Denn Rudolf Leopold tauschte das Bild im Belvedere sogleich gegen zwei Werke von Egon Schiele. Das war 1957. Die Republik Österreich sah und sieht sich nicht veranlasst, das Gemälde zu restituieren.

Im gleichen Jahr, also 1957, beschloss Jorisch, mit seiner Frau Eliane nach Kanada auszuwandern. Der Anfang in Montreal war hart: "Zunächst war ich bei einer Fabrik, die hat Bierflaschen hergestellt. Sie machte Pleite. Dann hab ich in einer Papierfabrik gearbeitet. Die haben mich hinausgebissen. Und von da an arbeitete ich in einem Fotogeschäft." Bis zu seiner Pensionierung. Seit kurzem lebt er, ein gewitzter, drahtiger Mann, mit seiner Frau in einer gediegenen Seniorenresidenz.

Auch Emile kehrte nicht nach Österreich zurück. Mit seiner Frau, die er 1950 in Paris geheiratet hatte, lebte er zunächst in der Bretagne. 1959 wurde er von Linus Pauling nach Pasadena ans California Institute of Technology geholt. Das Ehepaar lebt heute in einem Appartement voller Erinnerungsstücke.

Voneinander wissen die beiden Cousins nicht viel. Denn wegen des Sanatoriums war es zum Zerwürfnis gekommen. Jorisch sagt: "Emil hat einen schweren Fehler gemacht: Er hat den Advokaten meines Vaters abgesetzt – und durch einen gewissen Biro ersetzt, der sich als völlig unfähig herausgestellt hat." Tatsache ist: Der Vergleich, 1952 geschlossen, war "extrem ungerecht". Das stellte 2008 das Antragskomitee des Allgemeinen Entschädigungsfonds fest.

4500 Kilometer voneinander getrennt, aber vom gleichen Anwalt vertreten, kämpfen die Cousins seither um ein vormalig zum Sanatorium gehöriges Grundstück als Wiedergutmachung. Langsam läuft ihnen jedoch die Zeit davon. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/ALBUM – Printausgabe, 4./5. Juni 2011)

Thomas Trenkler, geboren 1960 in Salzburg, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Graz. Seit 1993 STANDARD-Kulturredakteur. Mehrere Buchveröffentlichungen, u. a. "Der Fall Rothschild" (1999) und "53 - Eine Behauptung" (2009).

Leserstimme: Ein Bild und sein Preis

Betrifft: "Ein Abschied für immer" DER STANDARD, 3. 6. 2011

Thomas Trenkler hat in seinem o. g. Interview mit Emile Zuckerkandl folgende Passage (zum Verkauf des Gemäldes Mohnwiese von Gustav Klimt) wiedergegeben:

"Ich habe das Bild dann in unglaublicher Weise verschleudert. Denn ich war in finanziellen Nöten. Ein gewisser Herr Leopold hat mir 100 Dollar dafür geboten. Das hab ich abgelehnt. Dann hat er mir 1000 Dollar angeboten – und die habe ich genommen. Das war ein großer Fehler." – Wie Sie dem Briefwechsel (siehe Faksimiles) zwischen Emile Zuckerkandl und meinem verstorbenen Vater in den Jahren 1955 bis 1957 entnehmen können, entspricht dies nicht den Tatsachen.

Diethard Leopold, Vorstand der Leopold-Stiftung (DER STANDARD – Printausgabe, 15. Juni 2011)

Klarstellung: Sammeln und tauschen

Betrifft: "Ein Bild und sein Preis" – Leopold-Briefdokumente zu den Verkaufsmodalitäten eines Klimt-Gemäldes ("Die Mohnwiese") in Erwiderung auf Thomas Trenklers Interview mit Emile Zuckerkandl ("Ein Abschied für immer"). DER STANDARD, 14. 6. 2011

Da sowohl im angeführten Beitrag von Thomas Trenkler als auch im Leserbrief von Diethard Leopold, Vorstand der Leopold-Museum-Privatstiftung, eine Interview-Passage unseres Mandanten, Herrn Prof. Emile Zuckerkandl, erörtert wird, darf ich festhalten:

Tatsächlich sah sich Emile Zuckerkandl Mitte der 50er aufgrund der über das Bild "Mohnwiese" verhängten Ausfuhrsperre gezwungen, das Bild an Prof. Leopold zu verkaufen.

Der Verkauf war das Ergebnis der damaligen Zwangslage, und das heute bei Emile Zuckerkandl bestehende subjektive Gefühl, das Bild damals verschleudert zu haben, resultiert aus dem Wissen, dass er in den USA einen sehr viel besseren Preis für die "Mohnwiese" erhalten hätte. Aufgrund der drängenden finanziellen Not und der bestehenden Ausfuhrsperre hatte er keine andere Chance, als das Angebot von Prof. Leopold anzunehmen.

Dieser wollte freilich das Bild nicht für seine Sammlung, wie er in dem vom Standard dokumentierten Brief schrieb, sondern er tauschte es sofort mit zwei Schiele-Bildern der Österreichischen Galerie Belvedere ...

Alfred Noll

Rechtsanwalt (DER STANDARD – Printausgabe, 17. Juni 2011)

  • "Der 13. 3. 1938 hat alles verändert": Das Sanatorium Purkersdorf wurde enteignet, Familie Zuckerkandl musste fliehen.
    foto: museum purkersdorf

    "Der 13. 3. 1938 hat alles verändert": Das Sanatorium Purkersdorf wurde enteignet, Familie Zuckerkandl musste fliehen.

  • Sie wuchsen im Sanatorium Westend von Purkersdorf auf: Georges Jorisch lebt heute in Montreal, ...
    foto: standard/thomas trenkler

    Sie wuchsen im Sanatorium Westend von Purkersdorf auf: Georges Jorisch lebt heute in Montreal, ...

  • ... Emile Zuckerkandl in Palo Alto.
    foto: standard/thomas trenkler

    ... Emile Zuckerkandl in Palo Alto.

  • Sie hielt im Radio flammende Reden auf Österreich: Berta Zuckerkandl, 
von ihrem Sohn Emile fotografiert, im Exil in Algier. Ein halbes Jahr 
nach Ende des Zweiten Weltkrieges starb sie in Paris.
    foto: emile zuckerkandl

    Sie hielt im Radio flammende Reden auf Österreich: Berta Zuckerkandl, von ihrem Sohn Emile fotografiert, im Exil in Algier. Ein halbes Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges starb sie in Paris.

  • Die Briefe als Faksimiles.

    Die Briefe als Faksimiles.

Share if you care.