Wieso kann einer fehlen, den man gar nicht kennt?

    3. Juni 2011, 17:59
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    Kommt er - kommen Vermisste zurück aus dem ... - Von Dine Petrik

    Sein Bild kennst du, Schwarz auf Weiß. Ganz der Vater, sagt Mutter. An der Altersgrenze war er, unabkömmlich, aber dem Bürgermeister, dem Nazi, ist er entbehrlich gewesen. 

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    Da stehst du. Ein Stück. Ein Stück Ton, Klang. Ein Notenstück, Saitenstück, Kinderstück. Neben dir der, den hier jeder kennt. Auch du willst ihn kennen. Vermisst, so die Mutter. Kommt er - kommen Vermisste zurück aus dem ... Wieso einer fehlen, vermisst werden kann, den man gar nicht kennt. Ist ein Bild, sein Bild kennst du, Schwarz auf Weiß. Eine Sucht, versteinern könntest du an deiner Sucht, verstockt wie du bist. Ganz der Vater, sagt Mutter. An der Altersgrenze war er, unabkömmlich, aber dem Bürgermeister, dem Nazi, ist er entbehrlich gewesen, bist damals zwei gewesen, die großen Brüder steckten bereits im Feld.

    Da stehst du. Vorbei an dem Haus denkst du Wünsche, Verwünschungen für den Nazi, der jetzt Kommunist war und Russenbürgermeister und, wie zu hören war, immer noch Nazi. Krankheiten wünschst du ihm, die Krätze innen. Und die Frage, ob es gut ist, so zu denken, geleitet zur Sonntagsmesse, wo der Anblick anderer Kinder Väter verletzt, wo dein Blick die Sucht nach dem Vater versteckt. Zurückgekehrte. Deiner kommt: Kommt sicher? Aber da kommt nichts zurück, die Schwarze Madonna blickt böse herab, ihr Gesicht macht dir Angst wie die Gesichter neben dir auch. Heim zum Trostladen, Traumkasten, den Tonstücken, Klangstücken; wie du, alles Stückwerk. Ein ganzer Kasten mit Instrumenten. Hier könntest du reden, verstummt wie du bist. Hier fängt das Tönen an, Klingen, Singen. Du fragst dich, ob das vor den Worten da war, vor dem Reden das Singen.

    Der Kasten knarrt in den Scharnieren. Das Ölen ist deine Sache. Der ganze Kasten. Stücke, Teile. Ein Stück Klarinette rollt heraus, ein Fach hängt schräg aus der Schiene. Dunkle Stimmung im Kasten, warme Töne, Vaters Geruch, Instrumentengeruch. Eine Bewegung, fühlbar, spürbar, ein Licht, ein Schatten streift über dich, von der Hand zur Schläfe, ein Streicheln ist es. Deine Hand streift über die Fiedeln, Geigen und Klarinetten:

    Es sind die seinen, die deinen, die seinen. Und wer sie dich lehren wird, wenn - fragst du dich, rennst hinaus in die Werkstatt, der Hund mit seinem kaputten Hinterlauf tänzelt dir nach, er ist alt, älter als du, das ist alt. Wenn der Hund bei dir ist, hast du keine Angst. In Vaters verstaubter, verstummter Werkstatt geistert es. Ratten und Mäuse, zur Nacht Hexen. Schmieröl. Ein Hammer, Nägel. Die Werkstatt quillt über: Dieselmotoren, entsorgte Möbel. Gerümpel auch die zwei Koffer voll Noten. Spinnwebvorhänge auf Werkzeugverschlägen, Drechslerbank, Hobel, in einem die Initialen des Musikanten.

    Was der alles konnte, heißt es, wie der mit Maschinen umging; hat einen kaputten Motor sofort durchschaut. Aber verstockt, sein Streit mit dem Bürgermeister - er hätte nicht einrücken sollen. Du fragst dich, was dieses nicht sollen heißen soll.

    Sonntagnachmittag. Das Haus leer, Mutter fort auf Besuch. Der Hund schlägt bei jedem an, brauchst dich nicht fürchten. An Sonntagnachmittagen sitzen die Russen im Wirtshaus und saufen. Und mit den Fragen, ob sie gehen oder bleiben werden, ist die Kindheit vertan. Da sind andere Fragen, auf die du Antworten suchst. Spürst nahe, andere Dinge: Dein Körper verändert sich da und dort, du fängst an zu verstehen, bist nie Kind gewesen, steckst tief in den Kinderschuhen, die sind dir zu klein, brauchst neue Schuhe, ein Kleid zum Gehen. Sonntagnachmittage. Sie schüren Fragen, Auflehnung, Ungehorsam, sie machen verstockter. Ende Juli. Hitzeflimmern. Die müden Hennen im Hof. Nein, du wirst keiner jemals den Kopf abhacken, so weit wirst du nie gehen. Du wirst gehen. Bist spät geboren, sagt Mutter, musst halt warten. Nein, du wirst gehen, bevor du den Kopf hier verlierst. Du wirst bloß dem Pflug nachgehen, nach der Schule, morgen, übermorgen, nur diesen Sommer noch, bis zum Winter.

    Das Kastenfach liegt wieder fest in der Schiene. Verfehlst keinen Nagel, bist sehr geschickt, ganz der Vater. Genauso wirst du mit der Klarinette umgehen. Sie liegt bereit; er wird sie dich lehren. Und was tun mit den Fiedeln und fehlende Wirbel, geknickte Bögen, gerissene Saiten.

    Immerfort reißt etwas, tut was weh - der Kopf, das Herz, die Hand, raue Kinderhand, nichts für gerissene zarte Saiten. Was er dazu sagen wird, wenn ... Was hast du gesagt. Blasinstrumente, zerteilte, zerstückelte Klarinetten, es sind Vaters Worte, er spricht mit dir, aber zer-stük-kelt, zer-stük-kelt spricht er. Du verstehst nicht: Was hast du gesagt -

    Du suchst, setzt zusammen, du willst verstehen, du stückelst Verbindungen, bis ... Du wischst bloß den Staub ab. Schallbecher, Mittelstück, Mundstück; schadhafte Blätter, geworfen, gespalten, du krächzt ein paar Töne, bewegst Klappen, verträumst dich am glänzenden Messing der Trompeten: achtgeben beim Polieren, ein paar fehlen - wie einer so fehlen kann, du trennst ein Teilstück vom anderen ab, wendest Kraft an, Kraft ist, was du hast, polierst Roststellen weg, setzt zusammen: das kurze Röhrenstück mit dem gebogenen, ein schönes Chaos, das schaffst du nie, schaffst du doch: Zugteil, U-Bogen, Glocken und Schallbecher: geschafft, du schaffst einen Ton, einen Klang. Noten denkst du wo du glaubst, Melodien gehört zu haben.

    Für tot erklärt, sagt die Mutter

    Vorm Einrücken hat er die Instrumente zerteilt, in Ölpapier eingewickelt und im Stadel in einem Erdloch vergraben, Heuhaufen darüber. Die Russen haben gesucht. Nichts gefunden.

    Alt ist er, der Hund stinkt, sagt die Mutter. Der hilfreiche Nachbar nimmt ihr die Haue ab, ein wuchtiger Schlag. Der Hund seufzt, die rechte Pfote zuckt letzte Grüße. Du gehst ihn begraben. Spielst etwas; leise Töne innen, schwingende Tanzbodentöne, Dreivierteltakte, Ländlerklänge, Trompetenschall; ein Drehen in die Ferne, in Tiefen, in Weiten, du fängst zu singen an, du. Du wirst gehen. Du wirst warten. Ein Trost, dieser Kasten, eine Tür ins Leben. Hier fängt eine Spur an, die seine, die deine: Spuren von Glück. Ein zerstückelter Traum kommt immer wieder.

    Das Saxofon des großen Bruders darf nicht berührt werden, es ruht auf Samt. Aber dem Deserteur ist die Spiellust auch auf dem Akkordeon, das im Erdloch vergraben, überlebt hat, vergangen. Feigling, hieß es. Fahnenflüchtiger. Das auf die Art zerstückelte Innere steckt man nicht so weg, wenn man schon "derart feig", den Krieg überlebt hat.

    Der Kontrabass steht auf dem Gerstenboden, Saitenlos, die Brust eingedrückt. Staub weint heraus beim Umarmen. Die große Trommel sucht Schutz im Weizenverschlag. Umsonst; ein Riss klafft in ihrem Bauch, Weizen brütet sie aus. Die Tschinellen drücken sich an die Wand, nach den Sticks fragt keiner, du auch nicht.

    Früher waren die Koffer übergegangen mit Vaters Noten, mit Notenabschriften, den Stimmen der ganzen Kapelle. Noten, die sich einer geholt hat, gratis, einer vom Nachbardorf hat sie geholt. Alles bedient sich hier, borgt sich aus, nichts kommt zurück und wenn, kaputt. Du hörst leicht verblasene Polkaräusche im unrunden Takt der Sonntagsglocken, hörst dunkle Wolkenmärsche und rollende Trommeldonner über die Hügel fliehen, hörst den Chor der Wälder und den Flüstergesang der Birken im Wind und zwischen verschleppten Einleitungsakkorden und verfehlten Schlusskadenzen und beschwipsten Hochzeitsständchen die Stimmen und Stimmungen der Dörfler, du lässt dich von unrunden Walzern einkreisen und von schwerfälligen Totenmärschen vertreiben.

    Für tot erklärt, sagt die Mutter, der Rente wegen. Für tot erklärt, das heißt ja ... Fang zu singen an; dein Instrument, es ist deines, deine Stimme, leg die Wange an deinen Kasten, sein Holz kühlt dein Gesicht. Ein Glück, das sich denken lässt, träumen lässt: Ihm entgegen laufen, stürzen, die Gasse hinunter, zum Mann mit dem schleppenden Gang, dem verstaubten Alten entgegen. Du kennst ihn nicht, kennst ihn seit je. Bist du's wirklich - so groß, meine Kleine, wird er sagen, als ich in den Krieg bin, bist du mir bis daher gegangen, wird er dich aufheben, wird, Gott, bist du schwer, sagen, wird lachen-weinen mit deinem Mund, wird ihm sein verstockter Soldatenhut vom Kopf rollen, die Gasse hinunter, er braucht ihn nicht mehr.

    Sonntagnachmittage. Die Spuren zerstückelt, bloß Töne, Klänge; es sind die deinen. Es gilt wieder neue zu ziehen. Sind die Fragen gefragt, sind die Dinge gepackt, wirst du gehen. Deine Kinder üben auf ihren Instrumenten: Deine Kinder: Noch sind es die deinen. Was das ist, Glück. Das Gegenteil ist ein anderer Wert. Spürbare Bewegungen zwischen ihnen und dir. Kinder: Du bist jemand geworden. (Dine Petrik, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 4./5. Juni 2011)

    Dine Petrik, geb. im Burgenland, lebt in Wien, begann mit 50 zu schreiben. Sie ist Lyrikerin, Sachbuchautorin, zuletzt erschien "wortreich. verschwiegen" (Gedichte, mit Fotos von Gerald Zugmann, Literaturedition Niederösterreich).

    Erste Prosa: "Die Hügel nach der Flut", ein biografischer Roman über die Schriftstellerin Hertha Kräftner (Otto Müller Verlag, 1997), mehrere Arbeiten in Anthologien über die 1951 verstorbene Autorin.

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      "Bist du's wirklich, so groß, meine Kleine, wird er sagen, dich aufheben, wird, Gott, bist du schwer, sagen, wird lachen-weinen ..."

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