Who let the Dogs out?

3. Juni 2011, 12:03
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Über Curtis Hansons Finanzkrisenthriller "Too Big To Fail" - Von Simon Rothöhler

Im Herbst letzten Jahres hatte Hank Paulson, der ehemalige US-Finanzminister, einen Termin bei HBO. Im Konferenzraum des Pay-TV-Senders saß ihm William Hurt gegenüber. Paulson war zu Recht nervös, er traf auf sein Alter Ego in spe. Dass dieses Treffen, dem ein Kayak-Trip und ornithologische Expeditionen der beiden Vogelfreunde folgen sollten, aus Sicht des Porträtierten günstig verlaufen sein muss, ist jetzt in einem filmischen Endprodukt zu begutachten. Too Big To Fail, inszeniert von Curtis Hanson (L.A. Confidential) nach dem Sachbuchbeststeller des (nicht unumstrittenen) New York Times-Jungstars Andrew Ross Sorkin, feierte letzte Woche seine Fernsehpremiere – und zeigt den vormaligen Goldman Sachs CEO und Oberderegulierer Paulson, der mit einem Privatvermögen von rund einer dreiviertel Milliarde Dollar seinen Wall Street-Dienst quittierte, um im Mai 2006 in die Bush-Administration einzutreten, als vergleichsweise aufrichtigen Main-Street-Amerikaner, dem im Angesicht der Krise sogar körperlich übel wird. Schön immerhin, dass Christine Lagarde für fünf Telefonsekunden mit von der Partie ist und einen der wenigen europäischen Auftritte nutzt, um Paulson mit französischem Akzent "Honk" zu nennen. Dégueulasse!

En detail rekonstruiert das exzellent verdichtete Drehbuch von Peter Gould (Breaking Bad) die kritischen Tage der Insolvenz von Lehman Brothers im September 2008 bis zur Verabschiedung des 700 Milliarden Dollar schweren TARP-Notgesetzes ("Troubled Asset Relief Program"). Hurts Gegenspieler in diesem Setting ist der zuletzt leider selten zu sehende James Woods, der einen fluchenden, bis zum Schluss uneinsichtigen Richard Fuld spielt.

Sorkins Buch ist im Kern eine soziologisch-psychologische Studie der "Top Dogs" der Finanzwelt – ob sie nun bei Investmentbanken arbeiten oder bei der Federal Reserve, wie der auch im Film äußerst smarte Timothy Geitner.  Die Besetzungspolitik von HBO zielt auf Stars und Ähnlichkeitseffekte, selbst Nebenrollen sind mit Hollywoodschauspielern wie Bill Pullman (James Dimon, CEO JP Morgan Chase & Co) überdurchschnittlich besetzt.

Sehr schön gelingt Paul Giamatti sein Brummbär Ben Bernanke: ein melancholischer Dauerfrühstücker, wehe dem, der die Geschichte der Depression der 30er Jahre gründlich studiert hat. Dass Warren Buffet auch in hektischen Zeiten nur ans Telefon geht, wenn seine Enkel ihn genervt dazu auffordern, ist auch ein Detail der Zeitgeschichte, das, wenn es denn stimmt, denkwürdig ist. Ein guter Teil des Vergnügens, das die bislang effektivste Fiktionalisierung des Ereigniskerns der Finanzkrise 2008ff bereitet, liegt in dieser Ausmalung von konkreten Abläufen, Reaktionen, Interaktionen. Hat Paulson wirklich John McCain derart zusammengebrüllt, als dieser meinte, seinen Wahlkampf unterbrechen zu müssen, um in Washington für "Ordnung" zu sorgen? Wie verkniffen kann Llyod C. Blankfein dreinschauen, wenn ihm mitgeteilt wird, dass über eine Teilverstaatlichung der Investmenbanken nachgedacht wird? Was davon zutrifft und was gut erfunden ist, lässt sich im Einzelnen nur erahnen. Dass sich hinter dem diffusen Begriff "systemrelevant" eine ganze Reihe konkreter Entscheidungen von Individuen (aber leider nicht individuell zur Verantwortzung gezogenen Akteuren) ausmachen lassen, wird in Too Big To Fail exemplarisch vorgeführt - auch wenn der Film die "Systemfrage" nicht stellt.

Die DVD-Publikation ist für Herbst angekündigt - an dieser Stelle zumindest der Trailer:

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    foto: hbo
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