"Es ist eine Reizverarbeitungsstörung"

5. Juni 2011, 20:20
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Kopfschmerz mit Medikamenten vertreiben: Kopfwehspezialist Gunther Haag über Selbstmedikation und die Gefahren der Überdosierung

STANDARD: Kopfweh ist ein Volksleiden. Welche unterschiedlichen Arten unterscheidet die Medizin?

Haag: Migräne und Spannungskopfschmerz. Über Migräne wissen wir viel besser Bescheid. Es ist eine Reizverarbeitungsstörung, für die es eine genetische Veranlagung gibt. Betroffene reagieren auf Reizveränderung unterschiedlicher Art. Das Nachlassen von Stress ist der häufigste Auslöser, bei Frauen sind es auch oft hormonelle Veränderungen.

STANDARD: Wie unterscheiden sie sich?

Haag: Migräne tritt mit und ohne Aura auf, also mit oder ohne neurologische Ausfallserscheinungen. Sie ist meist halbseitig, die Schmerzen sind stark, pochend oder pulsierend - als Begleiterscheinungen können Übelkeit, Erbrechen, Geräusch- und Lichtempfindlichkeit auftreten. Aktivität verstärkt die Schmerzen. Spannungskopfschmerz hingegen ist beidseitig, dumpf drückend, sitzt wie eine Haube auf dem Kopf und setzt nicht ganz so außer Gefecht. Vor allem: Die Behandlung ist unterschiedlich.

STANDARD: Inwiefern?

Haag: Migräne wird zum Beispiel mit Triptanen, spezifischen Migränemedikamenten, behandelt. Wenn es um nichtmedikamentöse Maßnahmen geht, lindert ein kalter Waschlappen die Schmerzen. Bei Spannungskopfschmerzen hilft eher eine Wärmeflasche. Sowohl Migräne als auch Spannungskopfschmerzen werden von den Betroffenen sehr oft selbst behandelt, die wenigsten suchen bei einer Attacke den Arzt auf. Es gibt eine breite Palette nicht verschreibungspflichtiger Medikamente. Die deutsche, österreichische und schweizerische Kopfschmerzgesellschaften wollten eine Grundlage schaffen, auf deren Basis Ärzte und Apotheker Empfehlungen abgeben können. Dafür haben wir Studien zu insgesamt 20 Wirkstoffen überprüft, die Ergebnisse zusammengefasst und ausgewertet.

STANDARD: Mit welchem Ergebnis?

Haag: Überraschend für die Kommission war, dass eine Dreierkombination aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein (wie zum Beispiel in Thomapyrin, Anm.) sehr gute Wirkung zeigte - sowohl bei Migräne als auch bei Spannungskopfschmerz. Aber auch Acetylsalicylsäure (Aspirin, Anm.), Diclofenac (Voltaren, Anm.) und Ibuprofen allein schnitten gut ab.

STANDARD: Gab es bei der Dreierkombination früher nicht auch Nebenwirkungen?

Haag: Die Dreierkombination hatte lange einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, wie wir heute wissen. Es hieß, dass das darin enthaltene Koffein zu einer Abhängigkeit führen kann. Das konnte widerlegt werden. Die Nierenproblematik war mit dem Wirkstoff Phenacetin verknüpft, doch das ist seit 20 Jahren vom Markt. Kombinationen sind in der Medizin derzeit ein Trend, weil sie unterschiedliche Wirkansätze verbinden, gerade bei Kopfschmerzen ist das sehr effektiv.

STANDARD: Was halten Sie von individuellem Medikamenten-Mix?

Haag: Wir wollten eine Grundlage für Empfehlungen schaffen, die wissenschaftlich überprüft ist. Wir empfehlen insgesamt acht verschiedene Substanzen. Alles andere ist nicht überprüft.

STANDARD: Können nicht auch die Medikamente selbst eine Art Abhängigkeit auslösen?

Haag: Ja, aber es gibt zur Vermeidung von Abhängigkeit Regeln. Kopfschmerzpatienten dürfen höchstens an zehn Tagen pro Monat Medikamente einnehmen, um nicht in die Gefahr zu kommen, einen Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch zu entwickeln. Das ist eine große Gefahr, vor allem bei Triptanen oder Monoanalgetika (zum Beispiel ASS) auftritt.

STANDARD: Welche anderen Gefahren gibt es bei Selbstmedikation?

Haag: Es gibt klare Kontraindikationen. Wenn nach der Einnahme eines Medikaments Lähmungen, Übelkeit oder Gedächtnisstörungen auftreten, sollte man zum Arzt. Auch bei Fieber ist Selbstmedikation nicht empfehlenswert. Und es gibt Nebenwirkungen, zum Beispiel bei Acetylsalicylsäure oder Diclofenac. Sie können den Magen angreifen - deshalb ist ein Magenschutz bei entsprechenden Problemen zu empfehlen. Die Verträglichkeit der Dreierkombination ist tendenziell besser, weil die Dosis der einzelnen Komponenten niedriger ist.

STANDARD: Gibt es Prophylaxe?

Haag: Betablocker bei Migräne sind erste Wahl, auch Topiramat. Für den Laien überraschend bei Spannungskopfschmerz: Ein klassisches Antidepressivum wie Amitriptylin kann helfen.

STANDARD:Welche nichtmedikamentösen Ratschläge gibt es?

Haag: Entspannungstechniken lernen, Ausdauersport und Stressreduktion.

(Karin Pollak, DER STANDARD, Printausgabe, 06.06.2011)

GUNTHER HAAG ist Chefarzt der Michael-Balint-Klinik, Fachklinik für Psychosomatik und Ganzheitsmedizin in Königsfeld, und ist Mitglied der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft.

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  • Sowohl Migräne als auch Spannungskopfschmerzen werden von den 
Betroffenen sehr oft selbst behandelt, die wenigsten suchen bei einer 
Attacke den Arzt auf, weiß Mediziner Gunther Haag
    foto: fischill pr/bruckmoser

    Sowohl Migräne als auch Spannungskopfschmerzen werden von den Betroffenen sehr oft selbst behandelt, die wenigsten suchen bei einer Attacke den Arzt auf, weiß Mediziner Gunther Haag

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