Seit Mitte April sollen 149 Menschen getötet worden sein
Nairobi/Abidjan - Fast zwei Monate nach Beendigung des
blutigen Machtkonflikts in der Republik Côte d'Ivoire
(Elfenbeinküste) wird in dem westafrikanischen Land nach
Erkenntnissen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW)
weiter hemmungslos gefoltert und gemordet. HRW wirft den
Sicherheitskräften von Präsident Alassane Ouattara
Vergeltungsaktionen gegen wirkliche oder vermeintliche Anhänger
seines abgewählten und inhaftierten Amtsvorgängers Laurent Gbagbo
vor. Seit der mit Hilfe der früheren französischen Kolonialmacht
bewerkstelligten Machtübernahme der Ouattara-Truppen Mitte April
seien mindestens 149 Menschen getötet worden, heißt es in einem
Bericht der Menschenrechtsorganisation.
"Die Hoffnungen auf einen Neubeginn unter Ouattara werden
schnell
schwinden, wenn das brutale Vorgehen gegen Gbagbo-Gefolgsleute nicht
sofort gestoppt wird", warnte Corinne Dufka, Westafrika-Expertin bei
HRW. Ende April und Anfang Mai hätten Ouattaras Truppen bei Einsätzen
in noch umkämpften Stadtteilen der Hafenmetropole Abidjan mindestens
95 unbewaffnete Menschen erschossen. Meist habe es sich um
regelrechte Hinrichtungen von Jugendlichen gehandelt. Die Opfer
gehörten ethnischen Gruppen an, denen Sympathien für Gbagbo
unterstellt wurden.
Mindestens 3000 Tote
Am Freitag sollte die erste Kabinettssitzung der neuen
Regierung
stattfinden, in die Ouattara auch Mitglieder von Gbagbos Partei
"Ivorische Volksfront" eingeladen hatte. Gbagbo hatte sich im
vergangenen November nach den Präsidentenwahlen geweigert, den
Wahlsieg Ouattaras anzuerkennen. Der von Gbagbo-Gefolgsleuten
dominierte Verfassungsrat hatte eine halbe Million Stimmen mit der
Begründung annulliert, dass in den Hochburgen Ouattaras im
überwiegend muslimischen Norden Anhänger Gbagbos an der Stimmabgabe
gehindert worden seien. In dem monatelangen Konflikt wurden nach
UNO-Schätzungen mindestens 3000 Menschen getötet.
Ouattara, hat die ehemalige Kolonialmacht Frankreich um eine
stärkere militärische Präsenz in seinem Land ersucht. Die
Spezialeinheit "Licorne" (Einhorn) müsse bleiben und die Basis des
43. Marine-Infanterie-Bataillons (BIMA) in Port-Bouet reaktiviert
werden, sagte Ouattara vergangene Woche. Die BIMA-Basis war 2009
aufgelöst worden.
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte anlässlich
seiner
Teilnahme an der offiziellen Amtseinführung des ivorischen
Staatschefs gesagt, das ursprünglich 1.700 Mann starke
"Licorne"-Kontingent, das bei der Entmachtung Gbagbos eine
Schlüsselrolle gespielt hatte, könnte jetzt beim Wiederaufbau der
ivorischen Armee helfen. Gbagbos Anhängerschaft, aber auch Politiker
wie der ruandesische Präsident Paul Kagamé haben Frankreich
vorgeworfen, "seinen" Kandidaten Ouattara mit militärischer Gewalt
durchgesetzt zu haben.
Zu Beginn seiner Präsidentschaft vor vier Jahren hatte Sarkozy
angekündigt, alle Militärabkommen mit den früheren afrikanischen
Kolonien neu zu verhandeln und transparent zu machen, weil Frankreich
nicht mehr "Gendarm" auf dem Kontinent spielen wolle. Französische
Truppen befinden sich auch in Gabun, Kamerun, Dschibuti, der
Zentralafrikanischen Republik, Senegal und Tschad, die alle 1960
unabhängige Staaten wurden. (APA)