Weniger Frauen erliegen bösartigen Erkrankungen - Prävention und Vorsorge wurden vor allem für sie populär gemacht
Grado - Mehr Männer als Frauen sterben an Krebs. Weniger Beteiligung an Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen machen das "starke Geschlecht" besonders anfällig dafür, dass bösartige Erkrankungen erst später und bereits in einem unheilbaren Stadium diagnostiziert werden. Das ist die Situation, wie sie die Innsbrucker Gender-Medizin-Expertin Margarethe Hochleitner, Direktorin des Frauengesundheitszentrums der MedUni Wien, bei den Österreichischen Ärztetagen in Grado (bis 4. Juni) darstellte.
Was seit rund 15 Jahren in der Kardiologie heftig diskutiert wird - Unterschiede bei Männern und Frauen, was Symptome, Erkrankungen und Therapierealität angeht -, ist in der Onkologie offenbar noch unterentwickelt. Margarethe Hochleitner: "Wenn man in der 'Medline' (Medizin-Publikations-Datenbank, Anm.) nachschaut, findet man derzeit für Krebs und Prävention 84.026 Einträge. Auf Krebs und Gender Medizin entfallen davon nur 276. Der Anteil ist also verschwindend gering."
Ganz eigenartig ist - so Margarethe Hochleitner, ausgebildete Herzspezialistin - die offenbare Verteilung der Forschungsschwerpunkte in Sachen Verhütung von Krebs: "Die Hälfte aller wissenschaftlichen Arbeiten über Krebsprävention beschäftigt sich mit dem Krebs der Geschlechtsorgane. 21.351 entfallen auf Brustkrebs." Nur noch etwa die Hälfte davon entfiele zahlenmäßig auf das Prostatakarzinom.
Die Expertin: "Ist es berechtigt, dass sich die Hälfte der Publikationen mit der Prävention von Krebs der sekundären Geschlechtsmerkmale beschäftigt, wo die Behandlungsmöglichkeiten relativ günstig sind und Brust- und Prostatakarzinome eher zu den gutartigeren Krebsarten zählen?"
Aufholbedarf bei Screeningprogrammen für Männer
Aufholbedarf gäbe es also offenbar einerseits bei der Propagierung der Prostatakarzinom-Früherkennung im Vergleich zu Mammografie-Programmen etc., andererseits aber auch, was die Beteiligung der Männer an solchen Screeningprogrammen im Vergleich zu den Frauen insgesamt betreffe. Vor Jahren schon beteiligten sich nämlich in Tirol beispielsweise jährlich ein Viertel weniger Männer als Frauen an den kostenlosen Gesunden-Untersuchungen. Das ist auch in benachbarten und vergleichbaren Ländern der Fall. Margarethe Hochleitner: "In Berlin werden derzeit pro Jahr 500.000 Früherkennungsuntersuchungen auf Prostatakarzinome durchgeführt, aber zur Mammografie gehen jährlich 1,2 Millionen Berliner Frauen."
Falsche Risikoeinschätzung
Das Präventions-Problem bei den Geschlechtern liegt offenbar
darin, dass beide ihre spezifischen Risiken nicht richtig
einschätzen. Margarethe
Hochleitner: "Der
Herztod ist männlich 'besetzt'. Krebstod und Mammakarzinom sind
weiblich 'besetzt'." Warum sich die Frauen schon mit 25 vor dem
Brustkrebs fürchteten, wenn der Gipfel der Häufigkeit dieser
Erkrankung erst zwischen 60 und 70 erreicht werde, sei nicht wirklich
einsichtig. Jedenfalls: Die meiste Werbung werde für die
Brustkrebs-Früherkennung gemacht, die Männer müssten da erst deutlich
aufholen.
Lungenkrebs als Ausreißer
Der einzige "Ausreißer" ist in der epidemiologischen
Entwicklung
das Lungenkarzinom. Da hat sich in Österreich die Todesrate unter den
Frauen seit den 75er-Jahren verdoppelt (von rund zehn auf rund 20
Todesfälle pro 100.000 Personen im Jahr), während sie bei den Männern
von einem höheren Niveau leicht zurück ging (von rund 60 Todesfällen
pro 100.000 im Jahr auf um die 50). Sonst aber schneiden die Männer
überall schlechter ab.
Letzteres könnte sogar auf die Therapie zutreffen. Hier meint
Margarethe Hochleitner, dass die Männer als Patienten einfach durch
die Dosierungsschemen der Chemotherapie benachteiligt seien. "Es scheint die derzeitige Berechnungsform
für die Chemotherapiedosierung nicht das Beste zu sein." Man bediene
sich hier bei der Berechnung einer Formel nach der Körperoberfläche.
Diese sei 70 Jahre alt und warum man ausgerechnet damit arbeite
ist unklar. Auch hier könnte eine Benachteiligung der Männer vorliegen,
wenn die Kalkulationen zu Unterdosierungen führten. (APA)