Depressionen bei Kindern: Seltener und atypisch

3. Juni 2011, 09:56
3 Postings

Pro Woche begeht ein Mensch unter 18 Jahren Suizid - Oft werden die Symptome nicht erkannt

Grado - Seltener als bei Erwachsenen, aber dafür etwas atypischer, was die Symptome betrifft, und dadurch wohl auch seltener diagnostiziert: Depressionen im Kindes- und Jugendalter. Die Behandlung leidet daran, dass in schwereren Fällen wohl eher stationär therapiert werden sollte und in Österreich dafür die Betten fehlen. Weiters sind die meisten Antidepressiva für Kinder gar nicht zugelassen, erklärte der Wiener Kinder- und Jugendpsychiater Christian Kienbacher (MedUni Wien/AKH) bei den Österreichischen Ärztetagen in Grado (bis 4. Juni).

"Die Stichtagsprävalenz (Häufigkeit an einem bestimmten Tag, Anm.) der Depression beträgt drei bis fünf Prozent in der Bevölkerung, die Lebenszeitprävalenz (zumindest einmal auftretende Depression während des Lebens, Anm.) liegt bei Frauen bei zehn bis 25 Prozent, bei Männern bei fünf bis zwölf Prozent", sagte der Experte. Charakteristisch ist die größere Häufigkeit bei den Frauen. Zehn Prozent der Patienten von Allgemeinmedizinern haben (auch) eine Depression, unter wegen physischen Erkrankungen im Spital aufgenommenen Personen sind sogar 25 Prozent depressiv.

Kinder seltener betroffen

Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung sind Kinder und Jugendliche seltener betroffen. Doch es gibt eine Entwicklung mit zunehmendem Alter: Unter Kindern leiden weniger als drei Prozent an Depressionen, unter den Jugendlichen 0,4 bis 6,4 Prozent. Mit dem Ende des Kindesalters aber stellt sich bereits ein Überwiegen der Fälle unter Mädchen bzw. jungen Frauen ein.

Charakteristisch bei den Symptomen von Kindern und Jugendlichen sind Symptome wie Interessensverlust, resignative Haltung, "Sich-nicht-freuen-Können" trotz offenbarer Gründe dafür, Verminderung der Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit, Denkhemmung bis hin zum Grübeln und stark vermindertes Selbstwertgefühl.

Unterschiedliche Symptome

Auch bei den Symptomen gibt es eine Altersschichtung: Stehen im Kleinkindalter (bis drei Jahre) Apathie und Spielunlust im Vordergrund, sind es im Vorschulalter dann vor allem Stimmungslabilitäten, mangelnde Fähigkeit, sich zu freuen und eventuell auch aggressives Verhalten. Depressive Schulkinder formulieren erstmals verbal ihre Traurigkeit und können auch schon suizidale Gedanken äußern. Kienbacher: "Bei Suizidgedanken - 'So würde ich es tun' etc. - ist rasches Handeln gefordert. Immerhin begeht in Österreich pro Woche ein Mensch unter 18 Suizid. Das ist zumeist auf Drogen bzw. Depressionen zurückzuführen." In Pubertät und im Jugendalter stehen besonders vermindertes Selbstwertgefühl, Ängste, Konzentrationsmangel und auch starke Schwankungen der Gemütslage über den Tag hinweg ("völlig down in der Früh", aktiv erst ab dem Nachmittag) im Vordergrund.

Therapie: Kinderpsychiatrie als "Mangelfach"

Leichte und mittelschwere Depressionen im Kindes- und Jugendalter können zumeist ambulant behandelt werden, in schweren Fällen sollte eine stationäre Aufnahme erfolgen. Hier gibt es in Österreich laut dem Wiener Experten Christian Kienbacher ein Problem: "Es verfügt die Kindes- und Jugendpsychiatrie nicht über genügend stationäre Betten." 80 bis 120 Jugendliche sind regelmäßig auf Stationen der Erwachsenen-Psychiatrie aufgenommen. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist vom Gesundheitsministerium zum "Mangelfach" erklärt worden, was in den kommenden Jahren zumindest die Ausbildung von zusätzlichen Fachärzten erleichtern sollte.

Probleme bei Medikamentengabe

Das zweite Manko betrifft die Antidepressiva. Sie kommen im Kombination mit der Psychotherapie bei schweren Depressionen zum Einsatz, sollten aber auch nach Abflauen der Symptome mindestens sechs bis neun Monate weiter gegeben werden. Eine Zulassung ab dem achten Lebensjahr (sonst zumeist erst ab 18 Jahren bei besonderen Vorsichtsmaßnahmen bis 25) gibt es in Österreich nur für ein einziges Antidepressivum, einen selektiven Serotonin-Reuptake-Hemmer (SSRI) und sonst nur für ein altes "Trizyklikum" mit erhöhtem Nebenwirkungspotenzial. Sonst werden die Medikamente zumeist "Off Label", also wegen Mangels einer speziellen Zulassung auf Verantwortung des behandelnden Arztes, benutzt.

Der Kinderpsychiater: "Es gibt nur wenige klinische Studien. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Mit der medikamentösen Behandlung muss man langsam beginnen und engmaschig kontrollieren." Es gibt auch Hinweise darauf, dass durch eine erhöhte Stoffwechselrate bei Kindern die für Erwachsene normalerweise vorgesehene Dosierung der Antidepressiva eigentlich zu gering ist.

Weiterhin fraglich ist, was aus einer US-Studie geschlossen werden sollte, welche unter SSRI-Therapie bei Kindern und Jugendlichen in etwas eine Verdopplung der Häufigkeit von Suizidgedanken von zwei auf vier Prozent erbrachte. Das sorgte vor einigen Jahren für weltweite Aufregung. Allerdings, so Kienbacher in Grado: "Eine Untersuchung in Österreich hat bei AHS-Schülern eine Häufigkeit des Auftretens solcher Gedanken von 50 Prozent gezeigt, bei BHS- und HTL-Schülern von 30 Prozent." Dies hätte wohl schon auch mit psychischen Entwicklungsphasen während der Pubertät und im Jugendalter zu tun. Aber vorsichtig sollte man auf jeden Fall sein. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Unter Kindern leiden weniger als drei Prozent an Depressionen, unter den Jugendlichen 0,4 bis 6,4 Prozent.

Share if you care.