Am Samstag wird die 54. Kunstbiennale von Venedig eröffnet. Die künstlerische Leiterin Bice Curiger hat die internationale Ausstellung im Arsenal und im Zentralpavillon unter das Thema "Illuminazioni" gestellt
Vor dem Zeitalter
der Industrialisierung war Venedigs Schiffswerft der größte
Produktionsbetrieb Europas. Seit 1999 ist das Arsenal alle zwei Jahre,
gemeinsam mit dem Zentralpavillon in den Giardini, eine der wichtigsten
Ausstellungsorte für Avantgarde. Auf rund 10.000 Quadratmetern zeigt der
jeweilige Biennale-Kurator der Welt, was er international gesehen von
und für Kunst hält.
Der legendäre Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann etwa nannte seine Biennale-Schau im Jahr 2001 Plateau der Menschheit.
Nun, zehn Jahre später, hat seine Schweizer Landsmännin Bice Curiger 82
Kunstschaffende, darunter 32 Frauen und 32, die jünger als 35 sind, um Illuminazioni
- Erleuchtung, Erhellung - gebeten. Für das gleichermaßen
anspruchsvolle wie aber auch bis zur Beliebigkeit dehn- und plättbare
Thema standen ihr 13 Millionen Euro zur Verfügung, weit mehr als die
Hälfte davon ist, etwa durch Eintrittsgelder, Merchandising und
Sponsoring, selbstverdientes Geld.
Kunst ist ein
offenbar krisensicheres Geschäft und die Biennale dessen Spiegel.
Sammler- und Händleraugen leuchten hell auf, wenn sie Arbeiten ihrer
Künstler in der Ausstellung entdecken, denn das bedeutet eine kräftige
Wertsteigerung.
Die hat der Star
der an prominenten Namen nicht armen internationalen
Biennale-Ausstellung allerdings nicht mehr nötig: Weil sie ihn als einen
der experimentierfreudigsten Künstler Italiens hält, konfrontiert Bice
Curiger die Avantgarde und ihr Publikum mit drei Meisterwerken des
venezianischen Renaissance-Malers Tintoretto (1518-1594):
Ein Versuch, einen
"künstlerischen, emotionalen und historischen Lokalkontext zu Venedig"
herzustellen, sagt Curiger und formuliert ihren kuratorischen Anspruch
mit "Sichtbarmachen und Beleuchten der aktuellen Kunstproduktion".
Und die ist,
jedenfalls nach Ansicht der Ausstellungen in Arsenal und
Zentralpavillon, oft spektakulär wie der riesige Vampirvogel des
Südafrikaners Nicholas Hlobo; mitunter auch nur spekulativ und banal.
Jedenfalls vorwiegend installativ und materialintensiv. Raumgreifend und
-reflektierend wie Monica Bonvicinis anspie(ge)lungsreiche
Stiegen-Welt. Labyrinthisch. Das Abhängen von Kuben ist offenbar nicht
nur im Österreich-Pavillon in.
Mitunter ermüdend
die Biennale-Mode "Video" in allen Längen und Qualitäten. Hart und gut
der Film des Israeli Omer Fast über einen Fliegerangriff auf eine
amerikanische Mittelstandsfamilie. (Sozial)politisch auch die
großartigen Fotoserien des Südafrikaners David Goldblatt, der - selbst
Opfer eines Überfalls - die Geschichten der Täter beleuchtet. Seine
Fotos hängen übrigens im präzis dimensionierten, sternförmigen
Parapavillon der polnischen Künstlerin Monika Sosnowska.
Behausungen für Kunst
Curiger hatte
außer Sosnowska noch Franz West, der morgen, Samstag, mit dem Goldenen
Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird, sowie den Chinesen Song
Dong und den US-Amerikaner Oscar Tuazon um Behausungen für andere
Künstler gebeten. Später kam die international aufgemischte
österreichische Künstlergruppe Gelitin dazu, die im Garten über (in
Venedig streng verbotenem) offenem Feuer Glas schmilzt. Musik macht. Und
Party feiert.
Der
beeindruckendste Parapavillon ist jener Song Dongs gleich beim Eingang
des Arsenals, vielleicht die stärkste Arbeit überhaupt: poetisch und
politisch und autobiografisch. Ein Labyrinth aus hundert Schranktüren
erinnert an die Sitte in China, aus Platzmangel Kästen einfach auf die
Straße zu stellen und so das Private öffentlich zu machen. Das macht
Song Dong auch, indem er sein hundert Jahre altes Elternhaus aus Peking
nach Venedig überstellt hat.
Um Überwindung von Raum und Zeit geht es auch in The Clock
des US-Amerikaners Christian Marklay: Wenn in dieser 24-Stunden-Montage
aus Filmclips eine Uhr im Bild ist, entspricht die darauf zu sehende
der realen Zeit.
Stillere Arbeiten
wie etwa die unsichtbare Malerei des Schweizers Bruno Jakob haben es in
dieser Kunst- und Farb- und Materialüberflutung eher schwer. Das Weiße Lächeln
hat er mit Wasserdampf gemalt. Und natürlich gibt es auch einige wenige
Arbeiten, die das Ausstellungsthema tatsächlich reflektieren, manche
allerdings eher banal. Gelungen hingegen die Installation aus Neonröhren
und Schnüren des Iraners Navid Nuur. Immer wieder schön der Spazio Elastico
des 1993 verstorbenen Italieners Gianni Colombo: ein
Gummischnüre-Labyrinth im dunklen Raum. Immer ein Erlebnis auch James
Turrells Lichträume.
Erhellung? Oder
dann doch doch Erleuchtung? Die Arbeit Maurizio Cattelans ließe auf
Letzteres schließen: In Form hunderter ausgestopfter Tauben wacht der
heilige Geist der Kunst über den Ausstellungsstücken - und den
Besuchern.
Bice Curiger ist eine luftig arrangierte Ausstellung gelungen. Treffender wäre nur, sie hieße schlicht: Her Master's Choice. (Andrea Schurian aus Venedig / DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2011)