Erdogan spielt Atatürk

2. Juni 2011, 18:55
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Auf den Megaplakaten in den türkischen Großstädten ist der Regierungschef in der Pose des Republikgründers zu sehen

Nur noch zehn Tage bis zu den Parlamentswahlen in der Türkei, höchste Zeit, die Kandidaten und deren Plakate zu studieren. Um der Enttäuschung gleich zu vorzubeugen: Besonders viel gibt es nicht zu sehen. Nur die regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) und ihr Hauptgegner, die Republikanische Volkspartei (CHP) werben massiv - Tayyip Erdogan dabei ungefähr zweimal mehr als sein Herausforderer Kemal Kilicdaroglu. Die anderen fahren das Konterfei ihrer Parteichefs mit dem Minibus durch die Gegend.

Eine wirkliche Neuerung bei dieser Wahl, die sonst als die voraussehbarste seit Jahrzehnten gilt, gibt es: Erdogan spielt Atatürk. Auf den Megaplakaten in den türkischen Großstädten ist der Regierungschef in der Pose des Republikgründers zu sehen - ein wenig Retro und in Sepa, das Haar besonders flach am Kopf gelegt, der typische Schnauzer des konservativ-muslimischen Türken aufgehellt und so kaum erkennbar. Weit mehr westlicher Modernisierungs-General aus den 30er-Jahren als Bezwinger des kemalistischen Establishments seit 2002.

Erdogans Slogan lautet "Istikrar sürsün", etwa "Weiter Stabilität" oder wörtlicher "Die Stabilität/das Erreichte soll fortdauern". Garniert wird das mit der Formel "Hedef 2023", dem "Ziel 2023", 100 Jahre nach der Republikgründung - auch dies natürlich der Verweis auf die gesuchte gemeinsame Linie mit Kemal Atatürk. "Hedef 2023" ist ein gigantisches Bau- und Leistungsprogramm, das die Türkei in die Top Ten der weltgrößten Volkswirtschaften schieben soll. Der angekündigte Kanal, parallel zum Bosporus, gehört dazu.

Die andere Plakatserie zeigt Erdogan im hellen Hemd ohne Krawatte, ein Mann de Volkes, den Blick irgendwo in die Zukunft gerichtet (noch eine dritte Amtszeit als Premier, dann das Präsidentenamt...), wobei es vor allem seit den letzten Tagen Versprechen regnet: zehn neue Hochgeschwindigkeitszüge, "unsere" selbst produzierten Autos, Flugzeuge, jedem Schüler ein "elektronisches Buch" (gut für Kindle & Co.). Erdogan steht eher immer rechts im Bild, Kilicdaroglu, der seine Partei auf Sozialdemokratie trimmen will, eher immer links.

Beim CHP-Vorsitzenden ist auch in der Paintbox gerührt worden: Sein Porträt erscheint in satten frischen Farben, oft mit Blautönen im Hintergrund. Dazu auch der Slogan: "Türkiye rahat bir nefes alacak", in etwa "Neuer Atem für die Türkei" oder "Die Türkei holt neuen Atem". Es soll den Wunsch der Wähler nach weniger Konfrontation ansprechen, ein Ende des Kampfs gegen die Institution der Armee und der Justiz, des nervenden Verdachts der islamistischen Agenda der AKP, ein Versprechen für Pause und Neubeginn.
Kilicdaroglu trägt, wie man sieht, auch einen ordentlich großen Schnauzer, was entweder zeigt, dass die weiter oben genannte Charakteristik vom konservativ-muslimischen Türken Umstände halber erweitert werden muss (türkische Männer tragen gern Schnauzer und jeder Konservative hat einen), oder aber unterstreicht, wie sehr der CHP-Vorsitzende um die Wähler der rechten Mitte buhlt. Oder beides.

Von den Kandidaten der anderen Parteien ist an Hochhäusern und Plakatwänden praktisch nichts zu sehen. Die Kommunisten und das Bündnis der Kurdenpartei picken in Istanbul ihre Poster meterlang an den Zugängen zu U-Bahnen und Schiffsanlegestellen. Die rechtsnationalistische MHP und die Religiösen der Saadet-Partei und der von ihr abgesplitterten HAS-Partei fahren eher in den Straßen mit Wahlkampfwagen spazieren. Und jetzt zum mutmaßlichen Ergebnis: allen Umfragen zufolge nach wie vor 45 bis 50 % für die AKP, 25 bis 30 für die CHP, zehn bis zwölf für die MHP...

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