Protektorat im Dornröschenschlaf

2. Juni 2011, 18:10

In der Republika Srpska wird es vorerst kein Referendum geben – die Apathie bleibt - Analyse

Die gute Nachricht ist: Bosnien ist nicht in sich zusammengestürzt. Die schlechte: Der Gesamtstaat ist so erschütterbar wie zuvor. Am Mittwoch hat das Parlament der Republika Srpska (RS), des serbisch dominierten Landesteils von Bosnien, das Referendum über die gesamtstaatliche Justiz, dass sich der Präsident der RS, Milorad Dodik ausgedacht hatte, abgeblasen. Nicht nur im bosniakisch-kroatischen Landesteil hatte man das Referendum als Frontalangriff auf den Gesamtstaat angesehen, auch in Brüssel befürchtete man bereits den Anfang vom Ende des Balkan-Staates, in dem Bosniaken, Serben und Kroaten seit Ende des Kriegs 1995 nebeneinander leben.

Mitte Mai flog dann EU-Außenministerin Catherine Ashton dann nach Banja Luka, um Dodik zum Einlenken zu bewegen. Ashton sagte ihm als „Zuckerl" einen „Dialog über die Justiz" zu, der kommende Woche beginnen soll. Das ist ein bisschen so, als würde man das Kapitel 23 des EU-Vertrags bereits jetzt verhandeln. Die Krise ist also vertagt, aber der Plot des bosnischen Dramas bleibt derselbe: Die Bosniaken wünschen sich einen stärkeren Gesamtstaat, der allerdings die RS schwächen würde. Dodik spielt den Verteidiger der Serben, die die Bevormundung durch Sarajevo fürchten und stellt selbst Sezessions-Drohungen in den Raum. Dann treten die „Internationals" auf die Bühne und versuchen die Situation zu beruhigen.

Der Grund dafür, dass dieses Theaterstück immer wieder aufgeführt wird ist, dass eigentlich niemand mit dem bosnischen Staat zufrieden ist: Weder die drei großen Volksgruppen, noch die Minderheiten, die multiethnischen Familien oder die Internationale Gemeinschaft. Man könnte Bosnien mit einem Schloss mit Konstruktionsfehlern vergleichen. Die Bewohner dieses Schlosses wissen aber nicht, wie man es umbauen oder renovieren soll, weil sie sich nicht einigen können, wie es danach ausschauen soll.

Srecko Latal von der International Crisis Group (ICG), glaubt, dass die Sicht der Internationalen Gemeinschaft, wie der bosnische Staat gestaltet sein sollte, dem nationalen und zivilen Konzept der Bosniaken zu nahe steht, während die kroatischen und die serbischen Parteien dieses Konzept aber nicht akzeptieren. „Die Bosnier haben die Internationale Gemeinschaft in den lokalen Treibsand getrieben", analysiert er. Tatsächlich gibt es in Bosnien niemanden, der bei allen Gruppen über politische und moralische Autorität verfügt.

Der Hohe Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft (OHR), Valentin Inzko spielte bei der letzten Krisenintervention keine öffentliche Rolle. Den Deal zwischen Dodik und der EU, fädelte der Direktor für den Westbalkan im EU-Außenamt, Miroslav Lajcak ein. Lajcak kennt Dodik gut, weil er selbst mal OHR war. Eine führende Funktion soll ab September der Europäische Sonderbeauftragte (EUSR), Peter Sörensen einnehmen, der gleichzeitig die EU-Delegation in Sarajevo leiten wird.

Doch viele Bosnier glauben nicht mehr, dass die EU jenen Prinz spielen kann, der die Rosenhecke zerschlägt, die sie alle gefangen hält. Selbst bei Internationals in Sarajevo herrscht Skepsis. „Wir tun so, als würden wir sie integrieren und sie tun so, als würden sie Reformen machen", ist da zu hören. Als kürzlich das Stück „Evropa Danas" (Europa heute) mit der Band Laibach in Sarajevo gastierte, hingen in der Stadt Plakate mit einem Mann in Naziuniform, der statt einer Hakenkreuz- eine EU-Flagge trägt. Die Vorstellungen waren ausverkauft. Regisseur Haris Pasovic meinte, dass ihm noch kein einziger Politiker erklären konnte, weshalb Bosnien Mitglied einer EU werden sollte, in der Griechenland, Irland und Portugal bankrott gehen und in der Ungarn Mediengesetze macht, die an die Diktatur erinnern.

Die Mission in Bosnien ist seit Jahren umstritten. „Die Internationale Gemeinschaft scheitert mit ihrem Mikro-Management in Bosnien-Herzegowina, wie auch im Irak und in Afghanistan", sagt Latal. Sie sollte sich endlich nicht mehr in die Tagespolitik einmischen und die Problemlösung den lokalen Politikern überlassen. Nur wenn dies geschehe, würden die Bürger ihre Politiker irgendwann zur Verantwortung ziehen. Auch Sabina Wölkner, Leiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Sarajevo, betont, dass viele bosnische Politiker sich daran gewöhnt haben, schwierige Entscheidungen am Ende dem OHR zu überlassen. Die Forderung nach dem Ende des Protektorats, einem Abzug der „Internationals", ist alt.

Allerdings befürchten diese, dass dann der Staat wirklich zerfällt oder Gewalt ausbricht. Und auch Dodik braucht die Internationals, um sie ab und zu in Schrecken zu versetzen, indem er Sezessions-Szenarien entwirft oder den Genozid in Srebrenica leugnet. Je mehr er provoziert, desto erfolgreicher ist er. Durch den Ashton-Besuch, konnte er sich jedenfalls einmal mehr als wichtigster Politiker Bosniens und Partner der EU darstellen.
Dodiks Politik liegt in der Logik des Systems. Die RS hat als Produkt des Kriegs eine schlechte Reputation und versteht sich als „verhinderter Staat", der nicht sein darf, weil er zu Bosnien gehören muss. Zudem bekommt Dodik Schützenhilfe aus Serbien. Belgrad betont zwar die Integrität Bosniens, gleichzeitig befürwortete Außenminister Vuk Jeremic aber das Referendum. 

Viele Bosnier sind 16 Jahre nach dem Krieg in dem gelähmten Staat mit zwei Landesteilen, zehn Kantonen und 13 Regierungen in eine Art Dornröschenschlaf versunken. Solange man aber nicht wirklich auf den Prinzen hofft, lebt es sich hier aber gar nicht so schlecht. Der ethnische Proporz bietet vielen Menschen sichere Jobs und wenig Konkurrenz. In Sarajevo sind die Kaffeehäuser voll. Die Verwaltung funktioniert. Der Müll wird weggebracht, die Post kommt an, man weiß, wann man die Polizei zu schmieren hat. Der Klientelismus untergräbt allerdings die Entwicklung jeglichen Bürgersinns. "Viele Parteien verlassen sich auf ihre Stammwähler, um wiedergewählt zu werden. Diese Rechnung ging bisher auf", erklärt Wölkner. "Insgesamt gab es kaum politischen Wandel, da viele vom Status quo profitieren ", sagt sie.

Obwohl Bosnien seit der Parlamentswahl im Oktober vergangenen Jahres keine Regierung hat, ist niemand ernsthaft beunruhigt. An einer Koalition, an der sich praktisch alle maßgeblichen Parteien beteiligen, wird offiziell gebastelt. Doch die Hürden sind groß. Die kroatischen Parteien HDZ und HDZ 1990, die in der Regierung der Föderation, dem größeren Landesteil, jetzt nicht mehr vertreten sind, haben aus Protest eine eigene Nationalversammlung gegründet und plädieren für eine eigene kroatische Entität. Der Knackpunkt: Sie erheben den Alleinvertretungsanspruch für die bosnischen Kroaten, was die multiethnischen Sozialdemokraten nicht akzeptieren wollen.

„Es gibt hier keine Kompromisskultur. Es gilt nur gewinnen oder verlieren", sagt Latal. Man müsse eine Verbindung zwischen den Politikern und den Wählern schaffen. Das hieße, dass die Bürger die Politiker dazu zwingen, zusammenzuarbeiten, um wenigstens den Denkmalschutz für das bröckelnde Gebäude zu übernehmen. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo/Langfassung des in DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2011, erschienenen Textes)

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Proconsul
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Vielleicht hilft ja

ein Bürgerkrieg??

Said Green
 
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Der nationalistische, teils menschenverachtende Mist, der hier verzapft wird, ist mehr als widerlich. Er ist es der Bosnien so sehr schadet, nicht etwa eine der drei großen Volksgruppen, oder gar deren Religion. Diese werden nur missbraucht um Umsiedelung, Vertreibung oder gar Krieg ein weiteres mal zu rechtfertigen, sogar hier.

Waach Birn
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14.7.2011, 15:38
Tja aber genau der sitzt bei allen 3 Gruppen ganz tief

„Es gibt hier keine Kompromisskultur. Es gilt nur gewinnen oder verlieren"
Es wird sich nichts ändern solange keiner die multiethnischen Parteien wählt aber das passiert nie und nimmer....

Aca Rankovic
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Klingt nach einer Sackgasse. Die Frage ist: steigt man über die Mauer rüber oder schlägt man sie ein?

AMKO
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den Traum von Großserbien geben Sie wohl nie auf!?

Vojvodina, Sandzak usw sind die nächsten Teilrepubliken Serbiens, glaube mehr brauchen die eh nicht :)

Ž. Ristic
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10.6.2011, 11:06

Warum sich Vojvodina abspalten sollte, werden vermutlich nur Sie wissen. Und bevor sich die Raska oblast abspaltet, oder wie die Türken sagen Sandzak, wird Zukorlic und seine Scharia-Freunde schneller in Sarajevo sein, als er Allah akber sagen kann.

Said Green
 
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Behalten Sie ihre menschenverachtenden Gedanken für sich!

Raptor Jesus
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Das ist ein fieser Plot der Serben um sich bei der nächsten ESC mehr Punkte zu sichern!!!

das ist fix
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Eigentlich muss man über den Dornröschenschlaf froh sein.

der erleuchtete
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bosnien sollte endlich von der eu aufgelöst werden

die kroaten sollen sich an kroatien, die serben an serbien anschliessen... die moslemischen bosnier können ja als rest-rumpf österreichisches mandatsgebiet werden...(so wie vor 1914:))...
auch die kosovaren sollten endlich sich mit albanien vereinigen können/dürfen.
gleich wären ein paar ewige konfliktherde ein bisserl ruhiger, die eu/nato könnt weniger kriegs-manöver vom zaun brechen und wir alle ein paar milliarden euro sparen

Said Green
 
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Wären die Gebiete so eindeutig abtrennbar, wie Sie sich das vorstellen und wären Mehrheitsbevölkerungen nicht vielfach durch Genozide und Vertreibung geschaffen worden, könnte man ihrem Vorschlag zustimmen. Nur so ist es nunmal nicht.

AMKO
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mit den heutigen Grenzen, lieber als zur "Großserbien" zu gehören

Pierre d´Aubusson
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Nix da: waren sich Katholiken und Moslems in Bosnien einig (und sei es nur gegen die Orthodoxen), so werden sich die Katholischen auch weiterhin mit ihren Freunden abfinden müssen.....

Peixe venenoso
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Man könnte Bosnien mit einem Schloss mit Konstruktionsfehlern vergleichen

pflegt eine blumige sprache die liebe adelheid.
die kleinen konstruktionfehler wie keller ist am dach, das dach an der seite und die kueche im freien werden sich wohl kaum beheben lassen. schon gar nicht mit dem unfaehigen inzko.
wann wird diese totgeburt endlich zu grabe getragen? (ich kann's auch blumig, oder). Haette von anfang an aufgeteilt gehoert. sr zu serbien und der rest mit autonomem gebiet der bosniaken zu kroatien.

chilly76
 
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schluss mit der bosnischen zwangsehe

gibt den völkern ihre freiheit und unabhängigkeiten...wie lange soll dieses zwangseheexperiment noch zum leid der bürger andauern....gegenseitige liebe kann man nicht erzwingen... man muss sie sich verdienen .... das die eu politiker das im 21jahrhundert nicht kapieren ist sehr besorgnisseregend.

free srpska

AMKO
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Free Srpska ???

die Srpska ist mit Hilfe von Mladic, Raradzic usw. erschlichen worden. Die zwei wird man noch verurteilen, somit verurteilt man auch die RS - somit wird man eines Tages die RS auflösen..... :)

lala
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11.6.2011, 07:05

Ach ja dann müssen wir ja kroatien auch eines Tages auflösen!dort ist die Oluja ja vom Haager Tribunal als Kriegsverbrechen verurteilt worden!

chilly76
 
23
die republika srpska

ist der wille des volkes (milan dragan jovana milena usw) ...und der wille ist nicht erschlichen worden sondern erkämpft worden und auf dem daytoner papier festgeschrieben.... mit blut bezahlt .... und karadzic oder mladic hin oder her... das volk wird die rs nie so mir nichts dir nichts aufgeben... vergesst das nicht bevor ihr einen nächsten krieg wieder auslöst. und das serbische volk deswegen wieder zur rache schreitet.

AMKO
20

Wille der Serben war es in Armut zu leben? Den Untersiched merk man schon in RS im Vergleich zur Föderation.
Vom Hirten Dodik geführt zu werden, welcher nur im persönlichen Interesse handelt?

PS: wie gewonnen so zerronnen

Sepp Kant
02
Liebe Redaktion

Wäre es möglich, den Beitrag auf Grammatik und Interpunktion Korrektur zu lesen? Das wäre nämlich angesichts der, Beistrichfehler, notwendig!

Anthropoliticus
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Warum Bosnien?

Es ergibt einfach keinen Sinn Volksgruppen, die sich nicht moegen in einen Voelkerkerker einzusperren. Erlaubt den Kroaten und Serben endlich den Anschluss an ihre jeweiligen Nationalstaaten.

LGA

nanana
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weil man ungern Staaten anerkennt, deren Grenzen durch Gewalt und ethnische Säuberungen gezogen wurden, um keine Präzedenzfälle zu schaffen? Slowenien, Kroatien etc. waren konstituierende Teilrepubliken, Kosovo immerhin autonome Provinz...

Severino di Giovanni
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...

Das Problem ist, dass ein Rumpfstaat für die Mulime nicht lebensfähig wäre.
Außerdem denke ich, dass gar nicht viel Unterschied zwischen Kroaten, Serben und Bosniern ist. Sie essen das selbe, schauen sich die selben Filme im TV oder Kino an, lesen die gleichen Bücher, sprechen die gleiche Sprache.....nur haben sie unterschiedliche religiöse Traditionen. Solange die Leute keine Perspektiven haben, bleibt ihnen nix anderes als der blöde Nationalismus.

AMKO
41

die Menschan hatten vor dem Krieg Perspektiven, trotzdem ist es zum Kreig gekommen. Der serbische Nationalismus ist es, und nicht die Perspektivlosigkeit!!!

chilly76
 
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der bosniakische hegemonismus ist der superdünger für den serbischen nationalismus

deshalb muss man die serben von den bosniakischen hegemonismus bewahren damit es nicht nochmal zum krieg kommt.
(ihr könnt nicht den serben vorschreiben was sie zu sein haben... wie sie zu leben haben was sie zu lernen haben und wie sie sich nennen dürfen... erst wenn ihr das begreift wird die kriegsgefahr in bosnien schwinden)

free srpska

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