"Was ist unsere Stimme überhaupt wert?"

2. Juni 2011, 17:54

Portugal wählt eine neue Regierung, diese hat aber keinen Handlungsspielraum

Lissabon - Der portugiesische Schriftsteller José Luis Peixoto und der Dramaturg Miguel Castro Caldas bringen es auf den Punkt: "Was ist unsere Stimme am 5. Juni überhaupt wert in einer Situation, in der das ‚Pferd der Troika‘ den Galopp vorgibt?" Noch deutlicher spricht der Poet Vasco Graça Moura: "Ist unsere Zukunft nicht längst schon vom Internationalen Währungsfonds definiert?"

Am Sonntag wählen über neun Millionen Portugiesen Parlament und Regierung, doch entschieden wird nichts. Das Programm der nächsten Jahre ist längst in einem Memorandum festgelegt, das die Troika angesichts eines drohenden Staatsbankrotts mit EU-Kommission und IWF unterzeichnete. Die Troika besteht aus den regierenden Sozialisten (PS) von José Sócrates, den konservativen Sozialdemokraten (PSD) von Herausforderer Pedro Passos Coelho sowie der rechten CDS-PP.

Portugal, das ärmste westeuropäische Land, blickte Ende 2010 auf Schulden von über 90 Prozent des BIP und auf ein Defizit von 9,1 Prozent. Anfang April flüchtete Lissabon unter den Euro-Rettungsschirm: 78 Milliarden Euro werden EU und IWF aufbringen.

Minderheitspremier Sócrates hatte drei Sparprogramme vorgelegt, um der Lage alleine Herr zu werden. Jedes Mal stuften die Ratingagenturen sein Land weiter ab. Die Zinsen fraßen die Ersparnisse auf. Letztlich scheiterte Sócrates Ende März an einem vierten Kürzungsvorhaben und rief vorgezogene Neuwahlen aus. Der Gang nach Brüssel und Washington wurde unumgänglich.

Der Sparstift regiert

Ein Blick in das Memorandum zeigt: Die Hilfe kommt die Portugiesen teuer zu stehen. Um das Defizit bis 2013 auf drei Prozent zu senken, wird überall noch einmal gespart, im öffentlichen Dienst, bei den Pensionen, im Bildungs- und Gesundheitswesen. Die Verbrauchersteuern werden angehoben, der Arbeitsmarkt weiter flexibilisiert. Infrastrukturprojekte werden verschoben, die Förderung für erneuerbare Energien heruntergefahren. Die Wirtschaft wird stagnieren, die Arbeitslosigkeit, die derzeit bei 12,4 Prozent liegt, wohl weiter steigen.

Umfragen sprechen von einem Patt: PS und PSD liegen beide bei etwa 33 Prozent. Im Wahlkampf drehte sich alles um Schuldzuweisungen und emotionsgeladene Themen wie das Recht auf Abtreibung. Damit sollen die Wähler aus ihrer Lethargie gerissen werden.

Egal wer gewinnt, alleine wird niemand regieren können: Entweder PS und PSD raufen sich wider Erwarten zu einer großen Koalition zusammen, oder die PSD regiert mit der rechten CDS-PP.

Diejenigen, die in den nächsten Jahren die eigentlichen Geschäfte führen, sind schon da: Bereits am Montag traf eine Kommission des IWF in Lissabon ein. (Reiner Wandler/DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2011)

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16 Postings
Dietrich v. Fürstenberg
20
Gut so.

Wer wie Griechen oder Portugiesen nach Jahren, besser fast schon Jahrzehnten nicht begriffen hat, was jede kleine Hausfrau weiß - nämlich dass man auf Dauer nicht mehr ausgeben kann als man einnimmt - der hats verdient, dass irgendwann diejenigen die Macht übernehmen, die den ganzen Spaß jahrelang finanziert haben.

Thyristor
01

Fürstenbergsche Hausfrauen- bzw. Milchmädchenökonomie eben.

Frage, nur so zum Draufrumbrüten, obwohl auch dabei wohl wieder ein naiver Milchmädchen-Käse herauskommen wird:

Warum nur haben die das "finanziert"? Was in aller Welt könnte dafür bloß der Grund gewesen sein? Schwierig, schwierig, und mit der Milchmädchen-Ökonomie irgendwie gar nicht recht erklärbar.

p c2
00
"Ist unsere Zukunft nicht längst schon vom Internationalen Währungsfonds definiert?"

genau.

andererseits macht man es sich mit solchen aussagen nichts weiter als das was man bisher gemacht. nämlich zugeschauen wie die eigenen bürokraten den laden verkaufen haben.

selbstverständlich gibt es einen weg da raus.

aber der ist schmerzhaft und würde ein paar jahre dauern, vermutlich sogar ein paar leichen kosten.

dennoch besser als mit offenen augen zum metzger zu wandern.

Filicijo
00
"Was ist unsere Stimme überhaupt wert?"

In Ö auch nichts.

der elch mit dem kelch
00
Ganz Ihrer Meinung

Abstimmung, Demokratie - auch so Ideen, die den Leuten erfolgreich in den Kopf gesetzt wurden - von wem auch immer. Und die Leute glauben daran - an die Freiheit durch Demokratie? Freiheit - höchstens die "Freiheit zwischen Angebot und Nachfrage" (G. Polt)

Demokratie - "Ist das nicht das, wo man einmal die Wahl hat und nachher nie wieder?"

broncoo
03
Tut mir leid für die Portugiesen (und Griechen) ...

... zumindest für die, die nix dafür können.

Aber tröstet Euch: Meine Stimme is auch nix wert. Bei uns wird auch "Sparen, sparen, sparen" gepredigt und dann wird im Panhans konferiert und residiert, als gäb's im Bundeskanzleramt od. im Parlament kein Räume die groß genug sind, um sich drinnen über das zu unterhalten, was sich ein paar Beamte eh schon vorher ausgeschnapst haben, daß die g'scheiten Herren bei den Pressekonferenzen was zu erzählen haben.

eknaD
00

wenn die Regierungen nichts mehr entscheiden, dann kann es sein, dass woanders entschieden wird.

kann sein, muss nicht sein.
zumindest auf alle Fälle nicht uninteressant, und wenn es nur darum geht wer die Kosten für die Sicherheit (in Griechenland war zb. die Marine eingebunden) übernimmt.
http://bilderberg-transparency.org/

Loggo
00
Und unser ...

... Bundeskanzler ist als Privatperson dabei.

Schoen, dass sich ein Volksvertreter mit einflussreichen Personen aus Politik und Wirtschaft als Privatperson trifft und sich dort ueber zB Weinvorlieben unterhaelt. Oder wird vielleicht doch etwas besprochen, was die Bevoelkerung auch betreffen koennte?
Man weiss es nicht...

Und das ist jetzt keine Verschwoerungstheorie - eher eine Frage der schlechten Optik.

eknaD
00

danke Reiner Wandler,
erschütternd beschrieben.

Kiste
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Wahrscheinlich sind die Politiker grottenschlecht und verloren sich in parteipolitischem Hickhack statt die Interessen des Landes im Auge zu behalten und eine weitsichitge Politik zu machen. Dass die Ostöffnung der EU und die Verlagerung des Billiglohnsektors nach Asien verschlafen wurden, ist auch ein Faktum. Das Schulöwesen ist grottenschlecht, die Lehrergewerkschaft hat kürzlich erst eine Überprüfung der Qualifilation der Lehrer verhindert. Nur der EU die Schuld zu geben ist schon ziemlich billig.

der schwitzbär der schwitzt sehr
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Der Euro war eine ganz SUPER IDEE !

jetzt bitte noch eine Gemeinsame Außenpolitik (GASP) und europaweit einheitliche Sozialstandards

Ihr braucht wohl dringend 20 Millionen Demonstranten nächsten Sommer da oben in Brüssel ?

Horst Holzinger
07
Die EU wird mehr und mehr

zu einer faschistoiden Struktur, in der ungenannte und kaum bekannte Institutionen die Macht übernommen haben. Das erinnert an irgendwelche utopische Thriller der Vergangenheit, nur sind schon mittendrin.

Beängstigend.

hixposon
01

Ihre utopischen Thriller aus der Vergangenheit waren dazu da, um sie genau darauf vorzubereiten.

EUphoriker
00
Wurscht wer gewinnt

am Ende regiert Barroso (PSD)

Bertel Mann
07
Und so geht die Demokratie in der EU endgültig vor die Hunde

Aber Hauptsache, die Roaminggebühren verschwinden.

Regis 1
00
Aber Hauptsache, die Roaminggebühren verschwinden.

tja, das sind halt so die prioriäten ...

:-(

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