Praktikanten: Motiviert, unterbezahlt, angepasst

2. Juni 2011, 17:42

Praktikanten werden oft wie normale Arbeitskräfte eingesetzt - aber nicht entsprechend bezahlt, zeigt eine bisher nicht veröffentlichte Studie

Wien - Gibt es sie oder gibt es sie nicht: die Generation Praktikum? Laut einer vom Wissenschaftsministerium in Auftrag gegebenen Studie, die vor zwei Wochen präsentiert wurde, ist sie ein Mythos. Demnach sind Hochschulabsolventen nur kurz auf Arbeitssuche und beim ersten Job zu fast zwei Drittel unbefristet beschäftigt.

Ein weniger rosiges Bild zeichnet eine andere Studie, die das Sozialministerium beim Institut Forba in Auftrag gab. Sie wurde vom Ministerium zwar nicht veröffentlicht, liegt dem STANDARD aber vor. Es geht dabei weniger um die Frage, wie lange Absolventen auf Jobsuche sind, als darum, welche praktischen Probleme es mit Praktika gibt. Eine zentrale Aussage ist: Es besteht häufig eine große Diskrepanz zwischen tatsächlich geleisteter Arbeit, sozialrechtlicher Absicherung und Bezahlung. Praktikanten werden demnach oft als "günstige, hoch motivierte und qualifizierte Arbeitskräfte eingesetzt, und dies zugleich in Form einer Umgehung regulärer Beschäftigungsverhältnisse mit adäquater Entlohnung bzw. sogar als Ersatz regulär beschäftigter Erwerbstätiger".

Das größte Problem mit unfairer Entlohnung gibt es bei Praktika nach dem Abschluss, etwas besser ist die Situation bei Pflichtpraktika (vor allem bei Schülern). Besonders betroffen seien einige "Problembranchen" wie "der Sozial- und Gesundheitsbereich, Architektur, zivilgesellschaftliche NGOs, die Kultur- und Verlagsbranche, PR- und Werbeagenturen sowie teilweise der Medienbereich".

Da die jungen Arbeitskräfte auf spätere Beschäftigung hoffen, werden "wahrgenommene Missstände von den PraktikantInnen nur in Ausnahmefällen angesprochen, geschweige denn gerichtlich bekämpft", schreiben die Autoren weiters.

In der Studie sind auch einige Reformvorschläge enthalten. So wird angeregt, "Gütesiegel-" oder "Watchdog-Initiativen" zu forcieren, um gute Anbieter von Praktika hervorzuheben und "schwarze Schafe" anzuprangern. Weiters brauche es bessere Info- und Beratungsangebote. Arbeitsmarktpolitische Unterstützungen wie zeitlich begrenzte Jungakademikerförderungen werden ebenfalls erwähnt, wobei aber betont wird, dass Akademiker in Summe am Arbeitsmarkt noch immer als "privilegiert" einzustufen sind.

Da der Ausbildungsaspekt bei den meisten Praktika viel zu kurz kommt, sollte laut Studie auch eine Neuregelung der rechtlichen Rahmenbedingungen diskutiert werden. So könne man den Status als Ausbildungsverhältnis überhaupt abschaffen und stattdessen das dänische Modell einführen, demzufolge Praktika nur als befristete Arbeitsverhältnisse möglich sind. Praktikanten müssten dann - je nach Kollektivvertrag - auf dem Einstiegsniveau regulärer Beschäftigter oder auf Lehrlingsniveau bezahlt werden.

Eine andere Variante wäre, den rechtlichen Rahmen überhaupt dem Lehrlingsstatus anzunähern. Demzufolge müssten dann konkrete Ausbildungskriterien für die Praktika definiert werden. Die Gefahr, die aber bei allzu starken gesetzlichen Änderungen bestehe: Betriebe könnten weniger Plätze anbieten oder in Ausweichkonstruktionen (Werkverträge, Scheinselbstständigkeit) flüchten.

Um die Position von Studenten bei Pflichtpraktika zu stärken, können sich die Autoren die Einbeziehung der Hochschulen in die Praktikumsverträge vorstellen.

Rechtlicher Graubereich

Birgit Schatz, Arbeitnehmersprecherin der Grünen, fordert angesichts der Studie ein Praktikantengesetz. "Die aktuelle Gesetzeslage lässt Praktika in einem rechtlichen Graubereich stattfinden - eine unerfreuliche Situation." Schatz: "So kann der Ausbeutung von jungen, hochqualifizierten und hochmotivierten Menschen entgegengewirkt werden. Prinzipiell sind für mich Praktika nur als solche akzeptabel, wenn sie im Rahmen einer Ausbildung stattfinden."(Günther Oswald, DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2011)

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lisbethifair
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Fachausbildung Klinische PsychologIn/GesundheitspsychologIn

Leider ist es auch bei der postgraduellen Ausbildung zur Klinischen PsychologIn und GesundheitspsychologIn so, dass die Praxisstunden meist, fälschlicherweise, als Praktikum bezeichnet und dann auch als solches entlohnt bzw. besser gesagt nicht oder mit einem "Taschengeld" entlohnt werden. Von diesem kann man nicht leben, die postgraduelle Fachausbildung ist somit auch sozial selektiv! Meistens wird im Rahmen der Praxisstunden selbstständig systemerhaltende Tätigkeit verrichtet, die auch angemessen bezahlt werden sollte!!
Um eine Regelung bzgl. der Bezahlung und der Qualitätskriterien in der Fachausbildung zu erreichen wurde der Verein iFAIR gegründet. Wir freuen uns über Unterstützung!! www.ifair.at

polytropolis
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Und was ist mit den Praktikanten im Gastgewerbe?
Volle Leistung für wenig Geld... damit unsere Hotelerie im Sommer normale Dienstnehmer einsparen kann!

gerneleserIn
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vielen dank für diese meldung! schüler von tourismusschulen müssen jeden sommer ein pflichtpraktikum absolvieren u sind dabei oft der willkür der arbeitgeber ausgesetzt. sicher gibt es viele, die die praktikantInnen gut behandeln, aber auch sehr viele schwarze schafe - überstunden, nachtarbeit, wochenendarbeit - das ganze gastgewerbelied. meist wird 40 stunden gearbeitet und eingesetzt wie die ausgelernten (vor allem wenn der praktikant schon volljährig ist) aber bezahlt wird praktikantengeld. ich kann mich noch gut an ein praktikum in der innenstadt von salzburg erinnern - durchschnittsarbeitszeit/tag 12 Stunden. lohn/monat rund 5000 Schilling. keine extras, keine trinkgeldbeteiligung. kein danke.

wondering_Daughter
 
05
(selber Schuld) oder warum lassen wir es so weit kommen?

Bei so vielen unterbezahlten Praktika frage ich mich wie es dazu kommt und wovor wir eigentlich als Absolventen eines Studiums Angst haben? Haben wir nicht gelernt kritisch zu denken, uns durchzusetzen? Die Antwort ist: Anscheinend nicht. Dabei ist "Nein" sagen die einzige Lösung für dieses Problem, denn wenn niemand mehr die unterbezahlten Praktika macht sind die Arbeitgeber gezwungen mehr zu bezahlen. Man nennt das auch Zivilcourage - Wer ein völlig unterbezahltes Praktikum annimmt schadet sich nicht nur selber sondern auch anderen. Jammern nützt hier nichts und auch keine ewigen Diskussionen, nur Taten. Sprecht zu was euch zusteht auch mit dem Risiko abgelehnt zu werden. Unterbezahlte Praktika finden sich genug, was gibt's zu verlieren?

merlot46
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Ich kann Ihnen nur vollinhaltlich zustimmen. Bereits in der Frage der Praktika beginnt die solidarische Haltung gegen sich selbst und gegenüber anderen Mitbewerbern am Arbeitsmarkt und setzt sich bis zum Ausscheiden aus der Arbeitswelt fort. Die entscheidende Haltung sollte nicht sein "wenn ich es nicht mache macht es ein anderer" sondern "wenn ich diese Bedingungen nicht akzeptiere fehlt eine wesentliche Kraft am Markt". Wenn viele so denken wird es eng für die Anbieter solch schlechter Jobs und der Druck dreht sich um. Denn irgendjemand muss ja die Arbeit machen. Die Frage ist nur, wird die Arbeit schlecht bezahlt oder angemessen.

B JK
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Zu verlieren gibt es zu einem eine interessante Erfahrung aus der man auch viel lernt und die Möglichkeit einen Job zu finden. Ohne Praktika ist es heute nach dem überwiegenden Teil der Studien kaum noch möglich einen adäquaten Job zu finden.

kuserutzky
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rotten-carrot-awards

eine watchdog-initiative ist gerade dabei, ihre pforten zu öffnen: die rotten-carrot-awards, faule karotten für firmen, politiker, einrichtungen, die einen besonderen beitrag zur prekarisierung der arbeits- und lebensverhältnisse leisten. alle sind eingeladen, nominierungen vorzuschlagen. eine kategorie namens "böse praktika" gibt es natürlich auch.... mehr unter :
www.rotten-carrot-awards.at

Auge des Osiris
01

Es geht hier auch um 1 - 2 monatige Praktika. Einlernen?

Es geht um Schüler und im Studium befindliche Studenten - nicht abgeschlossene Akademiker. Hochqualifiziert und hochmotiviert?

Die Idee, dass ein Praktikant den Job annimmt, um etwas für sein Leben zu lernen und nicht eher dringend das Geld braucht um leben zu können, ist bei genauerer Überlegung wohl nur auf einen kleinen Prozentsatz anwendbar.

Da werden leider Äpfel mit Birnen verglichen, um letztlich einige reguläre Arbeitnehmer mit vollen Sozialausgaben zu bekommen. Arbeitsleistung, -erfahrung und Loyalität werden dadurch nicht erschaffen. Die Unternehmen werden es schlucken und die Preise für die Produkte erhöhen. Und wer wird das dann bezahlen?

Objektiv_Subjektiv
03

Leider weiss man heutzutage auch nicht mehr ob man mit einem Titel das verlorene Geld je zurückbekommt

Flip
04

Ich weiß es: Man bekommt es nicht zurück. Studieren lohnt sich einfach nicht mehr, zu viele Ja und Amen Sager bei 1000EUR brutto.

RS69
 
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Wären da nicht auch die Nicht-nur-ja-und-amen-Sager mit 10.000EUR Brutto. für die hat sich's dann doch gelohnt.

Für die mit der Hlfte denk ich auch.

Und auch mit weniger ist es nicht schlecht, eine intelektuell anpruchsvollere Tätigkeit zu haben.

Flip
10

PS.: Auslandsaufenthalte (max 1 Monat) werden nur noch streng nach Kollektivvertrag bezahlt, also Taggelder und das wars. Probleme damit? Dann machts eben wer anderer.

Flip
02

Das sind leider nur Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Heute ist es nicht mal mehr was besonderen wenn man 2 Sprachen drauf hat und weltweit reisefähig ist. Probleme mit der Familienplanung? Dann sei man eben nicht für den Job geeignet, macht wer anderer für 3000 brutto all in. Und der Betrag ist heute echt nix mehr aufregendes. Immerhin ist es schon 2011.

Gobi Todic
01
Motiviert, unterbezahlt, angepisst

Allmächtiger Satan
232

Sich in Firmen einnisten, keine Erfahrung haben, auf den Chefsessel schielen, für jede Tätigkeit 3x solange brauchen, zum Zwecke der eigenen Weiterbildung und damit die Firma als Zeile eines Studentenlebenslaufs endet? Dafür soll eine Firma zahlen?

Lächerlich. Studenten nutzen Firmen aus, also nutzen Firmen Studenten aus.

Minister der Ökomonie
07
Jaja...

...solange der Chef so tut, als würde er mir genug bezahlten, tu ich so, als würde ich genug arbeiten.

Jemanden in seinem Betrieb arbeiten zu lassen (und sei es Zettel falten) ohne ihn zu bezahlen ist schlichtweg schäbig. Ob das nun legitim ist oder nicht, es ist der Beweis eines schlechten Arbeitgebers und man braucht eigentlich gar nicht hin gehen, denn der taugt auf Dauer nicht. Spätestens beim ersten längeren Krankenstand oder Karrenz ist man dann eh draussen - wenn nicht bei einer der tollen Einsparungsrunden.
Sogar Asylanten bezahlt man fürs Zettelfalten... aber Akademiker nicht? Ein gutes Bild wirft das nicht auf unsere Arbeitgeber. Da kann ich nur sagen: Pfui.

Herr Plumm
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ich gebs zu. ich hab in meinen praktikas auch nie nen finger gerührt...die warn nicht schlecht bezahlt, aber weshalb soll ich für eine gschissene firma was tun wenn das geld sowieso auch ohne nen handgriff aufs konto kommt.

Allmächtiger Satan
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Ein Weiser unter all den Heuchlern, die es nicht anders tun, aber sich für Heilige halten und Moral mit dem Löffel austeilen.

Klump Fuss
03

Da hätte aber jemand sehr gern ein abgeschlossenes Studium..

Allmächtiger Satan
30

Eins reicht mir derzeit. Ich bin nicht doppeltitelgeil.

Mynnia
03

Die bösen Studenten zwingen die Firmen dazu sie unbezahlt anzustellen!
Und dann fallen sie auch noch nicht fertig ausgebildet vom Himmel, so wie ein normaler Mensch - ja, was fällt ihnen dabei eigentlich ein?

die kritische masse
00

hihi
selten so gelacht!

Plumbumran -
15
Da gibts eine einfache Lösung...

Praktikaten müssen per Kollektivvertrag wie eine vergleichbare reguläre Arbeitskraft bezahlt werden.

Eine Einlernphase hat ein regulärer Angestellter auch. Meist wird von den Mitarbeitern ja nicht verlangt dass sie wöchentlich eine Doktorarbeit schreiben, den neuen Westflügel vom Office designen oder so was, sondern dass sie eine vorgegebene Aufgabenstellung abarbeiten. Das tut ein Praktikant ja auch.

Hyla Arborea
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Wer jung, hochqualifiziert und hochmotiviert ist, der wird sich ja wohl mehr zustande bringen als Gejammer! Die anderen mögen zumindest in der Lage sein trinkbaren Kaffee zu brühen!

1116er
01
motto: fürs leben lernen!

praktikanten sind "günstige, hoch motivierte und qualifizierte Arbeitskräfte...".
sie machen dieses praktikum, weil sie sich die qualifikationen für eine spätere führungsposition erwerben wollen.

wie kann man solch eine qualifikation besser erwerben, wenn nicht am eigenen leib erleben, was man später mal mit den mitarbeitern machen soll: druck auf sie ausüben,
leistung fordern,
wenig zahlen.

somit scheint ein praktikum wirklich eine super vorbereitung zu sein!

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