EBEL expandiert nach Tschechien

2. Juni 2011, 14:01
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Der tschechische Zweitligist Orli Znojmo wechselt zur kommenden Saison in die EBEL, an der nun elf Vereine aus fünf Nationen teilnehmen

Was sich in den letzten Wochen bereits angekündigt hat, ist seit Dienstag auch vertraglich fixiert: Mit dem tschechischen Zweitligisten Orli Znojmo kommt ein elfter Klub respektive eine fünfte Nation in die EBEL. Der Verein aus Südmähren, nur 75 Kilometer Luftlinie von Wien entfernt beheimatet, hat mit der Liga einen vorerst auf drei Jahre befristeten Vertrag unterzeichnet.

Lange Geschichte mit zehn Erstligajahren

In Znojmo wird seit 1933 Eishockey gespielt, professionelle Strukturen entwickelten sich jedoch erst in den frühen 1990er-Jahren. 1999 gelang der Sprung in die Extraliga, die höchste tschechische Spielklasse, der man in der Folge zehn Jahre lang angehörte. Als größte Erfolge dieser Periode gelten der zweite Platz nach dem Grunddurchgang 2000/01 sowie der (einzige) Halbfinaleinzug in der Saison 2005/06. Wirtschaftlich stellte die Partizipation an der Extraliga für den Klub aus der nur knapp 35.000 Einwohner zählenden Stadt stets eine große Herausforderung dar. Ein Druck, dem man im Sommer 2009 nachgab, als man die Erstliga-Lizenz an den finanziell potenteren Nachbarn Kometa Brno (am 21.August Gegner des EC Salzburg in der European Trophy) verkaufte und den Verein in der zweiten Liga neu gründete.

Kleinstes Budget aller Klubs

Wirtschaftlich einigermaßen konsolidiert bewegten sich die Orli (zu Deutsch: Adler) in den vergangenen beiden Jahren im Mittelfeld der Tabelle und scheiterten jeweils im Viertelfinale. Nun sucht man nach der internationale Herausforderung und wechselt in die EBEL.
Finanziell mit den Topklubs mithalten wird Znojmo nicht können: Zwar wird man das Budget der neuen Saison im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel erhöhen, mit einer knappen Million Euro werden die Tschechen jedoch der am schwächsten dotierte Verein im Bewerb sein.
Dass damit auch personalpolitisch keine großen Sprünge möglich sind, ist dem Management in Znojmo bewusst. Als erstes tschechisches Team, das an einer internationalen Liga teilnimmt, erhofft man sich aber einen gewissen Attraktivitätsbonus am nationalen Transfermarkt. Zeigen soll sich dieser in der zweiten Augusthälfte, wenn in den Trainingscamps der Klubs der Extraliga die Kader gestrafft und viele - vornehmlich junge - Spieler zumindest temporär verfügbar werden.

Nachwuchs als zentrale Säule

Noch nicht gänzlich geklärt ist das rechtliche Verhältnis, das Orli Znojmo in Zukunft zum tschechischen Eishockeyverband eingehen wird. Erst am Donnerstagnachmittag tagt das entsprechende Gremium im ČSLH, wahrscheinlich ist aber, dass der Verein in der Föderation verbleibt und dementsprechend auch zumindest seine Nachwuchsteams in die diversen nationalen Meisterschaften entsenden kann. Das ist insofern wichtig, als dass der EBEL-Neuling ob seiner engen budgetären Grenzen in den kommenden Jahren stark vom Output seiner Jugendarbeit abhängig sein wird. In der jüngeren Vergangenheit gelang es Znojmo nur bedingt, die ausgebildeten Spieler auch für die Kampfmannschaft zu halten, der Großteil der wirklichen Talente erlag der Versuchung, zur immer wieder in den Gewässern von Orlis Nachwuchsarbeit fischenden Konkurrenz zu wechseln.

Langfristiger Aufbau

Momentan umfasst Znojmos erweiterter Kader für die kommende Saison 32 Spieler, mit Verteidiger Martin Škadra (Slowakei) fällt nur einer von ihnen in die Kategorie "Legionär" (siehe derStandard.at-Transferübersicht). Sieben U20-Cracks im Roster und ein Durchschnittsalter von nur 22,7 Jahren dokumentieren, dass der Verein erst am Beginn der Bemühungen des Aufbaus einer auch in der EBEL konkurrenzfähigen Mannschaft steht. Insofern sieht man bei Orli das erste Jahr in der neuen Liga auch als eine Art Testphase, nach der evaluiert und gegebenenfalls auch reagiert werden soll. Für die Premierensaison kalkuliert man in Südmähren mit einem Schnitt von 3.000 Zusehern pro Spiel, die sehr moderaten Eintrittspreise von vier bis fünf Euro bleiben im Vergleich zum letzten Jahr in der zweiten tschechischen Liga unangetastet.

Modus ohne Zwischenrunde?

Aufhorchen ließ Orli-Manager Stanislav Hahn am Rande der Pressekonferenz am Donnerstag mit der Ankündigung von 30 Heim- und Auswärtsspielen im Grunddurchgang. Dies würde bedeuten, dass man sich in der EBEL gegen einen Modus mit einer hinsichtlich ihres sportlichen Werts fragwürdigen Zwischenrunde entschieden hat und die elf Teams in der Regular Season stattdessen eine dreifache Hin- und Rückrunde (=330 statt im Vorjahr 270 Spiele) bestreiten würden.

Mit der Aufnahme von Orli Znojmo hat die EBEL ihren internationalen Charakter unterstrichen, die Liga scheint weiterhin auf einem guten Weg zu sein. Für den Neuling selbst wird das erste Jahr zu einer harten Bewährungsprobe - vor allem wirtschaftlich. Wie es um Znojmos sportliche Konkurrenzfähigkeit bestellt ist, lässt sich aktuell noch nicht abschätzen, zu viele personelle Änderungen sind bis zum Start der neuen Spielzeit am 9.September noch zu erwarten. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 2.Juni 2011)

  • Artikelbild
    foto: orli znojmo
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