Ärzte entziffern Genom des Ehec-Keims - Tirol: Bub und deutsche Touristin infiziert - Ein weiterer Verdachtsfall in Salzburg
London - Bei der Erkrankungswelle mit dem gefährlichen Darmkeim EHEC in Deutschland deutet sich nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie eine leichte Entspannung an. "Die Lage beruhigt sich scheinbar etwas, was die Zahl der Neuinfektionen angeht", sagte der Präsident der Gesellschaft, Reinhard Brunkhorst, am Freitag in Hamburg. Derzeit gibt es in Deutschland mehr als 2.000 bestätigte EHEC-Infektionen und Verdachtsfälle. Rund 500 Patienten leiden an der schweren Komplikation hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS).
30-Jähriger in Salzburg krank
Am Freitag wurde auch in der Stadt Salzburg ein
erster EHEC-Verdachtsfall gemeldet: Ein 30-jähriger Salzburger mit
familiärem Bezug nach Deutschland ist mit den typischen Symptomen in
den Landeskrankenanstalten in Behandlung. Der Mann hatte sich zuletzt
im Ausland befunden und war über München nach Salzburg gereist. Dort
habe er auch rohes Gemüse und Salat zu sich genommen, teilte das
städtische Informationszentrum in einer Aussendung mit.
Mutierter Ehec-Stamm entdeckt
Für die zahlreichen Darminfektionen durch den Ehec-Erreger in Europa ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein neuer, noch nie zuvor entdeckter Stamm von E. coli verantwortlich. Die WHO erklärte am Donnerstag, vorläufige genetische Untersuchungen hätten ergeben, dass der Stamm eine mutierte Form aus zwei E.-coli-Bakterien ist.
Die WHO-Expertin für Lebensmittelsicherheit, Hilde Kruse, sagte, ein solcher Stamm sei noch nie bei Patienten isoliert worden. Der neue Stamm weise Merkmale auf, die ihn mehr Giftstoffe produzieren ließen. Bisher hat Ehec in Deutschland mindestens 17 Menschen das Leben gekostet. Erst am Donnerstag gab die Universitätsklinik in Hamburg bekannt, dass eine ältere Patientin an den Folgen einer Infektion mit EHEC-Bakterien gestorben sei.
Ärzte entziffern Genom des Erregers
Wissenschaftler aus Hamburg und China haben die Erbsubstanz des in Deutschland grassierenden Ehec-Bakteriums gelesen. Mit dem Abschluss dieser Arbeit in der Nacht auf Donnerstag sei ein weiterer Schritt zur Identifikation des aggressiven Darmkeims gelungen. "Es handelt sich um einen besonderen Typ eines Ehec-Erregers", sagte Bakteriologe Holger Rohde vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf am Donnerstag.
Die Forscher hätten in dem Erbgut des Keims Anteile zweier ganz unterschiedlicher Bakterienstämmen gefunden. "Dieser Stamm ist nur ein ganz entfernter Verwandter der üblichen Ehec-Bakterien", ergänzte Rohde. In dem untersuchten Genom seien Teile des klassischen Erregers sowie von einem weiter entfernten Erreger gefunden worden.
Diese genetische Neukombination begünstige zum Beispiel das Anheften der Bakterien an die Darmzellen. Damit bleiben die Keime länger im Darm - und können dort auch länger Schaden anrichten. Der Keim weise zudem ein ganz besonderes Resistenzprofil auf. Die Arbeit gelang gemeinsam mit Kollegen des chinesischen Beijing Genomic Institute. Die neuen Erkenntnisse über das Genom des Bakteriums helfen den betroffenen Patienten nach Erkenntnissen der Experten allerdings nicht unmittelbar, sondern müssen in den nächsten Wochen erst interpretiert werden.
Suche nach Therapie
Auf der Suche nach Therapie und Schutz gegen Ehec erwarten Forscher
in der kommenden Woche konkrete Ergebnisse. "Wir erhoffen uns im Laufe
der nächsten Woche Hinweise zur Verhinderung weiterer Infektionen",
sagte Professor Dag Harmsen von der Uniklinik Münster dem Hessischen
Rundfunk.
Zunächst müsse geklärt werden, was den Ehec-Keim so
aggressiv mache. Dazu liefen derzeit verschiedene Untersuchungen. "Wir
rechnen damit, dass wir bald genügend Daten haben, um Hinweise auf die
Ursache der Aggressivität dieses Klons geben zu können", sagte Harmsen.
Noch keine Hilfe
Mit
den bisherigen Erkenntnissen könne Patienten noch nicht geholfen
werden. Woher der Ehec-Erreger genau komme, sei noch nicht geklärt. Die
genauere Kenntnis des mutierten Bakteriums und Vergleichsuntersuchungen
an anderen Keimen werden aber Hinweise auf den Ursprung zulassen.
Bisher keine Fälle in Europa bekannt
Bisher hat es in Europa keine Fälle mit dem Ehec-Keim des Typs O104:H4 gegeben. Das sagte Pamela Rendi-Wagner, Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit. Lediglich in Südkorea sei bisher ein Fall beobachtet worden.
Das Besondere an dem Keim, der laut Rendi-Wagner nach wie vor als Ehec-Keim zu klassifizieren sei, ist demnach, dass er ein Gen aufweist, das auf Ehec-Erregern nicht anzutreffen ist. Dieses Gen gehöre einem anderen Stamm von Escheria Coli-Bakterien an, nämlich den EAEC, so Rendi-Wagner. Diese Erreger seien normalerweise verantwortlich für chronische Durchfallerkrankungen in Entwicklungsländern.
Zwei Fälle in Tirol
Nachdem am vergangenen Dienstag der aggressive EHEC-Keim bei einer im Osttiroler Lienz aufhältigen deutschen Touristin festgestellt wurde, ist die Frau inzwischen nach Deutschland abgereist, sagte Reinhard Würzner von der Sektion für Hygiene und medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität Innsbruck am Freitag. Ihr Gesundheitszustand hatte sich verbessert. Jetzt werde ihre Umgebung in Osttirol untersucht, erklärte der Mikrobiologe die Vorgehensweise nach dem Aufkommen des Bakteriums.
"Es ist behördlicher Rat", führte Würzner weiter aus. Die Frau war eine Woche in Österreich auf Urlaub gewesen. Zuvor hatte sie sich in Norddeutschland aufgehalten.
Bub erkrankt
Um den zweiten Fall - ein Bub aus dem Unterland war an dem "alten, bekannten EHEC-Stamm" erkrankt - kümmere sich der zuständige Amtsarzt im Bezirk Schwaz, teilte der Experte mit. Bei dem Kind war der Keim zufällig entdeckt worden. Es war mit Durchfall zum Arzt gekommen, der vorerst Verdacht auf den Norovirus hatte. "Bei Kleinkindern werden die Stühle immer auf EHEC getestet", schilderte Würzner das Prozedere, um es aufgrund der "Unterdiagnose von EHEC" auszuschließen.
Ungenügend Hygiene seien laut Würzner ausschlaggebend für die Verbreitung. Dieser werde nicht wie bei einer Tröpfchen-Infektion wie bei einer Grippe durch Husten oder Niesen übertragen, sondern per Schmierinfektion durch den direkten Kontakt mit infizierten Oberflächen.
Verdachtsfall in Niederösterreich hat sich nicht bestätigt
Der in Niederösterreich aufgetretene Verdachtsfall einer Erkrankung
an Ehec-Keimen hat sich nicht bestätigt. Das habe der vorgenommene Test
ergeben, teilte die NÖ Landeskliniken-Holding am Donnerstag mit. Der
Patient, der am Mittwochnachmittag mit Symptomen einer Infektion ins
Landesklinikum St. Pölten eingeliefert worden ist, sei in einem guten
Allgemeinzustand, hieß es.
Der Österreicher war stationär aufgenommen und isoliert behandelt
worden. Er war erst kürzlich aus Deutschland zurückgekehrt.
Bei Gemüse und Obst in Österreich, das im Auftrag des
Gesundheitsministeriums auf mögliche Ehec-Keime untersucht wurde, sind
bisher keine derartigen Erreger gefunden worden. Das sagte Pamela
Rendi-Wagner, Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit. Bisher
liegen von 22 der insgesamt 130 gezogenen Proben die Analyse-Ergebnisse
vor.(APA)