Das Gehirn arbeitet weiter

10. Juni 2011, 11:54
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Menschen mit Nahtoderfahrungen waren niemals "hirntot" - Der Neurologe Roland Beisteiner im Gespräch mit Eva Tinsobin und Alkan Güler

Die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Areale im Gehirn während einer Reanimation noch funktionieren, ist groß. Der Neurologe Roland Beisteiner und führt Nahtoderlebnisse auf diese Restaktivitäten zurück.

derStandard.at: Sind Nahtoderfahrungen Illusionen oder Halluzinationen?

Roland Beisteiner: Diese Begriffe sind hier nicht anwendbar: Illusion ist die Verkennung einer tatsächlichen Wahrnehmung, Halluzination ist die Wahrnehmung eines nicht vorhandenen Ereignisses. Beides passiert im Wachzustand.

derStandard.at: Was sind Nahtoderfahrungen? Und was passiert da mit unserem Gehirn?

Beisteiner: Nahtoderfahrungen sind Erinnerungen an Erlebnisse während einer Phase, in der nach gegenwärtigem Kenntnisstand das Gehirn weitestgehend funktionslos sein müsste. Vermutlich funktionieren einige Hirnteile aber partiell und können auf diese Weise erinnerungsfähige Eindrücke produzieren, entfernt vergleichbar mit Träumen.

derStandard.at: Sie leiten die Wiener Arbeitsgruppe im Rahmen der internationalen AWARE Studie zu Nahtodphänomenen. Provokante Frage: Versetzt man in der neurophysiologischen Nahtodforschung Probanden in todesähnliche Zustände und holt sie wieder zurück ins Leben?

Beisteiner: Die Versetzung eines Probanden in einen todesähnlichen Zustand - zum Beispiel in Form eines künstlich hervorgerufenen Herzstillstandes - ist natürlich ethisch nicht vertretbar und kommt daher in der kontrollierten öffentlich rechtlichen Forschung nicht vor. Wir arbeiten mit der kontrollierten Befragung von Patienten, die einen spontanen Herzstillstand überlebt haben. Jeder Patient entscheidet völlig frei, ob er an der Befragung teilnehmen möchte oder nicht.

derStandard.at: Gibt es aus medizinischer Sicht eine Erklärung für Nahtoderlebnisse?

Beisteiner: Manche Aspekte lassen sich erklären, wie etwa die veränderte Wahrnehmung der Position des eigenen Körpers im Raum, sofern man annimmt, dass das Gehirn nicht völlig funktionslos war. Wichtig ist hierbei zu verstehen, dass die Neurowissenschaften schon länger erkannt haben, dass fließende Übergänge zwischen "subjektivem Erleben" des Betroffenen und "objektiver Beobachtung" des Neurowissenschaftlers bestehen können. Um auf Ulrich Lükes Beispiel des durch 26 Buchstaben des Alphabets codierten Inhalts von Goethes Faust einzugehen: Der Erkenntnisgewinn der Neurowissenschaften beschränkt sich in vielen Fällen nicht nur auf die Identifikation der 26 möglichen Buchstaben, vielmehr ist es durchaus möglich, auch den "codierten Inhalt" zu kontrollieren.

derStandard.at: Wie darf man sich das vorstellen?

Beisteiner: In der intraoperativen Diagnostik wird das Gehirn gezielt stimuliert um eine Handbewegung zu produzieren. (Anm.: Wachoperationen am Gehirn unter maximaler Schmerzausschaltung sind in ausgewählten Fällen internationaler Standard.) Ein Patient, der während der Operation wach ist, wird diese vom Neurochirurgen "produzierte" Handbewegung als subjektive Realität erleben. Analog dazu können durch Hirnstimulation auch außerkörperliche Wahrnehmungen produziert werden. In diesem Sinne wird ein verantwortungsbewusster Neurowissenschaftler nicht etwa versuchen "Lükes Nebel" weg zu erklären, sondern aufzeigen, dass er ihn in manchen Fällen sogar produzieren kann.

derStandard.at: Ist das "Licht am Ende des Tunnels" durch Sauerstoffmangel erklärbar?

Beisteiner: Ein Atemstillstand führt zu verminderter Sauerstoff- und erhöhter Kohlendioxidkonzentration im Blut. Das passiert aber im klinischen Alltag häufig, ohne dass Nahtoderfahrungen auftreten. Besser verständlich ist die Situation, wenn man annimmt, dass in der betreffenden Extremsituation einige Hirnareale in gewissem Ausmaß noch funktionieren und andere nicht. In diese Richtung deutet auch der Umstand, dass "Nahtod-Phänomene" nicht nur bei Herzstillstandpatienten auftreten, sondern auch bei Personen, deren Leben dramatisch bedroht ist, deren Herz-Kreislauf-System aber noch einwandfrei funktioniert - zum Beispiel in Absturzsituationen.

derStandard.at: Wenn das Herz nicht mehr schlägt und keine Hirnaktivität mehr messbar ist, können doch keine Sinneswahrnehmungen mehr stattfinden... Inwiefern sind die Berichte von Menschen, die Nahtoderfahrungen erlebt haben, mit der Definition von Hirntod in Einklang zu bringen?

Beisteiner: Gemäß den internationalen klinischen Kriterien sind all diese Patienten nicht hirntot, obwohl man annimmt, dass große Teile des Gehirns während eines Herzstillstands nicht mehr ordnungsgemäß arbeiten. Typischerweise geht man davon aus, dass bei Herzstillstand das gesamte Hirn wegen Sauerstoffmangels nicht mehr funktioniert. Eine "Restaktivität in einem Hirnbereich" würde bedeuten, dass dieser Gehirnteil eben doch noch funktioniert, diese Funktion aber mit den gegenwärtig zur Verfügung stehenden physiologischen Methoden nicht erfassbar ist.

derStandard.at: Warum nicht?

Beisteiner: Um ein genaues Bild der noch vorhandenen Hirnaktivitäten bekommen zu können, müsste man während eines Herzstillstandes umfangreiche neurophysiologische Untersuchungen durchführen wie EEG, invasive Ableitungen im Hirn und funktionelle Magnetresonanz-Untersuchungen, was einen großen Aufwand bedeuten würde. Darüber hinaus muss natürlich jede Sekunde für die Reanimation und nicht für wissenschaftliche Untersuchungen genützt werden. Dazu kommen methodische Probleme: Typische EEG Ableitungen erfolgen vom Schädelknochen und erfassen in der Tiefe gelegene Hirnstrukturen nicht.

derStandard.at: Beschäftigt sich die Wissenschaft ausreichend mit Nahtoderfahrungen, oder sollte sie sich aus ethischen Gründen vielleicht gar nicht damit beschäftigen?

Beisteiner: Die Wissenschaft sollte sich eigentlich vorurteilsfrei mit allen denkbaren Fragen beschäftigen. Dieses Gebiet ist aber wissenschaftlich nur sehr schwer zugänglich.

derStandard.at: Warum hat die Wissenschaft so ein großes Interesse an solchen Untersuchungen? Stehen konkrete Erwartungen dahinter?

Beisteiner: Wenn man sich die internationale Forschungslandschaft ansieht, kann man nur zur Schlussfolgerung kommen, dass die Untersuchung von Nahtodphänomenen ein absoluter Randbereich der Wissenschaft ist. Bei allen ernst zu nehmenden Wissenschaftlern ist die Forschungsmotivation, Mensch und Natur besser verstehen zu können um daraus positive Konsequenzen für die Menschheit abzuleiten, wie etwa die verbesserte medizinische Betreuung von Patienten. So haben frühere Studien vorläufige Hinweise geliefert, dass der Blutsauerstoffgehalt bei Patienten mit Nahtoderfahrungen höher sein könnte als bei jenen ohne Nahtoderfahrungen. Mehr Sauerstoff im Blut während der Reanimation erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass Teile des Gehirns während der Reanimation noch funktionieren.

Eine andere Studie hat gezeigt, dass ein Teil der Patienten mit Nahtoderfahrungen messbare positive Verhaltensänderungen aufweisen, wie gesteigerte Empathiefähigkeit oder verringerte Angst vor dem Tod. Insgesamt ist die internationale Literatur zu dieser Thematik allerdings so spärlich, dass nur großangelegte internationale Studien das Verständnis verbessern können.

derStandard.at: Angeblich sind zwei Drittel der wissenschaftlich erfassten Nahtoderfahrungen überwältigende Erlebnisse, ein Drittel sind dagegen Horrorerlebnisse. Können Sie das bestätigen?

Beisteiner: Aus meiner Sicht lässt sich eine eindeutige prozentuelle Aufteilung in positive und negative Erlebnisse aufgrund der geringen Anzahl gut kontrollierter Studien derzeit nicht durchführen. Es scheint wahrscheinlich, dass negativ dominierte Erfahrungen vorkommen können, diese allerdings selten sind. In einer der bisher bestpublizierten Studien zu Nahtoderfahrungen (Anm.: Van Lommel, Lancet 2001) berichtete keiner der 62 befragten Patienten von negativen Erlebnissen.

derStandard.at: Sind Nahtoderfahrungen ein Beweis dafür, dass das Bewusstsein nicht an die Gehirnaktivität gebunden ist, also als separate Einheit existieren kann? Wir sprechen dabei vielleicht von "Seele"...

Beisteiner: Für den Begriff "Seele" gibt es keine naturwissenschaftlich allgemein anerkannte Definition. Die wahrscheinlichste Hypothese ist, dass diese Phänomene durch Restaktivitäten des Gehirns produziert werden.

derStandard.at: Haben Vorstellungen von "Seele" oder "Gott" dann überhaupt Platz in Ihrer Forschung?

Beisteiner: Ein Phänomen, für dessen Definition nicht zumindest einigermaßen Übereinstimmung zwischen Naturwissenschaftlern besteht, kann nicht naturwissenschaftlich erforscht werden, weil alle Beteiligten unterschiedliche Vorstellungen mit dem Forschungsinhalt verbinden. Das gilt natürlich auch für die interdisziplinäre Kommunikation. Wenn Ulrich Lüke meint "Experimente der Hirnforschung auf der Suche nach Gott sind ungefähr so sinnvoll wie das Zerlegen eines Fernsehgerätes auf der Suche nach Ulrich Wickert" (zum Artikel) hat er zwar grundsätzlich recht. Die meisten Neurowissenschaftler würden aber wohl antworten, dass ein derartiger Versuchsaufbau gar nicht existiert - unter anderem weil der Begriff "Gott" nicht naturwissenschaftlich, ja nicht einmal kulturübergreifend einheitlich definiert werden kann.

derStandard.at: Das heißt, solche Begriffe werden ausgeklammert?

Beisteiner: Das Problem der genauen Definierbarkeit des Forschungsinhalts und daraus resultierender Meinungsverschiedenheiten existiert auch bei Begriffen, die auf den ersten Blick "einfach" definierbar sind. Das Grundproblem ist einerseits die Vieldeutigkeit unserer Sprache, andererseits dass aufgrund unterschiedlicher Axiome, unterschiedlichen Wissens und soziokulturellen Hintergrundes meist nicht alle Aspekte eines Begriffs von allen Menschen gleich gesehen oder erkannt werden. So dürften die Definitionen des umgangssprachlich häufig verwendeten Begriffs "Energie" zwischen den meisten Naturwissenschaftlern und den meisten Esoterikern recht unterschiedlich ausfallen.

derStandard.at: Besteht eine Zusammenarbeit oder ein Austausch mit Wissenschaftern anderer Disziplinen?

Beisteiner: Ein anlassbezogener interdisziplinärer Diskurs ist gerade in der Medizin, die auch als eine Art Schnittstelle zwischen verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen gesehen werden kann, der Regelfall. Insbesondere dann, wenn eine Autorengruppe eine - interdisziplinäre - Forschungsarbeit in einer internationalen wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlichen will.

derStandard.at: Was hat sich seit der ORF-Dokumentation Blick ins Jenseits, in der die Nahtod-Forschungsgruppe rund um Sam Parnia zu Wort gekommen ist, in der Forschung getan?

Beisteiner: Da Nahtoderlebnisse sehr selten auftreten - konkret bei nur zehn bis 20 Prozent aller reanimierten Menschen - rechnen wir erst in zwei bis drei Jahren mit aussagekräftigen Ergebnissen. (Eva Tinsobin/Alkan Güler, derStandard.at, 10.06.2011)

Das Forschungsprojekt:

Eine Arbeitsgruppe am Wiener Allgemeinen Krankenhaus beteiligt sich unter der Leitung von Roland Beisteiner an der AWARE Studie. Studienleiter ist der angloamerikanische Pulmologe Sam Parnia. Ziel der Forschungsgruppe ist, durch eine standardisierte Befragung von Reanimierten detaillierte Informationen über die Häufigkeit und Qualität von Nahtoderfahrungen zu bekommen. Das soll an über 20 Kliniken weltweit gleichzeitig erfolgen um möglichst viele Patienten einschließen zu können. Ein spezifischer Beitrag der Wiener Arbeitsgruppe ist zum einen die Weiterentwicklung eines spezifischen Fragenbogens, zum anderen der Aufbau eines Setups, das es ermöglicht, die immer wieder vorkommenden Angaben von Wahrnehmungen zu überprüfen, die aus der Körperposition beziehungsweise dem Körperzustand des Reanimierten eigentlich nicht möglich sein sollten. So liegt der Patient während des Herzstillstands und suspzierter Funktionslosigkeit des Gehirns typischerweise auf dem Rücken, meist mit geschlossenen Augen. Trotzdem gibt es Berichte über visuelle und akustische Wahrnehmungen, die aus einer Perspektive von oberhalb des liegenden Körpers gemacht worden wären ("out of the body experiences").

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  • "Die Untersuchung von Nahtodphänomenen ist ein absoluter Randbereich der Wissenschaft."
Roland Beisteiner leitet eine hirnphysiologische Forschungsgruppe am Allgemeinen Krankenhaus Wien. Er ist Facharzt für 
Neurologie und Psychiatrie Sein 
wissenschaftlicher 
Schwerpunkt ist die Erforschung der Funktion des menschlichen Gehirns 
mithilfe bildgebender Verfahren www.oegfmrt.org.
    foto: roland beisteiner

    "Die Untersuchung von Nahtodphänomenen ist ein absoluter Randbereich der Wissenschaft."

    Roland Beisteiner leitet eine hirnphysiologische Forschungsgruppe am Allgemeinen Krankenhaus Wien. Er ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist die Erforschung der Funktion des menschlichen Gehirns mithilfe bildgebender Verfahren www.oegfmrt.org.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Inner- oder außerhalb des eigenen Körpers? Durch Hirnstimulation können außerkörperliche Wahrnehmungen produziert werden.

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