Musikrundschau: Clubsound und mehr

2. Juni 2011, 18:23
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Neue Alben von Jamie Woon, Africa Hitech, Autokratz, UliRennert und Matana Roberts

JAMIE WOON
Mirrorwriting
(Polydor/Universal)
Modernistischer, den Magen umpflügender Dubstep, zeitgenössischer R'n'B, mild-melancholischer House und klassischer Soul: Der 1983 geborene britische Sänger führt auf seinem Debütalbum auf unaufgeregte Art und Weise diese diversen Spielarten von Clubmusik in den Mainstream. Im Vergleich zum ungleich gehypteren Kollegen James Blake klingt das zwar konventioneller und bewusster am klassischen Songformat orientiert. Mit wunderbaren Liedern wie der Single Night Air oder Lady Luck oder verhallten, spartanischen Balladen wie Gravity zählt diese Arbeit aber zu jenen Veröffentlichungen, auf die sich alle in den diversen Jahreswertungen 2011 einigen werden können.

AFRICA HITECH
93 Million Miles

(Warp)
Die zwei bewährten und verdienten Elektronikproduzenten Mark Pritchard und Steve Spacek lassen Stile wie Detroit Techno und Chicago House auf digital produzierten jamaikanischen Dancehall krachen. Verzerrte Vokalspuren und Reggae-Samples wie Schnipsel aus dem Werk der futuristischen Outer-Space-Jazz-Legende Sun Ra und Einflüsse aus afrikanischer Musik ergeben ein mitunter anstrengendes, allerdings mit Ideen und Musiken rappelvoll gepfropftes Album, anhand dessen sich erkennen lässt, dass im inflationären Genre der Elektronik tatsächlich auch noch etwas Neues geht.

AUTOKRATZ
Self Help For Beginners

(Bad Life/Trost)
Das Duo aus Manchester ist mit den alten Göttern der Stadt, vor allem mit New Order aufgewachsen und führt diese nun in aktuelle Elektropop- und eingängige Dancefloor-Formate über. Wehmütige Melodien, peitschende Drumcomputer, ein wenig klassischer Ibiza-Rave ergeben einen Gesamtsound, der erstaunlicherweise oft auch in die Nähe von Modern Talking und - schon wieder - Eurodance gelangt. Man kann das etwa auf Last Light nachhören. Dankenswerterweise kennt der Sänger einen Restgenierer und hält sich knapp vor dem Köpfler in den Schmalztopf zurück. Darüber erschrecken AutoKratz dann selber und schicken im Stile des alten britischen Trios Nitzer Ebb ein hartes 1980er-Jahre-Electronic-Body-Music-Brett wie The Seventh Seal nach.

ULI RENNERT
Projekt t

(Pan Tau X)
Wir haben hier eine originelle und anspruchsvolle Auseinandersetzung mit der Tradition: Keyboarder und Komponist Ulli Rennert denkt Altes wie Mood Indigo, Moon River oder 7 Come 11 neu und tiefsinnig. Manches ist schon so weit erfreulich subjektiv, dass ein Original - etwas Miles Davis' Blue in Green - nur noch als Assoziationsvorlage für die ausgiebige Entfaltung eigener Fantasie fungiert. Witzig Moon River: Eine verfremdete, kosmisch wirkende Vocoderstimme trällert die Melodie original, dahinter eine klappernde Schreibmaschine, beharrlich-monotone Bässe und pittoreske gitarristische Improvisationen. Bei Rennert finden Atmosphäre und überraschende Arrangements zusammen.

MATANA ROBERTS
Coin Coin Chapter One
(Constellation)
Schöne, wilde instrumentale Angelegenheit: Saxofonistin Matana Roberts (1978 in Chicago geboren) verfügt über einen ausdrucksstarken Ton mit dem Hang zu exaltiertem Notenschleudern der freejazzigen Art, wobei auch ihre Stimme über eine markante Expressivität verfügt. Hier steht sie im Dienste einer historischen Rückschau: Coin Coin erinnert an Marie Thérèze Coincoin, die einst in Louisiana lebte und sich ihrer Sklavinnenexistenz entledigte. Hier geht es um das erste Kapitel des Projektes Coin Coin. Stil? Gospelartiges Erzählen, freitonales und auch modales Improvisieren - und dies alles eingebettet in schillernde kollektive Sounds. Starke, kontrastreiche Sache. (schach, tos/ DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2011)

  • "Mirrorwriting"
    foto: universal

    "Mirrorwriting"

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