Traurig tanzen

2. Juni 2011, 18:06
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Die kanadische Formation Austra um Katie Stelmanis verbindet auf "Feel It Break" den Synthie-Pop der 1980er-Jahre mit Gothic und klassisch gebildetem Gesang

Theatralische Popmusik auf den Grundlagen von klassischem Synthie-Pop aus den 1980er-Jahren unter besonderer Berücksichtigung der damals wie heute im Untergrund prosperierenden Gothic-Szene erlebt in der Szene spätestens seit Acts wie Florence & The Machine oder The Knife oder Zola Jesus ein kleines Comeback. Die junge kanadische, in Toronto lebende Sängerin Katie Stelmanis fügt sich dabei mit ihrer Band Austra und dem Debüt Feel It Break ohne weiteres Aufsehen nahtlos in dieses Phänomen. Ihr Hit Lose It, eine freundliche Variation alter ästhetischer Vorgaben von Genreheld Marc Almond und seinem Duo Soft Cell mit ihrem Durchbruch Non-Stop Erotic Cabaret von 1981 und Klassikern wie Tainted Love, Memorabilia oder Say Hello, Wave Goodbye, läuft auf Heavy Rotation. Und dieser Song definiert auch das gesamte Erscheinungsbild der insgesamt elf Stücke von Feel It Break.

Nicht etwa, dass Stelmanis und Austra dabei auch nur ähnlich hochwertige Meisterwerke des tragödischen Plastikpop gelingen. Immerhin ist die Kunst bei Austra streng retrospektiv angelegt, was beim Hören eher für nostalgische Gefühle als Hochstimmung bezüglich Innovation sorgt. Dennoch kann man den Liedern nicht jegliche Eigenständigkeit absprechen. Schließlich hat Katie Stelmanis beim Kinderchor der kanadischen Oper ebenso eine solide Gesangsausbildung genossen wie sie auch Viola und Klavier studierte.

Das führt dazu, dass im Hintergrund der Drumcomputer fröhlich rückwärtsgewandt programmiert wird und Bass-Ostinatos wie die spartanische Keyboardbegleitung in der Nachfolge Soft Cells keinerlei Neuwerte ergeben. Wie sich auch der helle wie kalte, tragödisch die oft queeren Songtexte durchdringende Gesang in den Refrains, mit dem man bisweilen Steine schneiden könnte, um dann während der Strophen interessant brüchig und lebensmüde bis zum nächsten Höhepunkt auszuharren, am Ende bezahlt macht.

Wer sich auf solch übermächtige Vorbilder beruft und dabei auch immer ein wenig die damaligen Hitparaden im Sinne Giorgio Moroders oder Depeche Modes mitdenkt, wird vom Vorwurf des reinen Kopistentums freigesprochen. Manchmal allerdings, das ist immer dann, wenn Katie Stelmanis die Nähe zur Esoterikheldin Enya oder zur Progpop-Übermutter Kate Bush sucht, kann auch der gute alte Synthie-Pop nichts retten.

Am Ende wird oft alles wieder gut: The Noise und The Beast, die beiden letzten Stücke, beweisen, dass Stelmanis nicht nur ihr Klavierstudium ernst genommen hat. The Noise zeigt auch, dass Austra im Zweifel nicht Depeche Mode hören, sondern lieber den abtrünnigen Depeche- Mode-Gründer Vince Clarke mit seinem späteren Duo Yazoo. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 3.6.2011)

 

  • Austra - Feel It Break 
(Domino)
    foto: domino

    Austra - Feel It Break (Domino)

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