"Manchmal denke ich an Wien"

2. Juni 2011, 08:30
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Xenios bedeutet der Fremde aber auch Gott und Schützer der Gäste und der Gastfreundschaft – ein perfekter Name für einen Reiseleiter. Ein Porträt

Halb zehn Uhr morgens in Paphos, einer Stadt im Westen der Mittelmeerinsel Zypern. In Jeans und T-Shirt steht Xenios bei Temperaturen um die 26 Grad im Haus des Dionysos, das zu einer großen Ausgrabungsstätte gehört: "Paphos war bis 1962 ein verschlafener, kleiner Ort. Das änderte sich mit der Entdeckung der gut erhaltenen römischen Mosaiken schlagartig. Heute genießt Paphos Weltruhm", sagt der Endvierziger und fährt enthusiastisch mit seinen Ausführungen fort. In der nächsten Stunde bleibt Reiseführer Xenios vor jedem Mosaik stehen, erklärt, was darauf zu sehen ist und erzählt die dahinter stehende Geschichte. "Weil die Familien von Pyramus und Thisbe verfeindet sind, dürfen sich die beiden nicht sehen und treffen sich heimlich. Bei einem dieser nächtlichen Treffen ..."

"Bist du Grieche?"

Wenn Xenios später beim Trinken seines zypriotischen Kaffees, den er am liebsten "metrio", also halbsüß mag, daran denkt, was bei seiner ersten nächtlichen U-Bahnfahrt in Berlin passiert ist, lacht er vergnügt. An seinem ersten Tag in Berlin sitzt er, in eine griechische Zeitung vertieft, in der U-Bahn. "Bist du Grieche?", wird er von einem Mann gefragt, der sich seine Zeitung ausborgen möchte. "Nein, Zypriote", antwortet Xenios, "Ich auch" entgegnet der Mann. So entspinnt sich ein Gespräch und schnell stellt sich heraus, dass der Mann genau das hat, wonach Xenios sucht: "Ein Zimmer in einer wunderschönen, großen Wohnung", sagt Xenios und amüsiert fügt er hinzu "im Nobelbezirk Berlin-Dahlem. Den hätte ich mir unter normalen Umständen nie leisten können."

"Sehr leicht"

Nach Berlin war Xenios, der mit vollem Namen Xenophon Xenophontos heißt, zu Studienzwecken gekommen - ganz ohne Deutschkenntnisse. "Außer `ich heiße Xenophon‘ und ‚ich habe Hunger‘ konnte ich nichts auf Deutsch sagen", schmunzelt Xenios, der heute Touristen- und Journalistengruppen durch Südzypern führt und in perfektem Deutsch Auskunft über Geschichte, Flora und Fauna der Insel gibt. Das Erlernen der deutschen Sprache sei ihm, so wie sein BWL-Studium an der FU Berlin, "sehr leicht" gefallen, erinnert er sich.

"Musste den Job schmeißen"

Weil ihm der Gedanke, "den ganzen Tag im Büro zu sitzen und mich mit Zahlen zu beschäftigen" wenig Freude macht, beschließt Xenios nach erfolgreicher Absolvierung seines BWL-Studiums eine Ausbildung im Tourismusbereich anzuhängen. Nach sieben Jahren in Berlin kehrt er nach Zypern zurück, wo er in der Hotellerie arbeitet. Zunächst ist er Empfangsmitarbeiter, dann -chef und steigt schließlich zum General Managing Director eines Fünf-Sterne Hotels auf. Als solcher habe er damals zwar „wirklich, wirklich gut" verdient, aber „irgendwann habe ich das einfach nicht mehr ausgehalten. Das Hotel spukte ständig in meinem Kopf herum", erzählt er.

"Viele schöne Erinnerungen"

Er kündigt seinen Managementjob, kommt bei der Cyprus Tourism Organisation (CTO) unter und wird wegen seiner Deutschkenntnisse nach Wien geschickt, wo er in der Innenstadt ein CTO-Büro aufbaut, das er vier Jahre lang leitet, bevor er wieder nach Zypern zurückkehrt. Die Rückkehr sei ihm nicht leicht gefallen, weil es ihm in Wien sehr gut gefallen habe. Vor allem der Stephansplatz, der Nasch- bzw. Brunnenmarkt und auch Grinzing haben es dem Reisleiter angetan. „Manchmal werde ich ganz melancholisch, wenn ich an Wien denke. Ich verbinde so viele schöne Erinnerungen mit der Stadt." Weil er sich der Stadt so verbunden fühlt, kommt Xenios so oft es geht nach Wien.

"Landwirt aus Leidenschaft"

Wenn Xenios nicht gerade mit einer Gruppe durch Südzypern fährt, Touristen am CTO-Schalter am Flughafen in Larnaca betreut, in Wien spaziert oder Urlaub auf Sizilien macht, dann ist er auf seinen Feldern nahe der zypriotischen Hauptstadt Nicosia anzutreffen. Seine Frau und er bewirtschaften einen Kartoffelacker von sechs Hektar Größe, außerdem haben sie auch Feigen- und Orangenbäume, aus deren Früchten sie "sehr schmackhafte" Marmeladen zaubern. Besonders stolz ist Xenios aber auf ihr Olivenöl: Aus den Früchten ihrer 450 Olivenbäumen produzieren sie jährlich etwa 400 Liter hochqualitatives Olivenöl: "Ich kann die Nachfrage an meinem Öl gar nicht stillen", sagt er und seine Augen strahlen. Früher hätten sie auch noch Tomaten, Gurken, Fisolen und Wassermelonen angebaut. "Das machen wir aber nicht mehr, weil es zu arbeit- und zeitintensiv ist", erklärt er und fügt hinzu, dass er seine Zeit lieber mit seiner Frau und den beiden Kindern als auf dem Feld verbringt.

"Religion ist Religion"

Später, vor der Agia Paraskevi-Kirche im Ort Geroskipou, ist Xenios wieder ganz Reiseführer: "Die Kirche wurde im 11. Jahrhundert gebaut und ist eine der drei Fünfkuppelkirchen Zyperns. Diese dreischiffige Kirche ist ..." Beim Betreten der Kirche hält Xenios inne, verbeugt sich vor dem Altar und bekreuzigt sich, wobei er Daumen, Zeige- und Mittelfinger zusammenhält. Nachdem er verschiedene Ikonen geküsst und Kerzen angezündet hat, wendet er sich an den Priester der Kirche und bittet ihn, ein Gebet für seine kranke Schwester, die Paraskevi heißt, zu lesen. Beim Verlassen der Kirche hält Xenios das in Papier eingewickelte Weihrauchharz, das der Priester für seine Schwester gesegnet hat, in seiner Hand. Der Priester habe gesagt, seine Schwester solle eine Nacht mit dem Harz unter ihrem Kopfkissen schlafen, dann würde es ihr besser gehen, erklärt er mir. "Religion ist Religion", sagt er, bevor er sich umdreht und nochmals bekreuzigt. (Meri Disoski, 02. Juni 2011, daStandard.at)

  • Von Zypern nach Berlin, über Wien und wieder zurück nach Zypern. Xenophon Xenophontos hatte ein bewegtes Leben.
    foto: meri disoski

    Von Zypern nach Berlin, über Wien und wieder zurück nach Zypern. Xenophon Xenophontos hatte ein bewegtes Leben.

  • Xenophom in der Agia Paraskevi-Kirche in Geroskipou.
    foto: meri disoski

    Xenophom in der Agia Paraskevi-Kirche in Geroskipou.

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